Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-11-22
- Page
- 824 (sequence 4)
- Language
- German
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824 mit verschränkten Armen. Der weiße Gazevorhang entzog sein Antlitz zwar den Blicken der Anwesenden, ermöglichte ihm jedoch gerade dadurch nm so leichter, das reizende Mädchen ihm gegenüber zu betrachten. Der junge Alaun sah nicht mehr ganz so frisch! aus wie vor einigen Wochen am Beschneidnngsfeste, als ihn sein C-nfel zürn ersten Male ans Diejenige aufmerksam gemacht hatte, die er ihm bestimmt. Kohn hatte ctf sicherlich wohlgemeint, als er dein jungen Manne den ihn betreffenden Plan mitgetheilt, ob er jedoch wohlgethan? — er zweifelte bereits selbst und schalt sich innerlich einen Schwätzer — und während er sonst alles, was er that und was er dachte, seiner Nahe! milzuthcilen pflegte — daß er dem Achsen die Aussicht ans die Hand ihrer Freundin eröffnet hatte, das hatte er ihr bisher noch nicht gesagt. Nahel's Scharfsinn hatte es jedoch trotzdem errathen, sie wußte die Blicke des jungen Mannes zu deutelt und auch sein häufiges Zischeln mit ihrem Manne, dessen Schweigen ihr gegenüber sic ebenfalls zn deuten wußte. Doch auch sie schwieg; in dieser Angelegenheit hielt sie Schweigen für das einzig Näthliche; so sehr sie den hochherzigen Plan des Gatten billigte, die Zeit zur Nealisirung desselben schien ihr noch nicht gekommen. Frank dachte freilich anders. Hätte sein Onkel seine Blicke nicht auf sic gelenkt, möglicherweise hätte er sie übersehen in dem Gewühl des Festes, wäre am Abend mit den Seinen heintgclehrt und hätte vielleicht vor den Herbslfeiertagen Kohn's Haus nicht wieder bctreten. Aber die Aelißerungeu seines Onkels im Verein mit M!rja>״'s Liebreiz hatten gleich im ersten Moment einen nuanslöschlichen Eindruck auf ihn geinacht, und war cs ihm ein Leichtes gewesen, seiilent fretindliehen Verwandten die Einladung zu cutlockelt, während der Sommermonate die Sabbathc in seinen! Hause zu verbringen. Sein Wohnort lag nicht fern, nur wenige Stunden vor Beginn des Sa'obaths brauchte er seine Arbeit zu unterbrechen und konnte des Onkels Haus noch immer rechtzeitig erreichen. Je öfter er aber Mirjam sah, desto glühender ward feine Sehnsucht nach ihrem Besitz, und allwöchentlich drängte er den Onkel, mit dem jungen Mädchen zu reden oder Nahe! zn veranlassen, cs zu thun. Doch Kohn hatte ihn bisher immer vertröstet ״bis die Tante tvicder am Platze ist." Doch nun war sic in der Synagoge gewesen, nun konnte man doch füglich behaupten, daß sic wieder an! Platze war und trotzdem — Frank glaubte zu bemerken, daß der Onkel seine Blicke mied und mehr noch als seine Blicke jeden Augenblick ungestörtell Alleinseins mit dem )!essen. Darum waren auch die Lippen des jungen ManncS so fest auf einander gepreßt und auf seiner jonst so glatten Stirn zeigten sich tiefe Falten des Unmnthes, während feine Blicke doch unablässig an seinem reizenden Gegenüber husteten. Mirjam's liebliches Antlitz war vielleicht um einen Schein bleicher als früher; doch ihr Blick war freier, ruhiger. Der nagende Zweifel war zwar nur der schmerzvollsten Gewißheit gewichen, doch sie war Jüdin in des Wortes höchster Bedeutung und ihre Ergebung in den Willen des Höchsten war so schrankenlos, wie ihr Streben, ׳stets Seinem Willen zu entsprechen. Eben erhellte ein Lächeln ihre Züge; der kleine Schläfer in ihren Armen war erwacht, er hatte die Augen anfgcschlagen, lächelnd neigte sie sich über ihn. Kohn gewahrte es und trat herzu. ״Äh! er ist wach? — Nefoellelien, mein Gold, geh her, schau ans den Vater!" Zweifellos hatte der junge Weltbürger, an den diese liebevollen Worte gerichtet waren, auch nicht die leiseste Ahnung von ihrer Bedeutung, doch das Schnalzen und ähnliche harmonische Geräusche, mit denen der Vater dieselben begleitete, mußten wohl die Aufmcrksantkeit des Kleinen erregt haben, denn sein Blick richtete sich in Wirklichkeit ans das über ihn geneigte Antlitz. ״Er vcrsleht's!" jubelte Kohn, ״er vcrstchl's! Nahe!leben, mein Kind, ich sag' Dir, er oersleht's." ״Meinst Du?" sagte )iahet lächelnd, ״er ist kaum fünf Wochen alt, das wäre doch zu früh." ״Zu früh? — wie heißt zu früh, No helleben? Dein Kind — das ist kein Kosehit; Hab' ich recht, Du goldiges Jüngel?" und aberinals neigte er sich über das Kind. ״Nefoelleben, gebenschter Jung! und unser kleiner Nesoelleben wird werden ein großer Ben Thauro, er lvird haben den feinen Kopf von der Mutter und wird sich weh thun wie der Vater und aus die Jeschiba wird er gehen nach Nickolsburg zu Gutem und wird ein Lamden werden, wie so bald keiner gewesen ist in der -Khillc — Hab ich recht, Refocllcben?" Aber das Kind hatte die Augen bereits wieder geschlossen. ״Daß er nicht müde wird von all den! Schlafen," bemerkte der Vater, dessen größte Wonne es war, in die allerdings selten schönen Augen seines Söhnchcns zn schauen. ״Willst Du ihn nicht hinein in sein Bettchcn legen?" bat Nahe!. Mirjam erhob sich, den! Wunsche der Freundin zu entsprechen; doch bevor sie das Zimmer verließ, hob sie das Kind in ihren Armen und brachte cs dem Antlitze des Vaters näher; dieser nickte ihr lächelnd zn und führte des Kleinen Hand leise an seine Lippen, dann erst trug sie das Kind in das anstoßende Zimmer. (Fortsetzung folgt.)