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Jeschurun · 1883-11-08 · Heft 45 (8.11.1883) · p. 797

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 45 (8.11.1883)
Article
Der Prozeß wegen des Synagogenbrandes in Neustettin
Date
1883-11-08
Page
797 (sequence 5)
Language
German
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" 797 aus voller Uebcizeiigung den Antrag, die Angeklagten freien* sprechen, und ich freue mich, konsiatiren föuitcii, daß der Thäter auch aus keiner anderen Leite zu suchen ist. Unser Vaterland ist glücklichermcise vor dem Sclnmpf bewahrt geblieben, daß eine b'cllagciisivcrrhe Rcligicmsansschi-eitnng einzelner Bevölkerungstlassen ein solch' schwerem Verbrechen gczeiiigt hat. Ich schließe deshalb in der festen Ucberzengnng: Ihr Vahr, spruch kann nur lauten: Die Angeklagten sind unschuldig. Dieser ziveieinhalbftündigen Rede folgt die cinslündigc Rede des IustizrathS S ׳ch nmc m a 1111, der als Neuitcltiner die für die Angeklagten günstigen Lokalverhälluissc geltend macht und zum Schluß den Prozeß das Schmerzenskind des Staats, anwalts nennt, von dem er ja nun glücklich entbunden. Auf die Replik des Staatsanwalts erwiderte Scheune« mann und hernach Sello u.A.: Das Motiv, das die Staatsanwalt, schaft den angeblichen Brandstiftern unterschiebt, sei ein überaus künstliches und unglaubwürdiges. Die Geschworenen treten ab und verkünden (wie bereits gemeldet) nach , stündigcr Bcrathung: Hirsch und Gustav Heidcmanu sind der vorsätzlichen, gemeinschaftlichen Brandstiftnng und der Beihülfe nichtschuldig-, aber sic sind schuldig, der Be- Hörde von der beabsichtigten Brandstiftung keine Anzeige gemacht zu haben. — Hirsch Leßheim ist der vorsätzlichen Brandstistnng nichtschuldig. aber der Beihülfc zu derselben. — Leo Leßheim ist auch nur der Beibülfe schuldig, hat aber damals nicht die erforderliche Einsicht gehabt. — Löwenbcrg ist weder der vorsätzlichen gemeinschaftlichen Brandstiftung, noch der Bei Hülse schuldig. Der Staatsanwalt beantragt gegen die beiden Hcidemann je l Jahr Gesängniß, gegen Hirsch Lcßheim Jahre ZuchthauS. gegen Leo Leßhcim' Ucbcrweiinng an eine Bcsserungs- Anstalt und gegen Löwenberg Freisprechung. — Die Berthcidigcr haben keine Anträge zu stellen. — Der Gerichtshof erkannte dahin, daß Hirsch und Gustav Hcidemaun nicht gleich zu destrafen seien-, Hirsch H. sei ein Greis. Hirsch H. sei deshalb mit .'i, Gustav H. mit ti Monaten Gesängniß zu bestrafen. Böd Hirsch Leßheim sei unter die von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafe gegangen, da cs ihm angcrechnct sei, daß er aus Fanatismus, nicht aus gewinnsüchtiger Absicht gehandelt habe und wahrscheinlich nur das Werkzeug des ThälcrS sei. Leo Lestheim müsse von Strafe freigesprochen werden, fei aber bis zu seinem 20. Jahre einer Besserungs-Anstalt zu überweisen. Löwenberg sei ganz freizusvrcchen. Bei Abmessung der Strafe sei der Umstand erschwerend ins Gewicht gefallen, daß die Schuld des Verbrechens den Christen in die Schuhe geschoben worden ist. Der Angeklagte Hirsch Lcßheim sei sofort zu verhaften. Koa׳csp011dc1!zcll imd Mhnlhtcu. D e u i ן d) 1 a 11 d. -fr Hannover, November. Die antisemitische Bewegung, welche leider in gewisser Hinsichl unserer Zeit das karakterisüsche Gepräge verleiht, wird sicherlich