Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1883)
- Article
- Der Prozeß wegen des Synagogenbrandes in Neustettin
- Date
- 1883-11-08
- Page
- 796 (sequence 4)
- Language
- German
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796 sogar willen, daß solche Meuchler im Tempel nicht zur Verwendnng zu kommen pflegen, so gilt ihnen das als Belastungsmeinen!. Das am meisten Karaklerislische sür die Anstände in Neuste! ün ist die Bekundung de!» Zeugen Dahlie. Die werden mir beist-.inmcn, wenn ich den Zeugen Dahlie als einen sehr ruhigen, übeUcglcn Mann bezeichne. Dieser Zeuge aber bcknndel hier wörlirch: Er habe den Lestheim in aufgeregtem Zu׳ stände ge׳ehcn, und sofort sei er der Ueberzengnng gewesen, das; er den Thätcr vor sich habe und das; der Brand von den Inden in Szene gesetzt fei, um das Verbrechen den Christen in die Schuhe zu schieben. Und als der Herr Zeug: gefragt wurde, werans er seine Vermnlhnng begründe, antwortete er: Lediglich deshalb, weil eine Anzahl Inden die Aensternng gclhan: ״Die Christen haben uns den Tempel angcsteckt." Man prüft nichl mehr die Thal, denn inan hu ja den Thätcr! Ich!vill mich nun mit den einzelnen Angeklagten beschäftigen. Ich frage zunächst, ist es möglich, das;, ivenn Bnchholtz ein Minvisscr des Verbrechens ist, er von den bemitiellen Heidcinaun'S wegen einer Tisscrcnz von (>0 Marl entlassen werden wird? Die Heidemann besagen die Schlüssel girr Synagoge׳, sie konnten;u jeder Tag. und Nachtzeit dieselbe betreten. War es nölbig, das; dieselben sich ei ft einen halsbrecherischen Weg von Bnchholtz haben bahnen lassen müssen? Uiid wenn das Heransbrcchen zweier Bretter ans dem Staletcnzann irgendwie zur leichteren Betretung nolhivendig gewesen wäre, dann ist doch nich! anznnehmen, das; man einen Christen mit einer Arbeit beauftragen rvird, die Heidemann .jun. sehr gut selbst anssii'n׳cn konnte. Welchen Zwell das Inbrandsetzen des Heidemann'schen Spindes gehabt habe, vermag ich absolut nicht einznsehcn. Zur Abbrennnng des Tempels beditrjle cs nicht des Feuers iin Kleidersviilde, das sich in der Heidemann'schen Wohnung befand. Und nnil znm Knaben Denzin. Ich habe eine andere Auffassung von dem Knaben Denzin wie der Herr Staatsanwalt. Ich nieinc, der Knabe Denzin hat noch ein jugendliches elastisches Gedächtnis;, und er hat den Lorziig, das; er vereidigt ivorden ist, während alle aiideren Knaben ihres jugendlichen Alters wegen unvereidigt blieben. Als der Gesetzgeber unmündige, Kinder vorn Eide ansschlos;, da hatte er zweierlei Gründe: Ginmal weil er annahm, dast das jugendliche Gernüth fremden Ginslüsscn leicht zugänglich sei und zweitens, weil die Phantasie deS Kindes oftmals c:ne zu groszc ist. Der Knabe Denzin will nun Wahrnehmungen gemacht haben, die gerade;!! nuerklärlich sind. Mnidcslens sechs Mal sollen die Heidemann, Vater, Lohn und Enkel, aus ihrem Hanse heransgetommen und in die Synagoge hincingegangen sein. Ich habe schon erwähnt, das; ein solch' sonwährendcs Lausen die Heideniann's nichl nörhig hatten, sie hätten zu anderer, zur Ausübung eines Verbrechens günstigerer Zeit in die Synagoge gehen können. Anszcrdem bleibt doch zu erwägen, das; zur selben Zeit die Familie Heidemann gerade an jenem Tage am Belte eines todtkranken KuadeS stand, das; an! folgenden Tage in einer fremden Wohnung starb. Ansänglich behauptet nun der Knabe Denzin, er babe seine Wahrnehmungen von der Schulbank ans gemacht. Als ihm vorgehalren tvurde, das; cs unmöglich sc!, von der betresfendcn Bank ans sitzend derartige Wahrnehmungen zu machen, so erwiderte er: Ich bin, sobald mich der Lehrer etwas fragte, stets ansgcslanden. ׳Nun, als artiger Schüler hat er doch die Pflicht, nich! das Gesicht nach dem Fenster, sondern nach dem Lehrer znznkchrcn. Als er nun hörte: Die richterliche Lokatdesichlignng habe ergeben, das; von der Bank, ans der er gesessen haben null, die bekundeten Wahrnehmungen nich: geinacht werden ionnrcn, da bemerkt er: ״Ich weist nicht mehr, ans welcher Bank ich gesessen." Ich glaube, damit fällt das ganze Zeugnis; des Denzin in sich selbst znsammrn. Dast der alte Heidemann im Schlasrock gewesen ist und die Hände in seiner