Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1883)
- Article
- Der Prozeß wegen des Synagogenbrandes in Neustettin
- Date
- 1883-10-25
- Page
- 763 (sequence 3)
- Language
- German
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auf Beyer berufen, welcher ihm die Mittheilung ge-! macht haben sott, daß Leßhcim am 17. und 18. Februar j mit einer Pcrrolcnmkanne zur Synagoge gegangen sei. Der Widerspruch zwischen Beyer und Buchholtz wird nicht gelöst. Vuchholtz's Aussagen machen aber keineswegS den Eindruck der Zuverlässigkeit. (Fortsetzung folgt.) Korrcsplmdcilzeil mtb Nachrichten. Deutschland. -6- Berlin, 20. Oktober. Das Resultat der Stadtverordnetenwahl cn, an welche die Antisemiten so manche Hoffnung knüpften, ist zu deren schmerzlichen Enttäuschung ausgefallen. Es gelang trotz aller Anstrengungcn und Wühlereien nicht, das judenfeindliche Prinzip in der Reichshauptstadt zum Siege zu bringen. Herr Hofprediger Stöcker hatte, wie gewöhnlich, sein Bestes in Reden geleistet. Ich möchte als Gegensatz zu denselben der Rede dcS Professor Virchow kurz gedenken, welcher am 16. d. M. in der Sommcr'schen Lokalität vor einer größeren Versammlung das Treiben der sich Bürgcrpartei nennenden Judenfeinde ungefähr folgendermaßen skizzirte: Die Bürgerpartei, meint Virchow, hat sich als der reine Antisemitismus entpuppt, sie läßt sich nur von ihrer Wuth gegen die Inden leiten. ״Wählt keinen Juden", .so heißt es in ihrem Flngblatte. Was hat man den Juden in der städtischen Verwaltung eigentlich Schlechtes nachgewicscn? Ihr ganzer Fehler liegt darin, daß sie überhaupt da sind, daß sie Geld und Geist haben! Man möchte ihnen Alles abnehmen, um sagen zu können: Seht, was wir für große Männer sind! Man könnte ja jeden einzelnen Inden, der in der Stadtverwaltung sitzt, fragen, was er denn Schlechtes gcthan habe, und es würde nichts weiter hcrauskomiucn, als daß sic ganz vortreffliche Leute sind, und ich kenne keinen Inden in der städtischen Verwaltung, den ich missen möchte. Schon im vorigen Jahrhunderte hat sich das Judenthnm in Preußen entwickelt, dessen bester Re- Präsentant Mendelssohn war. Die Gebrüder Humboldt haben ihre besten Beziehungen gerade mit Juden gehabt und sind in jüdischen Familien erzogen worden. Das ist eine gute Tradition in der Geschichte unseres Volkes, wo das Berliner Judenthnm eine hervorragende Stellung eingenommen hat. ES ist vergeblich versucht worden, einem der Juden, welcher an der städtischen Verwaltung theilgenomnien hat, nachzuweisen, daß er schädlich gewirkt hat. Daß mit dieser Gesellschaft, deren hervorragende Führer nur schreien: ״Haut den Juden!" ein wirklich konservativer Mann nicht gehen kann, liegt auf der Hand. Die Arinseligkeit und Hütflosigkeit dieser Partei läßt weiter nichts zu als das Geschrei: ״Haut den Inden!" Es ist wunderbar, wie ein solcher Gedanke sich noch breit machen kann; mau kann daraus nur schließen, daß das keine Partei sein kann, welche irgend einen Anspruch auf Dauer und auf Zukunft hat. Daß große Staatsmänner, denen cs nicht darauf ankommt, welche Kanaille sich ihnen widmet, auch die Antisemiten daran lassen, ihnen die Schlihricmcn anfznlösen, das kann man verstehen; aber niemals werden diese Leute irgend einen Einfluß auf die Gesetzgebung und den Gang der Ereignisse auszuübcn im Stande sein. Diese Gesellschaft ist jetzt schon abgethan, und man kann wohl sagen, nie ist eine Partei schon vor der Wahl so geschlagen worden, wie diese sogenannte Bürgerpartei. Hl ültts Hessen. Wenn die beste Frau diejenige ist, von welcher am wenigsten gesprochen wird, so kann man in Hinsicht des jüdisch-rcligiöscu Lebens diejenige Gegend zu den besten zählen, über die die jüdischen Blätter am wenigsten zu berichten haben. Unser ehemaliges Kurhcssen gehört zu diesen Gegenden. Man kann wenigstens behaupten, daß in unserem Lande fast durchweg das jüdische Leben in den Gemeinden, den Institutionen und Haushaltungen noch feste Wurzeln hat. Ist auch in den einzelnen Bezirken, den chemaligen kurhessischcn Provinzen, der Einfluß, der von dem jeweiligen Rabbiner geübt wurde und wird, ein verschiedener, ja zum Thcil ein gegensätzlicher, so ist doch namentlich in den Landgemeinden noch allerwegS der jüdische Sinn anzntreffen. Völlige Fahnenflüchtigfeit, ostentatives Preisgcben des ״Erbtheils der Gemeinde Jakobs" ist Gottlob hier zu Lattde nicht zu Hanse. Allein tief zu bedauern ist der Rückgang int Erlernen unserer תורה הקדוש׳. Es ist zwar gerade in der Provinz Hessen-Rassau eine große Strömung zur Ausbildung der Knaben znitt Lehrberufe, so daß die Scminaricn und Praparandien das größte Konti!!- gent ihrer Zöglinge anS diesen Gegenden beziehen, und so ist'S auch gar nicht selten, daß Knaben im Alter von 10—14 Jahren und wohl noch 1—2 Jahre weiter neben der Ausbildung durch öffentliche, städtische oder staatliche Lehranstalten, auch nebenher ein wenig ״lernen." Aber daß ohne die Absicht eines Brodstudinms die Thorakevntniß erstrebt werde, ist mit Ausnahme von vereinzelten Fällen auch bei uns nicht mehr anzutrcsfen. Eine Hauptstätte des Thorastndiunts ist verwaist. Es ist Gudenöbcrg, wo zu Füßen des cmvergeßlichen Rabbi Mordochai Wetzlar זצ״ל unzählig viele Schüler gesesseu, um aus dem klaren Quell seines Wissens zu schöpfen und an dem leuchtenden Mnsterbildc seiner edlen Persönlichkeit sich zu begeistern. Wo heute noch in unserem Hessen sich Männer finden, die ungeachtet ihrer, anderweitigen Bcrufsthätigkeit jede freie Zeit dem