von jedem Redlichen, nicht von den Inden allein, als das Erzeugniß eines blinden Fanatismus, von welchen! gerade ein Thcil der sogenannten besseren Stände ergriffen ist, schmerzlich beklagt. Ist doch dieselbe darauf gerichtet, zwischcli den Bürgern des Vaterlands Zwietracht u!ld Feindschaft zu erregen und gegen Volksgenossen, welche wahrlich an bürgerlicher Tugend hinter Niemandem zurückstchen, anszuwiegeln. Um so trauriger ist c£, wenn wir wahrnchmen, daß anch unter unseren eigenen Glanbensbrüdcrn sich manche nicht scheuen, dieser Bewegung in die Hände .zu arbeiten, indem sic dem Spotte und -Hohne, welcher ohnehin gegen uns gehegt wird, neue Veranlassung gewähren. Muß es nicht den gerechten kknwillen eines jeden jüdischeu Ehrenmannes heransfordern, wenn wir ihln sagen, daß in hiesiger Stadt, wo dank dem geraden Sinne und beut biedern Karatter der Bürgerschaft noch keine ernstlichen antiscmitischell Kundgebungen zn Tage getreten, das Sladttheatcr seit einiger Zeit seinem Publikum n. A. ntchrere ״jüdisch-deutsche" Eonplctsänger vorführt, welche durch Vorträge im sogenannten jüdischen Jargon die Lachmnskeln der Zuhörer zn erregen suchen. Der Direktor dieser Schaubühne dritten Ranges soll sogar ein Jude sein. Wir sind keineswegs überaus enipsindlich. wenn ans dein Theater jüdisches Wesen n. s. w. karrikirt wird, kann sich ja doch auch der Engländer oder Franzose nicht beklagen, wenn seine fremdartig klingende Aussprache des Deutschen und seine Eigen-! thümlichleiteu zn einem komischen Zerrbildc benutzt j werden. Daß aber Inden sich selbst und dadurch ihre! Religionsgenossen überhaupt karritiren, und daß ein jüdischer Direktor solchen — nennen wir cs Unfug, gestattet, das ist cs. was uns empört. Wir glauben nicht, daß ein Engländer oder Franzose sich dazu herbcilassen würde, seine eigene Besonderheit dem Gelächter des Auditoriums preiszngeben. — Und nun gar m dieser Zeit! Haben wir nicht genug des Spottes und-Hohnes, | daß wir noch selbst zu dem alten neuen hänfen Helsen? j — Es ist aber völlig unbegreiflich, daß sich allabcndlich Juden zu solchen Vorstellungen einsinden mögen, wie solches der Fall sein soll. Fühlen sie denn gar nicht die Schande, welche in dieser Vorschttbleistnng derartiger Produktionen für sic als Juden liegt? Wahrlich, wir haben eine schwere Zeit dnrchznmachen, das sollten doch die Darsteller und die jüdischen Besucher dieser Darstellungen bedenken; cs gilt, dem jüdischen j Namen Achtung zu verschaffen. .Kann cs aber etwas j Jammervolleres geben, als wenn einzelne unserer Augej hörigen in einer so ernsten Situation so umvürdig sich - benehmen und sich selbst zur Zielscheibe des allcrgewöhn-! lichstcn Spottes dcgradiren, wenn sic selbst ihr Antlitz j schänden imb ihr Wesen im Bchtc der Erbännlichkeit l der Oessemlichkeit zeigen? Und gicbt cs etwas Schmachl volleres, als über solche Erbärmlichkeit zu lachen und sich dabei zu amüsiren? Wollen sie denn die Perachtnng und den Spott ihrer Mitbürger geradezu provozircn?? Wer sich selbst verachtet und preisgicbt,! der ist keiner Achtnng wcrth.! -in- Llassel, f>. Novemb,.!׳. lieber das Treiben | der hiesigen Antisemiten ließen sich ganze Werte schreiben;! — aber cs widert Einen an, nachdem fortwährend das

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