Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1883)
- Article
- Der Antisemitismus
- Date
- 1883-11-15
- Page
- 802 (sequence 2)
- Language
- German
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802 Bund hüten wollet, so müßt ihr mehr als alle Völker mir ausschließlich angeh örcn, denn mein ist die ganze Erde; — ihr aber sollt mir ein Reich von Priestern und ein heilig Volk sein!" (2. B. M. 19, 5.6). Nicht ein, die andere Menschheit ausschlicßendes VerhäUniß ist durch die Dsscnbarung an Israel mit diesem begründet worden, so daß cs aus dem Völkervcrcine fortan auszuscheidcn hätte, sondern cö sollte dadurch sich verpflichtet suhlen, Gott ganz anzugehörcu, mit jedem Streben und mit jeglicher Empfindung, Ihm sein ganzes Wesen weihend, wie cs die Bestimmung aller Menschen ist. Der jüdische Volksstamm sollte der erste sein, welcher, nachdem die Menschheit sich dieser Bestimmung entfremdet, zu derselben zurückkehrt, und, drlrch sein Beispiel die Brndermcnschheit zur gleichen ׳Rückkehr ladend, auf Erden als ein Priesterliches Volk erscheint, als ein Kreis von Menschen, der nicht für die Mehrung des eigenen Ruhms und der eigenen Größe, sondern in der Perkündigung Gottes durch ein in ״Heiligkeit", d. i. in der vollcndesten Unterordnung unter das göttliche Sittengcsetz, zu vollziehendes Leben seinen einzigen Beruf erkennt. Auch dem Herrn Verfasser steht eine Zeit als Ideal vor Augen, wo ״das Gemeinwohl der Gesellschaft die alleinige Richtschnur" für das Streben der Einzelnen sein wird; die jüdische Anschauung begegnet also hier der seinigen, wie sie auch mit ihm in der gegenwärtig sich breit machenden wüsten Agitation ״einen erschreckenden Fortschritt zum Schlechtern bis zurr! vollendeten Rückfall in die ödesten Zeiten der Unkultur und Barbarei" erblickt. Wir haben in unseren ״Betrachtungen über die Indenfragc in Deutschland" (Nr. 1 —9, 11, 13.15) ausführlich unsere Ansicht über die antiseinilische Bewegung niedergclcgt und finden zu unserer Freude in der Lippert'schen Schrift manche dainit übereinstimmende Gedanken. Es erschien uns als Juden nicht geziemend, die christliche Färbung, welche der AntisentiLismus durch Herrn Stöcker theilweise angenommen, einer Kritik zu unterziehen. Herr Lippcrt vindizirt Stöcker das ״unbestrittene Verdienst, zum ersten Male zum Einfange der sozial Unzufriedenen, beziehungsweise zur Begründung einer reaktionären Bolkspartei den aufgewärmten Leim des Antisemitismus auf seine Spindeln gestrichen zu haben." Als erstem Leiter der ״Innern Mission" tu Berlin, welche er in einem cigenthümlichen Sinne aujfaßt, erscheinen ihm, wie Herr Lippert meint, die Juden hinderlich und erblickt er in dem Antheil, beit jüdische Journalisten an der politischen Presse nehmen, die ״reine und ausgesuchte semitische Bosheit." Henrici dagegen vertritt nach Herrn Lippert's Ansicht eine andere Zeiterschcinung, das durch die Wiedergeburt des deutschen Reichs krankhast gesteigerte und ans irrige Bahnen gelenkte erhöhte deutsche Nationalbewußtsein: ״er kämpft gegen die Juden als Semiten mtd als Nasse." Er hält die sentitische Nasse tief unter dem Arier und insbesondere unter dem Germanen stehend, und weil dieses ein Nassenmerkmal ist, so sind die Inden unverbesserlich und müssen vom deutschen Volke ausgcschieden werden; dieses würde sonst selbst an seinen besseren Eigenschaften Schaden leiden. Mit Recht macht Herr Lippert darauf aufmerksam, daß hier ein Widerspruch mit dein System liege. Ist ein Nassennterkntal unauslöschlich, so müßten doch auch die vorzüglicheren und edleren germanischen Rassenmerkntale unzerstörbar sein, oder kleben gerade diese nur so oberflächlich an, daß die böse Gesellschaft der Juden solche vertilgen könnte?! Das stolze Hochgefühl ist demnach keineswegs ein Bewußtsein der Kraft, sondern fürchtet sich vor einer Minderheit; es ist eine Mißleitung von nationalem Selbstgefühl, daS den angeblich ״Frentden" nicht dulden will. Das heutige Deutschland, sagt Herr Lippcrt, ist aber zum größten Theile Kolonistentand. ״Wir lachen dem Tschechen in'S Gesicht, wenn er uns unser Fremdsein in seinem Lande vorwirft: ja, ja, wir sind als Frentde zu Euch Fremden in ein freni.des Land gekontmen; aber darum sind wir heute für uns hier Herren im Lande, so gut wie Einer und mit einem so gute Besitztitel, wie ihn irgend Einer anfweiseu kann! Irn deutschen Kolonistenlaiede aber ist der Jude nachweisbar älter als der Germane. — — England zieht Macht und Neichthum aus einer Unterthanenschaft aller Farben und Sprachen, und das erstarkte Deutschland sollte gerade jetzt einer Schwäche sich bewußt sein? Und man beachte den Widerspruch in unserer Schule, die ja, wie sie jetzt noch in Folge alter Erbschaft ist, halb und halb von semitischen Vildnugsstossen lebt; ja dieselbe Reaktion, welche alles Semitische verlachten will, sucht wieder womöglich Alles aus der Schule hinauszuwerfcu, was nicht jenem semitischen Schatze entnommen ist!" Herr Lippcrt meint, ״wo der Jude am gchaßtesten ist, da ist er sicher am unentbehrlichsten." Er geht auch auf die Blutbeschuldigung ein, deren völlige Haltlosigkeit er nachweist; freilich vermögen wir nicht allen seinen Ausführungen zu folgen. Einen Punkt möchten wir noch hervorheben, um daran eine Gegenbemcrkung zu knüpfen. Zum Schluß spricht Herr Lippert von der Betriebsamkeit, Sparsamkeit, Nüchternheit und dem Familiensinn der Juden, als trefflichen, nachahmungswürdigen Eigenschaften. Aber er meint, ״sie allein genügen nicht, Freundschaften zu erwecken, noch weniger ׳Neid und Vorurtheil zu besiegen. Möge der Fleiß seinen Lohn finden, aber cS thut nicht gut, damit zu prahlen; der Glückliche möge genießen, aber nicht prunken; er wird den minder Glücklichen sich vorbinden, nicht abstoßen."