Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-11-22
- Page
- 822 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933043-2954890--14081-2954935- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
822 halten sollte, war bereits gekommen. In den seitwärts ' gelegenen Räumen des Kohn'schen Hauses, dort, wo die Küche an eines der Magazine stieß, herrschte schon seit einigen Tagen reges Leben; mehr als ein Dutzend rührige Hände bewegten sich dort vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht, nur alle erdenklichen Speisen zu bereiten, als gälte cs, ein Hochzeitsmah! herzurichlen. Die ganze Gemeinde nahm Theil an dem frohen Ereignisse im Hause deS reichen Lederhändlers, am meisten die Armen und Dürftigen. Kohn war ihnen stets ein Helfer in der Noth, doch an seinem Freudentage sollte Jeder sich freuen, und er that sein Möglichstes, um Jedem einen frohen sorglosen Tag zu verschaffen. In den!veilen Nämnen seines HanseS reihte sich Tisch an Tisch, mit duftenden Blumensträußen geziert und beladen mit den herrlichsten Speisen und schäumenden würzigen Weinen und mit den schweren Lilbergeräthcn des reichen Mannes. Und zu beiden Zeiten der Tische saßen in bunter Reihe fast säinmtliche Mitglieder der Gemeinde beim frohen, festlichen Mahle. Wie verklärt wandelte der Hausherr in den Festesräumen umher, von Tisch zu Tisch, um die Gäste zu aniinircn zu essen und zu trinken. Auch Mirjam mußte auf Rahel's Bitte heute der Aussicht an ihrer Zeile entblmden sein: sic mußte mit darauf sehen, daß Alles in gehöriger Ordnung, und daß cS nirgend fehle und ntußte ebenfalls zum Genüsse anffordern. Jit einen! Nebenzimmer un! einen runden Tisch reihte sich eine frohe Kindcrjchaar; cS waren die Sprößlkiige der nächsten Verwandten des .stöhn'scheu Paares. Lauter Jubel herrschte hier, denn Kohn hatte sich auch hier nicht begnügt, zun! Essen aufznjordern, er hatte auch fleißig eingeschenkt; die Kleinen hatten wohl in ihren! Leben nicht so vielen Wein genossen, und als Mirjam zu ihnen in's Zimmer trat, gewahrte sie mit Schrecken, daß bereits die reinste Weinscligkcit in den Augen der kleinen Zecher glühte, und bei• einem der Kleinsten war die Weinseligtcit sogar schon vorüber, ein weiteres Stadium war cingctreten. — Nasch!var Mirjam an seiner Seite, und inden! sic den Uebrigen strengstens verbot, die noch gefüllten Gläser zu leeren, bemühte sie sich, dem kleinen Patienten Erleichterung zu verschaffen. Da trat ein junger Mann in das Zimmer; er schien ebenfalls sich nach den Kindern umscheu zu wollen, voll Schrecken eilte er herbei, als er das bleiche Kind in Mirjam's Armen sah. ״Um Gott! Moscheh, waS ist's mit Dir?" Mirjam sprach die Hoffnung ans, daß der Kleine sich wohl bald erholen werde, er habe vermuthlich zu viel Wein getrunken. ״Ah so, das isl'S —sagte der junge Mann. ״Wart', Levi," wandte er sich an einen etwas größeren Knaben, ״Du wirst'S kriegen, die Mutter hat Dir'S doch ans die Seele gebunden, auf den Moscheh Acht zu zu geben und ihn keinen Wein trinken zu lassen." Der kleine Schuldbewußte lies; den KrauSkopf sinken, cs war ihm selber nicht klar darin. Mirjam hatte Mitleiden mit seiner Arntensündermienc. ״Die Kinder sind vielleicht zu entschuldigen," sprach sie mit sanftem Lächeln, ״Herr Kohn hat ihnen zu häufig die Gläser gefüllt — ich habe vergebens gebeten, er möge eS unterlassen." ״Ja, der Onkel hat ihnen eingeschcnkt," lachte der junge Mann, ״da haben die Kinder freilich keine Schuld. Na, sürcht' Dich nicht, Levi," fügte er gutmnthig hinzu, ״ich werd'S der Mutter schon sagen und dem Moscheh wird auch schon gleich wieder gut sein. — Aber das Kind wird Ihnen zu schwer, geben Sie 'S mir, er ist ja schon ein großer Junge." Er wollte bei diesen Worten den Knaben an sich nehmen, doch dieser fühlte sich eben etwas wohler, behaglich lehnte er das Köpfchen auf den weichen Arm des jungen Mädchens und schniiegtc sich fester an sie. ״Lassen Sic ihn mir," sagte Mirjam, ״er ist nicht ן\ schwer und gleich wird er schlafen, dann lege ich ihn drinnen auf das Kanapee." Sie hatte sich bei diesen Worten erhoben und war auf die offenstehende Thür des anstoßenden Zimmers zugeschrittcu. Schweigend, doch mit den! Ausdruck unverhohlener Bewunderung blickte der junge Mann ihr nach. Da legte sich Plötzlich eine warnte Hand auf seine Schulter; hastig wandte er sich um, das freudestrahlende Antlitz des Hausherrn lächelte ihn! entgegen. ״Na, wie ist's, Schmnl, gefallt sie Dir?" ״Und ob — wegen meiner könnt' heut' Abend Knaslegeu sein." ״Sachte, sachte, sachte!" lachte Kohn, ,so geschwind geht daS nicht — und dann — zwei Simchcs an einen! Tage war' zu viel. Denn Du mußt wissen, Zchmulleben, die Mad Hab' ich gern, als wenn sie mein eigen Kind war und einem Jeden vergünut' ich sic nicht — wenn Du nicht!nein Schwestersohn wärst und brav und gut und uichh so fleißig lernen möchtest, da bekämst Du sie sicher nicht, — das sage ich Dir — und wenn Du sie bekounnst, mußt Du sic halte!! lvie Deinen Augapfel, — das sag' ich Dir." ״Wegen den! brauchleu Sie nicht zu sorge!!, Onkel," lachte Schmnl, inden! er sich umwaudte, um zu sehen, ob Mirjam noch nicht wieder in's Zimmer getreten. ״Sie ist nicht da," sagte Kohn, ״aber Schmnl,!nein Sohn,!venu Du noch etliche Tage da bleiben möchtest, bis die Taute wieder auf ist, möglicherweise!uöchl' sie Dir erzählen von der Mad — waö daö für eine ist — ich sag' Dir, die Augen möchten Dir übergehen —