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Jeschurun · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. 740

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-10-15
Page
740 (sequence 4)
Language
German
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740 g1Ecfc11־bcn Hände der mit dem Tode Ringenden druckte, ״ich Hab' die Marie gebracht — sie ist schon da!" Ein Lächeln erhellte für einen Moment das erdfahle Antlitz der Röchelnden. ״Marie —"!'rammelte sic, ״Marie!" — und wahrend sie die eine Hand dem Sohne ließ, tastete sie mit der andern nach dem jungen Mädchen, das sie wie ihre Tochter geliebt. Mirjam aber hatte sich bereits laut schluchzend über sie geneigt und drückte die erkaltende Hand an ihre glühenden Lippen. — Sie hätte ihr so gern noch einmal gedankt für die Güte und Liebe, die sie ihr erzeigt, —- doch im Anblick des Todes fand sie keine Worte — sic halte nur Thränen — und reichlich flössen sic auf Antlitz und Hände der würdigen, heißgeliebten Greisin — und selbst im Todeskampfe verstand diese die Sprache der Liebe. Mit ihren letzten Kräften bemühte sie sich, die Hände, die sie in die ihren hielt, zu drücken lind wie ein Lächeln irrte cs um ihre bleichen Lippen. ״Liebe —", hauchte sie kaum hörbar, ״liebe —" Abermaliges Ringen nach Worten und nach Athcm. Endlich gelang eS ihr noch einmal. ״Armer Toni!" stammelte sie, ״armer Toni! — armer — Marie — liebe — liebe Marie — troff ihn!" — ES schien, als wollte sie die Hände der jungen Leute in einander legen — doch sie entglitten ihren Fingern — eine plötzliche Veränderung ging in ihren Zügen vor — sic hatte auSgerungen. — In sinnlosem Schmerz warf sich der Toni über die thenre Leiche und bedeckte sie mit seinen Küssen und seinen Thränen — jetzt erst hatte er Thränen gesniiden. Aber sie gewährten ihm keine Erleichterung; sein wildes Schluchzen durchhallte daS HauS und seine Umgebung bemühte sich umsonst, ihn aus dem Sterbezimmcr zu entfernen — selbst Mirjanfs Bitten gegenüber blieb er taub. Doch der Tag schritt vor, die Mittagsstunde war vorüber, Kohn drängte, sich auf den Heimweg zu machen, denn sic halten noch eine halbe Stunde zu gehen bis dorthin, wo der von Rahel beorderte Wagen ihrer harren sollte. ״Könnte ich nicht bis zum Begräbnis; bleiben?" flüsterte Mirjam, deren Thränen im Anblick dcS sassniigS׳ losen Schmerzes des Sohnes versiegt waren. Kohn schüttelte den Kops. ״Kind lieb, Kind lieb, was fällt Ihnen ein? 's ist doch Iomtow — Aber wenn Ihnen gar so viel daran liegt, sollen Sie dabei sein. — Wegen meiner fahr' ich selber Sie her — heißt das, wenn der SchabboS nicht dazwischen kommt. — Aber nun kommen Sie, Kind, meine Rahel ist allein — und Sie wissen —" Mirjam sah ein, sie durste das Opfer, das der brave Mann ihr brachte, durch ihr Zögern nicht noch vergrößern. ״Rnr!;och einen Augenblick," bat sie und trat zu dem Toni; sie rief ihn beim Namen; er blickte nicht ans; erst als sie ihre Hand ans seine Schulter legte, fuhr er zusantmen und wandte sich zu ihr. ״Behüt' Euch Gott!" sagte sie und bol ihm die Hand. Achtlos nahm er sie, ohne sie zu drücken. ״B'hüf Dich Gott!" entgcguete er tonlos. — Plötzlich fuhr er auf. ״Fort gehst? — willst der Mutter nicht die letzte Ehre geben? geh —" ״Sie wird kommen, lieber Freund," siel Kohn ihm in's Wort, ״heißt das, wenn's nicht aufm Samstag fällt — und weun'S Freitag war', müßfs gleich in der Früh' sein —" Der junge Mann preßte die Hand an die Stirn, der Kopf war ihm nicht klar. ״SamStag — Freitag — waS ist denn heute?" ״Heute haben wir Dienstag, lieber Freund." ״Alsdann mag'S Freitag sein — gleich in der Früh' — wie ein Wimmern entrang sich'S der Brust des llnglücklichen. -- ״Aber kommst, Marie? — sicher?" Sie neigte bejahend das Haupt, der Hals war ihr wie zngcschnürt, sie brachte kein Wort hervor. ״Sicher kommt sie, sag' ich Ihnen," antwortete Kohn für sie. ״Soll ich den Franzel mit'm Wagen um Dir schicken?" ״Nichts sollen Sie schicken und keiner — ich selber fahr' sie her. — Aber nun kommen Sic, Kind, meine Frau wartet." Beide verließen das Zimmer. Der junge Bauer begleitete sic nicht und blickte ihnen nicht nach. Was auch sonst die Gefühle sein mochten, die seine Brust durchwogten, in dieser Stunde galten sie einzig und allein der Verstorbenen. Raschen Schrittes eilte Kohn mit seiner jungen Begleiterin dem Nachbardorsc zu, wo sie die Kalesche finden sollten; seine prickelnde Ungeduld ließ bei ihm keine Ermüdung anskommen und Mirjain war jung und leichtfüßig. Als sie jedoch den Wagen endlich erreicht halten, brach sie beinahe ohnmächtig zusammen. ״Allmächtiger Gott!" schrie der theilnehmende Mann ans, indem er die Wankende stützte. ״Sic sind ja noch nüchtern — jetzt fällt mir's erst ein, ich Untam! daß ich das Hab' vergessen!" (Fortsetzung folgt.)

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