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Jeschurun · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. 739

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-10-15
Page
739 (sequence 3)
Language
German
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739 Aber der Wagen hing nicht in Federn, intb ba$ unans- \ hörliche Stoßen niachtc selbst dem Müden Schlttmiuer! zur Unmöglichkeit. j Als der Morgen granete, hatten sic das Dorf , erreicht, in dein das erste Borgespann ihrer harrte. Ko hu! nützte diese Unterbrechung, am nahe gelegenen Brunnen die vorschriftsmäßige Waschung vorznuchmen, bevor er das Morgengebet verrichtete. Dann zog er das viereckige Gewand mit den Schansädcn und die Gebetricmcn hervor, wand letztere um Stirn und Arm und hüllte sich in ersteres, das Anstarren des Pferdelncchtes kümmerte ihn )licht, so wenig als das Kichern der Mägde und er begann voll Andacht das Morgengebet. Der junge Bauer, der die Pferde lenkte, hatte sein Thun nicht gewahrt; all sein Denken, all sein Sinnen war daheim bei seiner sterbenden Mutter, und unablässig trieb er die Thiere an. Als aber Kohn gegen das Ende des SchacharisgebeteS, das auch an Halbfeicrtagcn vorgeschricbene Hallelgebet begann und in gewohnter Weise mit lauter, nicht geradezu nnangenehmer (Stimme, aber für den Nichtjndeu doch in höchst eigenthüinlicher Weise, den Segeusprnch sang, da fuhr Scidler wie aus einem Traume empor und blickte voll Stauneri auf den so fettfam eiugchüllten, sich unablässig wiegenden, laut singenden Mann; fragend blickte er auf Mirjam, aber sie sah vor sich nieder; ihr Blick begegnete dem seinen nicht, auch ihre Lippen bewegten sich betend. Der Bauer wandte sich wieder zu seinen Pferden, und weiter giug's im Trab. Als zum zweiten Mal das Gespann gewechselt w)1rde, verließ Kohn abernials den Wagen. ״Mirjam, liebes Kind, seien Sie von der Güte — )))eine Frau, scheint mir, hat Ihnen zu essen mitgegeben." Bereitwillig öffnete Mirjam die Handtasche und bot sie ihm dar. Er aber trat zuvor abermals 511111 Brunnen und ließ das Wasser in de)! Becher und ans dem Becher über seine Hände rinnen, dann erst sprach er de!n Inhalt der Tasche zu. ״Wollen Sie denn nicht frühstücken, liebes Kind?" wandte er sich an das junge Mädchen. Dieses schüttelte verneinend das Haupt; sie fühlte sich außer Staude, irgend etwas zu genießen. Der Freundliche aber wähnte/ es sei ihr nur die Blühe des Aus- und Einsteigens zu unangenehm. ״Warten Sic, Kind, ich bring' Ihnen Wasser." Und ehe sie es verhindern konnte, war er abermals zum Brunnen geeilt, hatte seinen ledernen Becher mit Wasser gefüllt und reichte ihn ihr hinaus. ״Kommen Sie, Mirjam, halten Sic die Hände hinaus, ich gieße Ihnen über." Aber Mirjam schüttelte abermals das Haupt. ,.Ich kann nicht essen," — flüsterte sic, ״und ich kann Ihnen jetzt nicht danken — Sic sind so gut — v, so gut — 0 —" Thronen erstickte)) ihre Stimme; sie brach in ein heftiges Schluchzen aus. Der weichherzige Mann kam beinahe selbst uin seine Fassung bei diesem heftigen Ausbruche ihres Schmerzes. ״Kind lieb! Kind lieb! ich bitt' Sic um Gotteswillen, hören Sie auf, so zu weinen — mir zu Lieb' hören Sie ans — Sie werden sich noch krank machen." Aber Mirjam nun׳ nicht so rasch im Stande, sich;)) fassen. Eben schwang sich der junge Bauer wieder ans den Wagen. Er sah das schl)!ch;endc Mädchen und hörte die tröstenden Worte des Mannes an ihrer Seite. Ein Acchzen entrang sich seiner Brust — er hatte keine Thränc. Ein Peitschenknall und im gestreckten Galopp rannten die Pferde weiter. Es war um die zehnte Stunde, als der Wagen endlich vor dem Seidlcrhofc hielt. Der Obcrknecht stand in! Thorwcg, dieusteifrig eilte er herbei. Der Bauer warf ihm die Zügel zu und schaute ihn fragend an; seine Lippen bebten, aber er brachte kein Wort hervor. Doch der Knecht hatte seinen Blick verstanden, mitleidig zuckte er die Achseln. ״'s ist halt noch wie Nachten — all's eins." Der Toni sprang vom Wagen, hob auch Mirjam herunter und ohne ihres Begleiters zu gedenken, eilten Beide in das Hans; Kohn aber raffte sorgsam alles zusammen, die Handtasche, die Mirjam im Wagen gelassen hatte intd seine eigenen Effekten; dann, erst kletterte er hernieder. Der brave Mann trug den Stempel seiner Nationalität i» seinen Zügen, auch die Dvrfkinder, die das Gefährt umstanden, hatten dieses rasch bemertt; hier kicherte eilics, dort ein anderes ״Ind! Ind!" Der Kneckt aber glaubte, rasch eine Erklärung gesunden zu haben für die Anwesenheit des ihm nnbckannten Fremden. Das wird der Doktor sein, den der Scidler Toni für seine Mutter gebracht hat. ״Armer Tropf," niurnlelte der Mitleidige vor sich hi)), ״gegen den Tod ist lein Kraut gewachsen." Dennoch hielt er sich verpflichtet, den ״Indendoktor" vor den Beleidigungen der Dorsjngend zu schützen; mit einem lräftigcu Fluche und einer entsprechenden Handbewegung trieb er sie von dannen und geleitete den Fremden in das Wohnhaus. Die beiden jungen Leute befauden sich bereits an dem Vager der Sterbenden; einige Nachbarinnen, die bisher dort verweilt, hatten sich bei ihrem Kommen zurückgezogen. ״Mutter!" rief der Toni, indem er an ihrem Bette niederkniete und sein bleiches Gesicht an die

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