Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1883)
- Article
- Israels Stellung zum alten und neuen Antisemitismus
- Date
- 1883-11-29
- Page
- 835 (sequence 3)
- Language
- German
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835 uns selbst und unseren! heiligen Bcrusc bewahrte Treue gewährt auch uns den Schutz Gottes und die endliche Anerkennung unserer Mitbrüder. Denn auf eigenen Bahnen will uns Gott geleiten zu dem Ziele hin, das der Weltgeschichte Räthsel Lösung enthält; und offenen, wachen AugcS sollen wir unseres WegcS dahin ziehen; das Geheimnis; der Geschichte ist uns längst enthüllt, und die Züge unserer Geschichte vor Allem liegen klar und deutlich vorgezeichnet in den Worten der Propheten, ׳)koch bevor Israel seinen Gang durch die Völker antrat, losgelöst von dem eigenen Boden, machtlos und ohnmächtig jedem feindlichen Angriff ansgcsetzt, und ein Prinzip verkündend und verwirklichend, welches im Gegensatz zu der herrschenden Anschauung stand, hatte Gott seine Diener an eS gesandt, ihm die Bedeutung dieses GalnthgeschickeS auSzusprcchen, auf bat! eS sich auSkeune in den verschlungenen Pfaden, die eS zu durchwandeln habe, und in den dunkele!! Tagen den AnSblick auf das von Licht umstrahlte Endziel nicht verlicre, und in den Hellen sich nicht blenden lasse von des Glückes Sonne. Das Prophctcnwort soll ihn! die Wolken- und Fcucrsäule der göttlichen Wallung sein, welcher eS nachzuwandeln hat, daun zieht eS seine Straße sicher und unentwegt. Und so ward eS auch dem Propheten AmoS*) gezeigt, und also hat er es ausgesprochen zu den Zeiten Usija'S, dcS Königs von Juda, wie Israel wehrlos der feindlichen Menschengewalt und der Macht der Natur prciSgegeben, ohne Gottes besonder!! Schutz der Bernichtung und Vergessenheit anheiiufallcn müsse. Er sah das schwache, winzige Jakob von den גזי ״ המלךden. königlichen Scherern", den Dienern der staatlichen Gewalt bedrückt und der Existenzfähigkeit beraubt, und sodann dem ״Heuschreckcnschwarm" verfallen, der den letzten Halm des jüdischen Ackers, welcher von den Mächtigen ihm gelassen, vertilgt — ״also wird eö nicht sein/' sprach aber Gott zu dem angstvoll für sein Volk flehenden Propheten. Und wiederum schaute er das ohnrnächtigc Jakobs- Volk den Elementen zun! Opfer fallen; des Jeucrö verhccrende Gluth erfaßt cs und zehrt jede Lebenskraft in ihm auf. Nicht äußere Gewalten dringen auf eS ein; in seinem Innern lodert das zerstörende Element, bis endlich nur Asche sein früheres Dasein ankündigt. Und dem Herzen dcS Propheten entringt sich der SchmcrzcnSruf: laß' ab, o Gott; und Gott spricht: auch also wird eö nicht sein. Da endlich ward eS ihm gezeigt: ״und siche, eS stand mein Gott auf einer Mauer von Onyx und in seiner Hand befand sich ein Onyx, und Gott sprach zu mir: was sichest Du, AmoS? und ich sprach: einen Onyx. Da sprach Gott: siche, ich setze einen Onyr in die Mitte meines Volkes Israel, darum werde ich nicht wiederum an ihm vorübergehen." Vernichtung ist nicht der Zweck des Galnth. Würde Gott Israels Untergang gewollt haben, so hätte es nur des AufhörenS des besonderen GotteSschutzeS bedurft, und eS wäre den! über eS hcrcinstnrmendeu Feinde zur gänzlichen Vertilgung anhcimgcfallcn, so hätten eS die Naiurgeivalten längst in seinem Lebensnerv aufgericben. Israels Bestand war von jeher ein Gotteswunder, nur von Gottes Allmacht gehalten, von seiner Hand getragen, vermochte eS überhaupt in'S Dasein zn treten nnd sich in Mitten der Völkcrfainilien selbstständig zu bc- Haupte!!, selbst damals, als es noch ein eigenes Staatswesen bildete. Zu hohen! bedeutsainem Zwecke hat Gott dieses Volk hcrauSgcgrisfen ans der Völker Mitte und eS unter seine besondere Wallung gestellt. Das ganze Weltgcbüudc soll sich zun! Thron Gottes gestalten, die Erde ״seiner Füße Schemel" werden, die Stätte, in welcher seiner Waltung Spuren sichtbar erkannt und begriffen werden, wo alle Menschcnkreise sich huldigend und verehrend vor Ihm als ihren! Herrn und Vater beugen. Und Gott steht zun! Schutze dieses WcltcnbauS harrend und waltend und zur Vollendung führend, bis er zu lauterer Reinheit und!!ugetrübten! Glanze sich entwickelt. Und darum hat Er einen Edelstein hineingelegt in die Mitte des a!!S der Menschheit heranSgehobenen Kreises, und Israel sollte nichts anderes sein, als dieses Onyx' Fassung, Träger dieses Edelsteins, dieses kostbarsten Gutes, dainit eS dereinst von der gesammtcn Menschheit als den heiligsten Schatz in sich aufgenommcn und alle Nationen ebcnsalls keine andere Aufgabe kennen, als Hüter und Wächter desselben zu sein. Der Strahl dieses Edelsteins inacht allen anderen Glanz erbleichen, sein Licht und Feuer dringt erhellend und läuternd in der Sterblichen Herz und fuhrt sie ihrem Herrn und Vater in die Arme. Israel aber hatte sich nicht also begriffen; ihn! genügte nicht, die Fassung dieses Onyx' zu sein; es wollte in! eigenen Glanze strahlen wie die anderen Völker, und darum ward eö seiner Selbstständigkeit verlustig, dar!!!!! ging sein Staatenbau in Trümmer, darum mußte eö hinweg von den! eigenen Lande. Gott aber hat diesen Onyx sicher und fest gesenkt in die Mitte dieses Volkes und läßt nicht von ihm, so auch es Ihn verlassen nnd seiner heiligen Bestimmung untreu werden inöchte. Die herben Schicksalsschläge des Galuth, die Erfahrungen der Jahrhunderte sollen auf Israel wirken, sollen cs bearbeiten und gefügig machen, daß eS der willige und würdige Träger dcS in seiner Mitte ruhenden Edelsteins werde. Darum geht Gott nicht an ihn! vorüber und überläßt eö nicht dm! natürlichen Geschicke, *) Amos, Kap. 7.