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Jeschurun · 1883-11-01 · Heft 44 (1.11.1883) · p. 778

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 44 (1.11.1883)
Article
Der Prozeß wegen des Synagogenbrandes in Neustettin
Date
1883-11-01
Page
778 (sequence 2)
Language
German
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778 alte Wacbsbohnung könne nur eine geringe Wirkung Misndcn. — ftlcmpiicnnciftcr Werner wen׳ um l)alb zwölf Uhr auf der Brandstätte und schltig ein Fenster ein, um einige gottesdienstliche Gegenstände, die ihm, als von seinen Ottern und (Großeltern stammend, sehr thener waren, zu bergen. Er hotte sofort die Uebcrzcngung gewonnen, daß dos Feuer ongelegt sei, do cs allseitig rasch und intensiv brannte. Die Synagoge Höne einige Wochen vor dem Brande unmöglich allmorgendlich erleuchtet sein können, da ihin die Besorgnng und Ansbcwahrnng der Synagogenlichter obgelegen und er durch das darüber geführte Buch den Beweis liefern könne, daß um diese Zeit die Synagoge nicht beleuchtet war. Der Gerichtshof beschließt, den Werner ausznfordern, dieses Buch vorznlegen. — Kaufnt0t!n Fabian bezeugt, daß der Zaun zwischen der Synagoge und dem Heidemann'scheu Bause verschlossen war. — Tie frühere Aussage des vcrslorbmcn Barbier Keller, welche dahin geht, daß er zwischen 1>> und 10' נ Uhr bei Leßheiin getvescn imb nicht das geringste Anssallcndc an dem allein in seiner Wohnung gewesenen -Hirsch Veßheiin wahrgenommen, wird verlesen. — Des Flcischermeisler Angermonu's Aussage ist zu karakterislisch, um nicht ziemlich wörtlich wiedergegeben zu werden. Er sogt ans: Ehe ich Zcngniß ablege, muß ich eine Einleitung inacheu. Ich habe nicht geglaubt, daß die Lache an die große Glocke komnten wird. Nun muß ich ober mein Herz erleichtern, mein Genüssen drängt niich dazu. Mit Herrn Stubbe habe ich bereits darüber gesprochen lsich nmdrchcnd): Ist Herr Stubbe hier? — Präs.: Eine solche Frage dürfen Sie nicht stellen. Benehmen Sie sich überhaupt etwas anders. Tie laufen forlwähreitd im Saale umher, geslinüircn mit den Bänden und legen eilte ganz oufsällige Unruhe an den Tag. Tie müssen hier an beut Tische stehen bleiben und sich ruhig verholten, das ist Ihre erste Zengenpslicht. — Zeuge: Ja,!nein Gewissen drängt mich, weil ich so lange mit der Wahrheit zurückgehalten und vor bcm Herrn Staatsanwalt und dem Herrn Amtsgerichts Rath Bölz etwas verschwiegen habe. — Präs.: Nun, beruhigen Tic sich nur und erzählen Tie. — Zeuge: Als ich zum Herrn Staatsanwalt aufs Polizeiburealt in Neuslettin vorgeladen wurde, habe ich im Hausflur den verstorbenen Borbier Keller getrosten. Diesem sagte ich gleich: Na, )vir wollen nicht Alles an die große Glocke hängen, denn es wird ja doch nichts ans der Sache. Kellner ftimntte mir bei; würde er aber noch leben, er würde heute gewiß ebenfalls sein Gewissen erleichtern. Also vor einiger Zeit kounnc ich bei Herrn Tlnbbc vorüber: da sagte dieser mir: Bester Angcrmann, die Anklage ist erhoben, nun ist es aber auch ihre Ehrisreitpflicht, daß Sie Alles sagen, was Tie wissen; wir dürfen den Schimpf, den man uns Christen anthun will, nicht ans uns sitzen lassen. Sprechen Tie also die Wahrheit. 2ch ging nach Hause. Mir wurde so schwül im Kopfe, daß ich nichts essen konnte. Ich entschloß mich deshalb zur Anzeige. — Präs.: Na, was zeigten Sie an? — Zeuge: Also an jenem Freitag Borinittag gegen 10 Uhr ging ich zu Leßhcim und wollte mit ihl'n abrechncn. Ich hatte 4—5 J£, er 12—1:3 c f(, von mir zu bekommen. Ich traf Leßheim Vater und Sohn zt! Hause. Beide waren furchtbar aufgeregt. Leo Leßheim sah zum Fenster hinaus, und als ich in die Stube trat, schlug er dasselbe mit großer Heftigkeit zu. Beide Lcßheim gingen in größter Aufregung im Zimmer auf und ab, der jüngere Leßheim mochte, währenddem ich im Zimmer weilte, etwa 5—G Mal, der ältere mindestens 2 Mal aus bcm Fenster gesehen haben. JedeSmal, wenn der jüngere Lcßhcim zum Fenster hinaus gesehen hatte, griff er seinen Vater au der Hand. Ich sagte: Herr Leßhcim, ich habe keine Zcit, wir wollen abrechncn. Nachdetw dies geschehen, ging ich fort. Etwa eine halbe Stunde darauf hörte ich Feuerlärm. — Präs.: Aus wclchent Grunde haben Tie diese Ihre Wahrnehmungen, die Tie doch so erregt haben nlüsseit, daß Tie Sich noch heute nicht beruhigen können, nicht gleich zur Anzeige gebracht? — Zeuge: Ich glaubte nicht, daß die Sache an die große Glocke koinmen würde. — Präs.: Ihr Verhalten ist doch aber sehr cigenthümlich. Tie hätten Ihre Wahrnehmungen doch ans alle Fälle dem Tie vernehmenden Richter machen müssen: dieser hat Sie doch jedenfalls anfgefordert, ihm alles zu sagen, was sie über die Angelegenheit wissen. Sb etwas daraus wird, hätten Sic doch dem Richter überlassen müssen. — Zeuge: Herr Präsidcut, da war meine Frau schuld, die hat mir davon abgeratheu. — Präs.: Wunderbar ist es jedenfalls, daß Sie einen Vorgang, der Sic heute noch so sehr in Aufregnng versetzt, so lange und trotz zweimaliger gerichtlichcr Vernehmung verschwiegen haben. Außerdem ist es auch wunderbar, daß, obwohl Lcßhcim so sehr aufgeregt war, trotzdem mit Ihnen abrechncn Tonnte. — Zeuge: Ich sehe ja ein, daß ich Unrecht gethau habe; ich glaube jedoch die Sache wieder gut zu machen, indem ich mm die Wahrheit sage. — Präs.: Hat Sie auch nun Niemand bestimmt, heute eine solche Aussagc zu thun, oder haben Sic Sich mitIcmaudem darüber besprochen? — Zeuge: Ich habe mit Niemandem darüber gesprochen. — Verth. R.-A. Di׳. Scllo: Ich mache darauf ansincrksam, daß der Herr Zeuge mit Stubbe über die Angelegenheit gesprochen hat. — Zeuge: Es ist richtig, mit Stubbe habe ich in der vorhin bekundeten Weise gesprochen. — Verth. J.-R. Schcnnemann: Woher wußte Stubbe, daß Sie noch ' etwas auf dem Herzen hatten? — Zeuge: Das weiß

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