Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1883)
- Article
- Der Antisemitismus
- Date
- 1883-11-15
- Page
- 803 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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803 Wenn der geehrte Herr Verfasser den einzelnen Juden, die zu Rcichthum gelaugt sind, einen vorsorg׳ lichcn Rat-H zu ihrem eigenen Besten geben will, eingedenk zu sein, daß dem Juden Rcichthum mißgönnt wird und sie durch ein Zurschautragcn desselben den Neid des Pöbels hcransforderu könnten, so wäre dabei nichts zu erinnern. So haben ja auch im Mittelalter die Juden ängstlich darauf Bedacht nehmen müssen, ihr Hab und Gut thunlichst zu verbergen und ärmlich einherzuschreiteu, damit sie nicht der Plünderung anheimfallen. Und wenn heute Achnliches befürchtet werden müßte, und wer könnte dafür bürgen, daß nicht hier und da dem also wäre, so schlössen wir uns dem Rathe des Herrn Lippert an. Wenn aber damit augcdentet sein sollte, daß die nichtjüdische Bevölkerung irgend eine Berechtigung hätte, den Juden den Genuß des erworbenen Vermögens zu verübeln, so möchten wir dagegen ein Veto einlcgen. Nur ein Vruchtheil der Juden besitzt Rcichthümer. Dagegen befindet sich der befestigstc und gesicherteste Rcichthum in Händen uichtjüdischer Bürger und Edelleutc. Warum sollte gerade der Jude sich nicht dem Genüsse seines erworbenen Vermögens frei und offen hingeben? — Etwa, weil er im Gegensätze zu seinen nichtjüdischcn reichen Mitbürgern den Reichthnm ausschließlich zu seinem eigenen Genüsse verwendet und hartherzig und ungerührt an dem Elend des minder Glücklichen vorübergeht?? Wahrlich, auch ans einer jüdischen Feder erscheint cs nicht als klcberhebnng, wenn man es ruhig ansspricht, daß der jüdische Reichthunt aus diesem Grunde sich nicht vor der Ocsfentlichkcit zu scheuen hat, daß er auch die Hütten des Elends kennt und gern und freudig der Roth des Armen steuert, und in diesem Punkte den Vergleich mit nichtjndischem Rcichthum aushält. Und vom Volkswirthschaftlichen Standpunkte aus möchte es wahrlich auch nicht zu tadeln sein, wenn das von jüdischen Händen erworbene Vermögen nicht müssig im Kasten ruht, wenn der jüdische Reiche sich Villen baut. Gemälde kauft und in Equipagen fährt, so gut wie der uichtjüdische. Es dürfte im Gcgenthcil ihm D01t diesem Standpunkte aus ein Vorwurf gemacht werden, wenn er, im Gegensätze zu dem nichtjüdischcn vermögenden Manne, zu wenig Geld auSgcbcn würde. Wir wünschen von Herzen, daß Schriften wie die vorliegende dazu beitragen mögen, Vorurthcile zu zcrstreuen und die Saat der Zwietracht zu vernichten, und stimmen voll und ganz mit dem Schlußsätze des Herrn Verfassers überein: ״Es ist unsere erste Pflicht, versöhnende Erkcnntniß zu verbreiten, dem Aberglauben wie der Selbstgefälligkeit zu Leibe zu rücken, wirthschaftliches Versläudniß und wirthschaftliche Sitte zu fördern, Karaktere zu erziehen und hülfreiche Organisationen zu schaffen, die Vertrauen finden und Vertrauen fassen können." Von Samson Raphael Hirsch. VIII. Weise und Thoren. (Fortsetzung.) Nicht steht dem Thoren Wohlleben schön, Geschweige, wenn dem Diener Herrschaft über Herren wird. (19,10.) Verstehen wir diesen Spruch recht, so wäre damit gesagt: Die Art und Weise, wie ein Thor, dem eS gut geht, sich ein Wohlleben bereitet, ist für jeden vernünftigen Zuschauer ein widriger Anblick. Seine Genüsse sind häufig des reinen Menschen unwürdig und jedenfalls unvernünftig. Einen noch widrigeren Anblick gewährt cs, wenn — wie das so häufig geschieht — bei unweiscn, in Wohlleben verwöhnten Herrschaften die Diener eigentlich die Herren werden. Die Zofe einer unweiscn, verwöhnten Dame, der Kammerdiener eines unweiscn, verwöhnten Herrn, wissen sehr deren schwache Seiten abzulauschen, ihnen nach dein Munde zu reden, auch ihren unvernünftigen und schlechten Neigungen und Gelüsten Befriedigung zu schaffen, und, klüger als ihre Herrschaft, wissen sie deren Thorhcit so auszubeuten, daß sie sich ihnen unentbehrlich machen und sie vollständig beherrschen. * Wie Schnee im Sommer und wie Regen in der Erndte, So steht einem Thoren Ehre nicht schön. (26,1.) Wie wenn man Einen Stein in einem Steinhaufen sorgfältig einwickelt, So ist wer einem Thoren Ehre giebt. (26, 8.) Eine lächerlichere Figur dürfte cs kaum geben, als wenn einem Thoren, und noch dazu בפיל, einem dünkelhaften Thoren, eine unverdiente Ehre zu Thcil wird. Er thut Alles, um sie recht augenfällig zur Schau zu tragen. Bis zum Schlafrock müssen alle seine Kleider mit dem bunten Bändchen geziert sein, und das Geschirr des gemeinsten (Gebrauchs wird sein Wappen tragen. Die Ehre ist ihm nicht nur ein so Ungehöriges wie Schnee im Sommer und wie Regen in der Erndtezeit, sondern auch ebenso ihm schädlich. Sie inacht den Dünkelhaften noch dünkelhafter. Wer daher einem Thoren Ehre ertheilt, der würdigt Ehre überhaupt zu Nichts bedeutendem Spiel herab, wie Einer, der einen ganz gewöhnlichen Stein auS einem Steinhaufen, worin Hunderte seines gleichen liegen, heraushebt und ihn sorgfältig wie etwas Kost-