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Jeschurun · 1883-10-25 · Heft 43 (25.10.1883) · p. 762

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 43 (25.10.1883)
Article
Der Prozeß wegen des Synagogenbrandes in Neustettin
Date
1883-10-25
Page
762 (sequence 2)
Language
German
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762 hätten durch den Brand großen Schaden ertittcn. Acht werrhvolle Thorarollen, kostbare Silbcrgeräthc und in der Synagoge vorhandenes Privateigcnthnm für religiöse Ucbnngcn seien ohne Ersatz geblieben. — Auf Befragen des Vcrtheidigers Sello bekundet noch Zeuge: Kurz vor dem Brande sei in der in Ncustcttin erscheinenden ״Norddeutschen Presse" ein Feuilleton mit der Ucberschrift: ״O!׳. Martin Luther und die Judenfrage" erschienen. In diesenr Feuilleton heißt es u. A.: ״Was wollen wir Christen nun thuu mit diesen, verdamptcu Volk der Juden? Ich will meinen treuen Nath geben: Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule urit Feuer anstecke, unb was nicht verbrennen null, mit Erden überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich." Die betreffende Zeitung wird vonl Pcrtycidiger Justizraih Schenncmann den! Präsidenten überreicht. Letzterer verliest den uiirgethcilrcn Passus mit dem Bemerken, daß derselbe als Zitat angesührt werde. — Ingenieur Schreiber, der den Ausbau der abgebrannten Synagoge geleitet hat, bekundet: Die Synagoge sei nach erfolgtem Ausbau bedeutend mehr werth gewesen, als die Bersichernng betrug. Das Fenster der Synagoge sei zwei Meter über'der Erde hoch gewesen. — Der Baninspektor K lc c f e l d bezeugt, daß der Fußboden deS (Gebäudes zweifellos ganz niit einer leicht entzündlichen Flüssigkeit getränkt gewesen sein müsse. — Die Zeugin Friederike Fasse, welche dicht neben der Synagoge wohnt, sagt sehr widersprechend und verwirrt aus. — Auch die Naehbarcu Eheleute Biedenweg wollen um Uyr Morgens ein Synagogenscnster offen gesehen haben, das um in Uhr wieder geschlossen wurde. Sie behaupten ferner, daß mehrere Wochen vor dein Brande allmorgendlich die Synagoge erleuchtet und Leute in derselben gewesen seien, welche, nach dem Genmrntcl, das sic vernommen, daselbst gebetet hätten. Dieser Behauptung treten der Angeklagte L öwenberg sowohl, wie der Vorsteher Löwe und der Rabbiner Or. Hoffmann mit der ganz bestimmten Erklärung entgegen, daß in der Woche vor bem Brande kein regelmäßiger Frühgottesdienst staltgesnnden. Trotzdem bezeugt auch eine andere Nachbarin Frau .llapitzke dasselbe wie Biedenweg. Sie will auch eitlen Braun in der Synagoge am kritischen Tage um 9 Uhr gesehen haben, welcher der Statur nach Hirsch Lcßheim gewesen. Der Bertheidiger Sello macht darauf aufmerksanl, daß Zeugin wenige Tage nach dem Brande den viel breitschulterigercn Angeklagten Löwenberg in der Synagoge gesehen haben tvolltc. Ans Vorhallen des Präsidenten sagt Zeugin, sie habe sich die Sache genauer überlegt und wisse jetzt, daß die Person nach dem Aussehen wohl Leßheim,!licht aber Löwenberg sein könne. — Marie Hanisch deponirt trotz früherer Vernehmung jetzt zum ersten Male, daß sie um 9 Uhr Vormittags das Synagogcnsenstcr offen gesehen habe; es sei ein dünner Heller Rauch daraus cmporgesüegen. — Der Lehrer Pieper deponirt, er habe, wie in der Anklageschrist angeführt, die beiden Lcßheim am Morgen in der Synagoge hantiren gesehen, ebenso die Hcidemann'S. Er habe gleich in den ersten Tagen nach dem Brande diese Wahrnehmungen anzeigen wollen, ans Angst vor seiner Frau, die solches verboten habe, sei solches unterblieben. Erst nach einen! Jahre habe er auf Borstellnug des Lehrers Hübner Anzeige davon geniacht. Aus Befragen des Vcrtheidigers Sello, ob Zeuge nicht eimnal wegen beleidigender Ausfälle während des Religionsunterrichts ans das Judenthum disziplinarisch einen Verweis erhalten habe, antwortet er answeichend und verlegen. — Malerlchrling Dcnzin (16 Jahre alt) sagt ebenso wie Pieper aus. — Der Vauinspcktor Kleefeld bezeugt, daß von bem Platze aus, den Dcnzin damals in der Schule, seiner Aussage nach, cingenonunen habe, es unmöglich sei, die Heidemannsche Hausthür zu sehen. — — Am zweiten Verhandlungstage (19. Oktober) wird auf Antrag des BerthcidigcrS Sello eine richterliche Enguete beschlossen, um zu konstalircn, ob und von wo ans in dem Schul- Hause der Syuagogenplatz übersehe!! werde!! köune. Der Zeuge Deuziu wird auf einen Widerspruch zwischen seiner gegenwärtigen Depositiou und der früheren hinsichtlich der Art des Geräths, welches Leo Lcßhein! mit zur Synagoge gebracht haben soll, wiederholt vernonnneu. Er giebt zu, solches nicht mehr genau zu wissen. — Eine Anzahl Schulkinder wird vernonunen. Sie sagen ziemlich übcreiuslinnneud, aber schwankend aus hinsichtlich der vorgeblichen Handlungen der Augeklagten Leßheim und Heidemaun. — Die Lehrer Hübner und Schivelbein sagen in! Sinne der Anklage aus. Ersterer bemerkt aus Befragen des Präsidenten wegen einer von ihn! ergangenen Denn!!- ziatiou hinsichtlich des Brandes bei Heidemaun, daß er von den! Falle selbst nichts wisse, sondern denselben nur nach Mittheiluug des Pastors Klammroth zur Anzeige gebracht habe, weil der Herr Pastor als Geistlicher nicht gern selbst deuuuziren wollte. — Der Arbeiter B!tchholtz, dessen Aussage schon vorhin angeführt ist, erscheint als ein höchst unklarer, verwirrter Mensch. Er behauptet, während zwei Jahren bei Heidemann in! Dienste gestanden zu haben, gieb! aber cndlich zu, daß er nur ein Jahr da gewesen. Seine gegenwärtigeu Aussagen stehen thcilwcise im Widerspruche mit seinen früheren Angaben. — Der Steinsetzer Beyer will am 17. Februar, Morgens zwischen 4 und 5 Uhr, Löwcnbcrg mit einer Pctroleumkanne gesehen haben. Es cntspinnt sich eine Kontroverse zwischen ihm und Buchholtz. Letzterer hat sich früher immer

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