Tasche gehabt hat, kann doch wohl auch nichl sür dessen Schuld sprechen. Und nun zum Petroleum. Gin grosses Feuer must mittelst Petroleum angesteckt sein und wo das Petroleum fehlt, da stellt ein Bnchholtz zur rechten Zeit sich rin. Bnchholtz weist anstäuglich von P.trolelnm ^zar nichts. Cs werden in Zeitungen hohe Belohnungen ans Ermittelung der Thätcr ansgcboien, die Belohnung wird in der Stadt ansgeklingelt, Bnchholtz findet es jedoch nicht sür erforderlich, seine so sehr!nichtigen W.chr:rch:::nngc!l dem Richter mitznlheilrn. Endlich, nach langer, langer Zeit kommt er endlich mit der Anzeige: er habe an! Vormittage des Brandes, als er aus'S Feld fuhr, den Lestheim >«:n. mit einer Petroleninkanne in die Snnagogc gehen sehen. Den! Löivenberg sei er zu gleicher Zeit mir einer blauen Mapve begegnet. Als Zeugen hierüber beruft er sich ans seinen Freund Beyer. Letzterer erklärt: den Lestheim habe ich mit Petroleum nicht gesehen, dagegen aber den Löwenbcrg. Nun tritt Bnchholtz mit der Lehanplung auf: Ja, ich habe am Morgen des Brandes, gegen -st Uhr auch den Löwenbcrg mit einer Perroleninkanne gehen sehen. Beyer sagte jedoch: Nicht ain Morgen des 18.. sondern am Morgen des 17. Febr. gegen "> Uhr sah ich den Löwenberg mit einer Petroleninkanne die Ny >ed erb rücke entlang gehen. Nun behauptet Bnchholtz: Ich Hab: den Löwenberg auch am 17. des Morgens mit einer Petrolennikannc gesehen. Beyer behauptet jedoch: A!n Morgen des 17. sei er nnt Bnchhow gar nicht znsammengclrosfcn. Ich kann nicht ninhin. diese Beknndnngeu des Bnchholtz als den Givjelonnkt aller märchenhaften Einbildung zu bezeichnen. Beyer will den Löivenberg zwischen 4 und ד׳ Uhr Morgens gesehen haben, zu einer Zcrt, in welcher im Monat Februar daS Wiedererkennen sehr unsicher ist. Ich bin der Meinung, Beyer und Bnchholtz werden den Löwenberg, der ja als Schnldiencr mit Pctrolenmlannen hantiert hat, zu irgend einer anderen Zeit in der bezeichnrlen Welle gesehen haben. Ihre mylhenrcichc Phantasie veranlasse sic schliestlich, diese Begegnung drS Löwenberg mit dein Brande in Verbindung zu bringen. — Ich gehe nun zu Lestheim über. Es wäre geradezu unerklärlich, dast die Lestheim an der belebtesten Seite der Synagoge am Hellen Tage das Fenster ansgehängt haben sollen. Ich will nicht sagen, dgst die Zeugen sämmtlich in dieser Beziehung die׳ Unwahrheit bekündet haben. Ich glaube vielmehr: Lestheim hat, als er daS Feuer bemerkte, in der Thal ein Fenster ansgehängt. Er hat damit nichts Schlimmeres ae'.han, als gcsländlich der Tischlermcister Kübelte, rin Mann christlicher Konfession, gelyan hat. Das; er nicht gleich Feuer gerufen, gezögert hat, die Spritzen zu holen, ist doch mn so mehr erklärlich, als mehrere Lenke uns bekundeten, das Feuer fei ansänglich mit wenigen Eimern 'Wasser zu löschen gewesen. Der Herr Staatsanwalt nimint selbst an, dast die jüdische Gemeinde in Nenstcltin keine Schuld an dein Brande habe. Nun soll aber auch als Belasrnngsmoinent gelten, dast in den Wochen vor dem Brande die Synagoge des Morgens stets erleuchtet rvar, während sie in der Woche des Brandes nnerlenchte: blieb. Ein solches Verfahren konnte doch blos ausgeführt werden unter Miiwissenschast aller Geineindcinitglicdcr. Hätten aber anderseits nicht gerade die FrühgotleSdicnste die beste Gelegenheit zur Vorbereitung des Brandes gegeben? Aber and) auf der Brandstäuc ain'gesammelte Gebclbnchreste sollen den Beweis liefern, dast das Feuer vorsätzlich mittelst Petroleum angezündet ivorden ist. Wären die Gebetbücher wirklich mit Petroleum getränkt gewesen, dann wäre von denselben auch nicht ein Atom übrig geblieben. Ist cS ׳aichl möglich, wie der Sachverständige Herr Ingenieur Schreiber im Uebeigen ebenfalls bekundet, dast durch Unvorsichugleit ein Streichholz ans den mit Wachs gehöhnten Fnstbc-den geworfen wurde, dast dies langsam glimmte und schliestlich seine volle verheerende Wirkung übte? Die Beweisaufnahme hat kein Moment ergeben, das die Schuld der Angeklagten dargcthan halte׳, sie hat aber ebensowenig irgend etwas zu Tage gefördert, was zu der Annahme berechtigt, daß der Thätcr irgend wo anders zu suchen sei. Ich stelle deshalb