Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1883)
- Article
- Wie erziehen wir unsere Kinder?
- Date
- 1883-11-01
- Page
- 770 (sequence 2)
- Language
- German
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firfjtiflfcit zu bcffaflcn, je nachdem derselbe loben-- oder tadeln-werth erscheint. Denn wenn auch außer der erziehenden Einwirkung manche andere Einflüsse mit ans die Karakterbildnng de- Menschen influiren, so ist doch in der Rege! der Sphäre der Eltern für die eigentliche Zeit der Erziehung da- Kind fast nncingeschränkt überlassen, und so dürfte die nicht allzu seltene Erfahrung de- Gegensatzes unter Geschwistern in Betreff der sittlichen Entwickelung auch auf die Erziehung zurück-;»führen sein. Zehen wir aber, daß auder Hand der gleichen Erziehung grundverschiedene Menschen hervorgehen, so werden wir ans daerste Erforderniß de- Erziehung-Werks hingcwicsen, daß nämlich eine gute Erziehung eine möglichst genaue und eingehende Kenntnis; der natürlichen Anlagen dezu erziehenden Menschenwesenzur Boraussetzung hat. Der weise Erzieher erblick! in dem unselbstständigen Geschöpfe, welcheseiner Obhut anvertrant ist, den zukünftigen selbstständigen Menschen; er ist sich seiner hohen Verantwortung dewußt; er weiß, daß von der rechten Erkennlniß der in diesem zarten, hülflosen Kinde schlummernden Bcanlagung, deren Entwickelung zum Vollkommenen ihm obliegt, da- Heil oder Unheil bedingt ist, dadieser Kleine dereinst über sich und seine Umgebung verbreiten wird. Die Erziehung soll deshalb dieser Beanlagung gemäß sich gestalten; so verschieden wie die Anlage de- Menschen ist, ebenso verschieden wird auch die Erziehung ihre Mittel und Wege zu wählen haben. Da- Ziel ist in jedem Falle dagleiche, unveränderbare: die Ertüchtigung de- Unmündigen zum Guten; die Ucbnng in der Selbstbeherrschung, trotz de- Reizede- Nichtguten da- Gute zu vollbringen; die Veredelung de- Gemüth-, um für da- Gute empfänglich zu seilt; die Belehrung de- Verstände-, da- Gute zu erkennen. Glücklich da- Kind, dem ebcjchieden, daß das Auge eineweisen Vater-, einer weisen Mutter an seiner Wiege wacht, dem die unscheinbaren Keime der eigenthümlichen Individualität nicht verborgen bleiben; glücklieh da- Kind, danicht mir unter dem Strahle der Elternliebe, sondern auch unter dem Hellen Lichte elterlicher Weisheit sich entfalten kann; und glücklich die Eltern, deren verständige Einsicht die Zärtlichkeit ihre- Herzens auf die rechte Bahn leitet, auf welcher für die Zukunft ihre-Kindeda- Heil erblüht; glücklich, wenn sie ihr ötiud verstehen, wenn dessen seelische Beanlagung von ihnen erkannt und begriffen wird und sie dadurch in den Stand gesetzt ׳werden, zu deren crsprießlichen Entwickelung die entsprechenden Wege cinznschlagen. Für die körperliche Pflege, für die gedeihliche Entsaltuug der leiblichen Anlagen sucht die besorgte Elternliebe die Sonderheit de- Kindezu entdecken; die zartliche Mutter, der treue Vater beachten unausgesetzt '0 jede Miene de- Säuglings, jede Physische Veränderung an dem spielenden Kinde. Eine Stunde weniger Schlaf, eine momentan verringerte Begierde nach Nahrung, eine Verdaucn-störnng, eine Veränderung der Temperatur de- Körpern. s. tv., nichts entgeht den sorgsamen Eltern, und kein Symptom erscheint ihnen bedeutungslos. Es ist unablässig Gegenstand ihrer ernstesten Aufmerksamkeit, jedem ihrer Kinder zu jeder Zeit eine nach den jeweiligen Erscheiuungen wechselnde und der besonderen Eigenthümlichkeit angepaßtc körperliche Pflege angedeihen zu lassen, und sic machen sich die quälendsten Vorwürfe, wenn sie auch nur für einen Augenblick sich eine Unachtsamkeir hierin zu Schulden kommen lassen, weil sich ihnen die möglichen Folgen einer jeden Vernachlässigung in der denkbar größten Ausdehnung darstellen. Während sie das eine Kind heute in die freie Luft hinausscndcn, halten sie daandere ängstlich im Hause, dem Einen reichen sie stärkenden Wein, dem Andern entziehen sie vorsorglich jede ncrvenreizende Nahrung, den Einen hüllen sie in warme Gewänder, des Andern Körper suchen sie durch leichte Bekleidung abzuhärten, kurz, bei dem gleichen Ziele, den Leib ihres Kindes gesund und stark zu machen, wenden sie eine durchaus verschiedene Behandlung-weise an. Und bei der Erziehung des Kindes sollte man anderverfahren dürfen? Hier sollte man nicht sich veranlaßt fühlen, jede- Kind einer seiner eigeuthümlichcn Natur und augenblicklichen Gemülh-slimmung genau angepaßteu erziehenden Ein- Wirkung zu unterwerfen? Hier sollte man nach einer bestimmten Schablone handeln dürfen, ohne zu bcdenken, daß, was für den Einen heilsame Arznei, dem Andern Gift sein könne, was auf die eine Individualität einen anregenden, ermunternden Reiz auszuübcn vermöge, auf des Andern Natur gar nicht oder erschlaffend wirke? Die Erfahrung lehrt, daß hierin nur allzu oft gefehlt wird, daß hierin oft die zärtlichsten Eltern eine unbegreifliche Gleichgültigkeit bekunden und ihnen die psychische Natur ihrer Kinder während der ganzen Erziehung-periode verschlossen bleibt. Unsere Weisen machen darauf aufmerksam, daß von Esau und Jakob in der heiligen Schrift berichtet wird: als die Knaben herangewachsen waren, zeigte sich ihre Grnndverschicdenheit, da war Esau der איש ידע ציד und Jakob der איש תם geworden. Vielleicht, daß eine frühe Erkenntniß der besonder» Eigenthümlichkeit in der Kinder Natur und Anlage ein andere- Erziehungsresultat ergeben hätte, vielleicht, daß cs gelungen wäre, Esan dem gleichen Ziele entgegenzuführen wie Jakob, ihn für das gleiche Ideal zu begeistern wie diesen und dem Hause Isaaks beide Söhne als Träger des abrahamitischen Bcrmächtnisses zu erhalten, wie Jakob es verstanden hat, alle