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Jeschurun · 1883-11-22 · Heft 47 (22.11.1883) · p. 823

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 47 (22.11.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-11-22
Page
823 (sequence 3)
Language
German
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823 ״gciii ist sic auch," bemerkte der junge Mann. ״Gntman heißt ihre Familie?" ״Gntman," bestätigte Kohn. ״Wissen Sie, Onkel, au wen sie mich erinnert hat? sic ist auch eine geborene Gntman gewesen und eine brave Person. — Schade um sie — großes Unglück hat sie gehabt und jung hat sie sterben müssen — ich meine die Frau von dem Getauften, dem Ehrmann —" Das Klirren mehrerer Gläser, die in Scherben zerschellt zur Erde sielen, unterbrach ihn. ״Masscltow!" ries Schmnl lachend, er wähnte, die Kinder hätten die Gläser zerbrochen. Kohn aber blickte voll Schrecken auf; Mirjam stand mitten im Zimmer, sie war im Begriffe gewesen, um weiteren Ausschreitungen vorzubcngen, von dem Tische der Kinder die Weingläser fortznrünmen; auf ein Blech, das sic in der Hand hielt, hatte sie sie geordnet, als sie die unheilvollen Worte vernommen. Die Gläser waren ihren Händen entglitten; mit weit anfgerissenen Augen und gcisterblcichem Angesicht stand sie da, nach Athen! ringend. ״Herr Gott! Mirjam! Kind lieb! was ist Ihnen?" schrie Kohn und eilte auf sie zn. ״Todt! —'׳ stammelte sie, ״tobt!" Schmu! schlug verzweiflnngsvoll die Hände znsammcn. ״Ich Unglückseliger! was Hab' ich angestellt! — sie ist Freund von Ihnen gewesen und ich hab's nicht gewußt!" — ״Schweig!" rannte sein Onkel heftig ihm zn, ״schweig', sag' ich Dir und zu Keinem redest ein Wort — zn Keinem! — verstanden?" ״Seien Sic unbesorgt," murmelte Schmnl bcstürzt, ״ich werde schweigen", aber besorgt haftete sein Auge an dem jungen Mädchen, das heftig zitternd dort am Pfeiler lehnte und noch immer nach Athen! rang. Kohn war abermals zn ihr getreten. ״Kind lieb, Kind lieb, hier ist's zu heiß für Sie — kommen Sie hinüber. Möglichst ungeschickt, doch möglichst sorgsam, nahm er ihren Arm, um sic zn stützen, und geleitete sie hinüber in ihr 'Zimmer. Mirjam widerstrebte nicht, sie war sich nicht einmal bewußt, wo sie sich befand. ״Todt! —" flüsterte sie in sich erschauernd, .,todt!" schrie sie auf und nun endlich brach sic in ein lautes, herzzerreißendes Schluchzen aus. Kohn drückte sie sanft in einen Sessel nieder, dann eilte er zur Thür und schob den Nicgcl vor, auf daß kein Unberufener den Ausbruch des Schmerzes des unglücklichen Kindes gewahre; dann trat er wieder zu ihr und setzte sich ihr gegenüber und, vergessend des eigenen Frendentages und all der Frohen, die drüben seine Freude feierten, hatte er nur Sinn für die Weinende vor ihn!. Und in seiner sanften, freundlichen, zn Herzen dringenden Weise sprach er zn ihr. Er thcilte ihr mit, daß ihre Mutter gleich, nachdem sie die sie so sehr beglückende Nachricht von ihrer Tochter erhalten, verschieden, und bat sie, zu bedenken, welch' unsägliche beiden durch ihren frühen Hintritt der Edlen erspart worden. Welch' ein Leben an der Seite eines getauften Gatten ihrer gewartet hätte.. — Und selbst in dieser Stunde empfand Mirjam, daß der Wackere recht hatte, daß sie ihrer Mutter vorzeitiges Ende als Glück hätte preisen sollen — aber sie war Tochter und war nun verwaist — unablässig flössen ihre Thränen. Allmählich gelang es ihr jedoch, sich zn mäßigen; sie erinnerte sich der Festesfreude des Tages und erkannte das Opfer, das der brave Mann ihr brachte, der in dieser trüben Stunde hier bei ihr verweilte. Sie zwang sich, ihre Thränen zn bemcistern und bat ihn dringend, zn den Gästen znrückznkehrcn und zn Nahel und zn seinem Kinde. Als er sie ruhiger sah, stand er auf. ״Alsdann, Mirjam, Kind lieb, für heute bleiben Sie hier in Ihren! Zimmer, an! besten, Sic riegeln sich ein und legen sich auf's Kanapee, der Kopf muß Sie schmerzen. — Meiner Nahel werd' ich sagen, Sie hätten zn thnn in der Küche — und um was ich Sie rnöcht' bitten, Kind lieb — Sie wissen, was meine Nahel auf Ihnen hält — und sic ist doch noch 'n bisset schwach — wenn Sie morgen zn ihr kommen, wem! Sie 's können, lassen Sie sich's nicht merken, daß Sic 's wissen — Nahel weiß cS zwar — aber besser ist's doch, sie weiß nicht, daß Sie 's wissen." * * Es war an einen! Sadbathnachmittagc, der Abend nicht mehr fern. In den srenndlichen Näumcn des Kohn'schen Hauses sah cs heute noch festlicher ans, als an einem gewöhnlichen Sabbath; die junge Hanssrau war z!un ersten Male wieder in der Synagoge gewesen, und ihr wackerer Gatte, überglücklich, die Thenrc wieder frisch und neu erblühend zu sehen mit ihren! hosfnungsvollen Kinde, hatte in übcrströmcndein Dankgefühle sänuntlichen Wohlthätigl'eitsanstalten der Gemeinde bcdeutende Summen gespendet, und alle Freunde und Verwandten, ja selbst die entferntesten Bekannten hatten sich verpflichtet gefühlt, dem Kohn'schen Ehepaare abermals ihre ansrichtigsten Glückwünsche darznbringen. Das hatte die der Schonung noch Bedürftige doch ein wenig angestrengt, und als die Familie sich nun endlich allein befand, lehnte Nahel ermüdet in die Sofaccke, während Kohn seiner Gewohnheit gemäß die Hände auf dem Nücken über einander gekreuzt, in! Zimmer aus und nieder wandelte. In der Nähe des einen Fensters saß Mirjam, Nahcl's Kind schlummerte auf ihrem Schooße; ihr gegenüber an! andern Fenster lehnte der junge Frank

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