Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1883)
- Article
- Der Prozeß wegen des Synagogenbrandes in Neustettin
- Date
- 1883-11-01
- Page
- 777 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933040-2954656--13913-2954703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M 44. Jeschurun. J777 Der Prozeß wegen des Syimgogcnbrnndcs in Ncnstettin. l'Forlsctzung.) dt 2lr»s Pommern. Der dritte Verhandlung^- tag beginnt mit der amtlichen Konslatirnng, dag nach unter gerichtlicher Anleitung in dem Schul Hanse zu Renstettin vargenommenen Versuchen mit Kindern von 12 lud 14 Jahren es sich als unmöglich heransgestellt habe, von den Bauten au$, auf welchen die Schüler ihrer Angabe gemäß bei den angeblichctt Wahrnehmungen gesessen, solche zu machen. Ed wird dieses den detreffenden jugendlichen Zeugen vorgchalten, und sie erklären nunmehr, dag sie sich nicht mehr genau zu ent־־ sinnen vermögen, wo sie an dem Freilag Morgen gesessen haben. — Pastor K l a m m roth sagt aus, er habe während des Synagogenbrandes gesehen, dag and dem auf der Straße sich befundenen Heidemann'schen Kleidcrschranke Ranch drang, und als Heidemaun ihn öffnete, habe er lichterloh gebrannt. — Tischler $h1helfe deponirt, dag die Thür des Kleiderschranks so lose war, dag Fenersnnken sehr leicht hineinfliegen tonnten; das Synagogenfensler, welches ausgehäilgt worden, war nicht von Innen zusammenzuketten. Er sei nicht der Meinung, dag der Fußboden der Synagoge mit einer brennbaren Flüssigkeit getränkt gewesen, er glaube vielmehr, dag irgend eine Explosion die Ursache des Brandes sein müsse. Aus Befragen erklärt er, daß er den Zeugen Bnchholtz, welcher früher Gefangenanfseher gewesen, sowohl in dieser als in seiner jetzigen Stellung öfter betrunken gesehen habe. — Dagegen meldet sich die Zeugin Iasse und sagt in sehr erregtem Tone ans: ich weiß bestimmt, daß Bnchholtz ein sehr nüchterner Mann ist; die Inden haben ihm einen geringen Lohn gegeben und ans Aerger darüber betrinkt er sich nnn manchmal — Schnhmachermeister S perl i n g hat hinter dein Heidemann'schen Hose Fußspuren im Schnee gesehen. — Schnhmachermeister Stubbe ist Hirsch Legheim Morgens gegen II Uhr begegnet, welcher ״Feuer" rief. Aitf die Frage: wo denn? antwortete Leßheim: in unserem Tentpel. Zeuge sei dorthin geeilt, hat aber an Ort und Stelle lein Feuer bemerkt. Der alte Heidcmann zeigte ihnt aber Fußspuren mit den Worten: hier ist der Thäter hineingekommen. Er, Zeuge, aber erwiderte, das sei nicht wahr, daß sei eine gemachte Spur. Ans des Vertheidigers Scllo Veranlassung wird konstatirt, daß Zeuge früher ganz anders und zwar dahin ansgesagt habe, er, Stubbe, habe die Spur bemerkt und zu Sperling gesagt, diese rühre von dem Thäter her; Sperling habe dies jedoch bezweifelt. Dieser Widerspruch wird trotz des Ingnirirens des Vorsitzenden nicht gelöst. Stubbe sagt weiter ans, er habe den Eindruck empfangen, als seien brennbare Stoffe in der Synagoge ausgehünft gewesen, denn nahe bei dem Allerheiligsten hätte er eine bläuliche Flamme wahrgenommen Bei seiner Begegnung mit dem alten Heidemaun vor dem Bürgerweister habe dieser Angeklagte heftig gezittert. R.-A. Sello läßt fcststellen, daß Stubbe bei dem zweiten Verhör viel mehr als zuerst ansgcsagt habe, trotzdem er bei der ersten Vernehmung aufgesordert sei, Alles zu sagen, was er nur irgendwie wisse. — Der Zuchthanssträsling Stellmacher Schmidt, wegen in betrügerischer Absicht begangener Brandstiftung im Februar 1862 mit 9 Jahren Ztlchthaus bedacht, wird hereingcführt und sagt aus, er habe am Freitag Vormittag gegen 10 Uhr zwei Inden vor dem Synagogcnfenster, ans welchem Ranch hcrvorkam. gesehen. Oer eilte Jude, Gustav Heidemann, hätte mit einem Schlüssel eine Scheibe eingcschlagcn, worauf das Feuer rasch anslodcrte. Ein paar Monate darauf sei ihm Heidemaun begegnet und habe gesagt, daß man ihn ans dem Wege räumen werde. Eine gleiche Drohung sei ihm später auch von beut Inden Manasse zngefügt worden, welcher gesagt,, er wisse von der Sache, und deshalb müsse er unschädlich gemacht werden. Es wird konstatirt, daß dieser Zeuge heute ganz anders als früher anssagt. — Kreiskontrollenr Dahlitz bekundet, daß er dem Hirsch Leßheim begeglict sei uub dieser in furchtbarer Erregung geschrieen habe: ״cS brennt, es brennt, was soll ich thnn?" Aitf der Brandstätte haben Leo Leßheim und andere Juden wiederholt sich geäußert, daß dieser Brand von Ehristen herrnhre, daß er das Resilltat der Indenhetze sei. Er aber und die lneisten christlichen Bewohller Nenstetlins seien überzeugt, daß die Inden die Synagoge selbst angezüudet haben, um die Schuld den Ehristen anfzubürdcn; und ebenso, daß dieses Verbrechen schon lange geplant sei, und daß viele Personen dabei bethciligt sind. Ans Befragen des Präsidenten, welchen Anhalt er für diese Ueberzellgung habe, antwortet Dahlitz, eben jene Aeußernngen der Inden. — Rabbiner Dr. v> off mann bczeugt dagegen, daß nicht Inden allein sich derartig geäußert haben, sondern daß and) der hochachtbare Kreisphysikns Dr. Banselow, welcher jetzt in Schlawe wohnt, ebenfalls sogleich geäußert habe: das ist die Folge der Indenhetze.— Ingenieur Schreiber spricht die Ansicht ans, daß das Feuer ans sehr natürliche Weise ansgcbrochen sei; da der Fußboden ganz mit Wachs gebühnt gewesen, so erkläre es sich leicht, daß derselbe total verbrannt sei. — Ball-Inspektor Kleeseldt äußert sich dahin, daß er glaube, der Fußboden sei imprägllirt gewesen; er will aber nicht behaupten, daß diese Iillprägllirnng durch Petroleum bewerkstelligt sei. Alls Befragen der Bertheidigling spricht er sich dahin aus, daß Wachs einen dicken Rauch verbreite, Petroleum aber hell brenne. Die schon l',2 Jahre