Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1883)
- Article
- Wie erziehen wir unseres Kinder?
- Date
- 1883-12-06
- Page
- 850 (sequence 2)
- Language
- German
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850 dürften Eltern sich ihren Kindern als einziges Vorbild! und ibr Beispiel ab? das allein ausreichende Gesetz zur j Nachahmung anfstellcn. Ich bin vielmehr der Meinung,! daß die Eltern dein schon etwas vorangeschmtcncn Kinde! zum Bennrsuscin zn bringen hatten, daß auch sic selbst! irren und fehlen könnten, und für Eltern und Kinder! als einzige Pflicht die Verwirklichung des göttlichen 1 Gesetzes in That und Gesinnung zu gelten habe. Das Kind aber soll diese Pflicht von den Eltern nicht nur ausgesprochen, sondern in Aufrichtigkeit und hohem Ernste geübt sehen; cs soll bei den Eltern wahrnehmen. daß sic in dem Slrebcn nach dem Guten nimmer ermüden, daß die Eltern in Wirtlichkeit kein wichtigeres Anliegen kennen, als immer kesser und vollkommener zu werden, als das Gute zu üben und das Schlechte zn meiden. Und dieses Beispiel wird das Kind zn dem gleichen Streben anspornen und ermuntern, wird ihm die .Kraft geben, sich in dein Guten zu üben und dem Reize des Schlechten zn widerstehen, wird es bcfähigen, sich selbst in Zucht zn nehmen und fortzuschreiten in dem Wandel der Tugend. Es wird in seinen Eltern nicht das verkörperte Ideal derselben erblicken, wohl aber das nachahmuugswcrthc Beispiel in dem freudigen, ernsten, unermüdlichen Streben nach dem Guten. Dem Kinde auf der ersten EntwickelungSstufe erscheinen freilich Vater und Mutter als das vollendetste selbst. Je mehr die Eltern diesem sich nähern, ein desto besseres Beispiel werden sic gewähren und eine desto größere Garantie haben, daß ihr Kind sich zu einem guten Menschen entwickeln werde. Der Eltern Vorbild ist jedenfalls von wesentlichstem Einslusse auf die Erziehung und erleichtert die Gewöhnung zum Guten, wenn es ein gutes ist. In dieser Gewöhnung besteht die eigentliche Kunst der Erziehung. Alle Kräfte und Anlagen des Kindes sollen durch Gewöhnung dein Erziehungszwccke in einem solchen Grade dienstbar gemacht werden, daß sie sich endlich ungezwungen demselben zur Verfügung stellen. Das Kind soll durch Gewöhnung dahin gebracht werden, nur das Rechte zu wollen, so zwar, daß cs ihm keine Uebcrwindung mehr kostet, weil das rechte, vernünftige Wollen durch Ucbung und Gewohnheit ein Theil seines Wesens geworden. Gewöhnung ist das unausgesetzte, gleichmäßige Lenken des Kindes nach einer bestimmten Richtung; je sicherer die Lenkung, desto sicherer wird das Kind die Richtung einhaltcn, je weniger es von derselben abweicht, desto kräftiger beherrscht diese sein Wesen. Wenn nun der Nachahmungstrieb in den! Kinde allerdings sehr mächtig wirkt, und, wie vorhin erwähnt, deshalb das cs umgebende Beispiel von bedeutendem Einflüsse ist, so macht sich doch in jedem Kinde dessen selbstständiger Wille geltend und opponirt gegen das unbedingte Folgen eines fremden. Das Kind hat eben seinen eigenen Sinn, und da cs in vielen Fällen und sicherlich auf einer frühen EntwickelungSstufe den überlegenen Vcrunuftgrüudcu seines Erziehers kein Bcrständniß entgegcnznbringen vermag, jo wird das Beharren auf seinen eigenen Willen zum Eigensinn. Diesen Eigensinn zn leiten, diesen eigenen Willen auf das Vernünftige zu lenken, das ist die vornehmlichste Aufgabe der Erziehung. Und darum gilt es vor Allen!, das Kind zum Unterwerfen unter den Willen des Erziehers zu veranlassen, es an Gehorsam zu gewöhnen. ES ist dieses der schwierigste Theil der Erziehung, aber auch deren Fundament; nur wenn dieses sicher gelegt ist, kann überhaupt von einem weitern Fortschritt des ErziehungSgcschäftS durch Unterweisung und Belehrung die Rede sein. Ich betrachte diese Gewöhnung an Gehorsam als die schwierigste ErziehungSaufgabc sowohl vom Standpunkte des Kindes wie der Eltern. Gehorchen, den eigenen Willen aufgcben, um sich einen! frcmbcn zn unterwerfen, ist schwer und kostet einen großen Aufwand von Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung, und ebenso schwer ist es, zu befehlen, Gebote zu crtheilcn, so zu gebieten, daß derjenige, dem man befiehlt, gern und willig gehorcht. Der Erziehung kommt hierbei die deS Kindes Herz erfüllende Liebe zu den Eltern, sowie die Liebe der Eltern zu dein Kinde wesentlich zu Hülfe. Das Kind weiß, daß die Eltern sein Wohl bezwecken, und die Eltern wollen des Kindes Bestes. Es kommt nur darauf an, daß das Kind dieses Bewußtsein nicht verliert, und die Eltern in jedem einzelnen Falle sich von diesem Zwecke einzig und allein leiten lassen. Jenes Bewußtsein wird aber getrübt, sobald das Kind wahrnimmt, daß unter gleichen Umständen nicht immer der dem seinigen überlegene elterliche Wille in der gleichen Weise sich kundgiebt, oder wenn diese seinen eigenen Willen beschränkende Willensäußerung der Eltern keineswegs als absolut zn betrachten ist, mit anderen Worten, wenn der elterliche Befehl nach Laune und Stimmung wechselt, und crtheilt wieder aufgehoben wird, wenn den! Kinde ein Befehl oder ein Verbot aufcrlcgt wird,!vclches seine Kraft übersteigt oder der berechtigten Eigenthümlichkeit seines Wesens geradezu widerspricht — kurz, wenn in unbedachter, unvernünftiger Weise sich der elterliche Wille kundgiebt. Der Eltern Wille soll sich weise beschränken, soll der jeweiligen Entwickelung des Kindes angepaßt sein. Er sei wohl bedacht und überlegt und begreife mehr ein nothwendigeS allmäliges Beschränken des unvernünftigen kindlichen Begehrens, als die Ucbung einer Handlung, bewege sich demnach mehr ans dem Gebiete des Verbots als des Gebots — und habe auch in der That ausschließlich des KindeS Wohl zum Zwecke; dergestalt geäußert, gelte er aber auch als bestimmt und unabänderlich. Hiergegen wird