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Jeschurun · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. 738

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-10-15
Page
738 (sequence 2)
Language
German
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738 in dcn verflossenen Stunden erlitten, sie waren deutlich verzeichnet in seinen! geisterblcichen, verstörten Augesicht, in dcn kurzen hastigen Worten, die er, nach Athen! ringend, nur hervorslicß. Auch Rahcl war bereits zur stelle und lauschte mit inniger Thcitnahme den abgcrissencn LKittheilnngcn des vcrzwcisclnden Sohnes. ״Eit' Dich, .Waric! — mit Gott, eit' Dich! — ich bin nicht da — Du bist nicht da — und die Mutter stirbt! -- mit Gott, eit' Dich!" ״Ich bin sofort bereit," stammelte Mirjam, und eilte hinüber in ihr Zimmer. Nahe! zog dcn Gatten bei Seite. ״Wir können Mirjam nicht allein mit dem Seidker sortlassen; wenn die Mutter stirbt, kann man nicht erwarten, daß der Sohn sic znrückbringt oder auch mir dafür sorgt, daß sic znrüekkommt. Schicke Du gleich in der Frühe zum Neis, er soll mit seiner Kalesche zu dem Fleischhacker Wenzel in P. fahren, das wird höchstens eine Viertel stunde vom Seidlerhof sein — und dort soll er ans uns warten, denn ich werde mit Mirjam fahren." ״Nahellcben, mein ftinb! um Himmclswillen, was fällt Dir bei? Du willst fahren? — Du? — denkst Du denn an gar nichts?" ״Es wird schon gut gehen," suchte Nahet den Ausgeregten zu beschwichtigen. ״Du sichst doch ein, daß wir sic nicht allein sortlassen können." ״Wenn Dn sagst, wir können sic nicht allein sortlassen, so können wir sie nicht allein fortlassen, das steht fest. Aber Dn darfst nicht mitsahrcn, chas lvcscholanm, das lass' ich nicht zu." ״Aber —" ״Nahelleben, mein Kind, gcb' dem armen Kerl 'n Glas Wein; ihm ist schier nicht gut. Ich will mich eilen, in 'ner Minnl' bin ich fertig." ״Wie? Dn willst —" ״Veit dem Kind fahren, versteht sich — wenn wir sie nicht allein sortlassen können, wer sollt' denn mit?" Nahet warf ihm einen Blick innigcn Dankes zu; sic ivnßtc, tvctches Opfer cs dem Wackern war, während des Festes zu reisen, die Synagoge zu versäumen und im Wirlhohanjc sich nicht einmal einen Trunk Wasser geben lassen zu können. Während Kohu in größter -vast seine Toilette beendete, eilte Nahe!, vor Allem der Weisung ihres Mannes entsprechend, dem jungen Manne ein Glas Wein anfznnöthigen. Er sträubte sich zwar, mußte jedoch zngeben, daß er sich vollständig erschöpft fühle nnd ließ sich schließlich überreden. Dann ordnete Nahet eiligst einige Fleischspeisen, Wein und einige ungesäuerte Brode in eine Handtasche, die sic Mirjam übergab, die bereite reisefertig wieder in das Zimmer getreten war. ״Ich bin bereit, Toni," sprach Mirjam leise, indem sic zu ihm trat. ״So komm' geschwind," cutgegncte er, hastig aufstehend. ״Einen Augenblick," bat Nahet, ״mein Mann wird mitfahren, er kommt sogleich." Die beiden jungen Leute blickten sie überrascht an. ״Dein Mann wird mitfahrcn?" fragte Mirjam. ״Dn kannst wegen der Feiertage nicht lange fortbleiben," erklärte Nahet. ״Du mußt noch morgen zurückkommcu, und wenn der Scidlcr vielleicht vcrhindert wäre, Dich zu begleiten —" Der Toni stieß einen tiefen schmerzlichen Seufzer aus; cs war fast ein Stöhnen, er ergriff Nahel's Hand und drückte sic innig, zu sprechen vermochte er nicht; aber er stand ruhig und ohne Zeichen von Ungeduld noch mehrere Minuten da. — Kohn ließ jedoch nicht lange ans sich warten, er hatte sich in Wirklichkeit beeilt. ״Na? Hab' ich's nicht gesagt, ich bin gleich fertig? — Und Nahelleben, mein Kind, was ich noch Hab' sagen gewollt — Dn wirst mochel sein nnd gleich in der Früh' zum Neis schicken, daß er mit der Kalesche nach P. fährt und beim Wenzel sich stellt und wartet, bis wir kommen." Darauf umarmte er seine Frau, der auch Mirjam innig die Hand drückte. ״B'hüt' Ihne Gott!" flüsterte Seidlcr, indem er dcn Hut in die Stirn drückte, nnd Alle eilten hinaus dem Wagen zu, der vor dem Hause ihrer harrte. Es war eine mondhelle Nacht, und an dem azurblauen Firmament schimmerten die Sterne in zahlloscr Pracht. Nahel zog vorsorglich dem jungen Mädchen noch eine Kapuze über dcn Kops, dann hob der Bauer sie in seinen Wagen und schwang sich selbst hinauf auf seinen Sitz, während Kohn sich an Mirjam'S Seite niedertieß. Er nickte seiner jungen Frau, die von der Schwelle ihres Hauses ans dem davon rollenden Wagen nachschante, unaufhörlich zu, bis die Krümmung der Gasse sie seinen Augen entzog nnd dem braven Manne einen tiefen Seufzer entlockte. Es war seine erste Trennung von seiner Frau. Es war eine trübe schweigsame Fahrt. Der junge Bauer, der schon auf dem Hinwege am vergangenen Tage zweimal Borspann bestellt hatte, trieb die Pferde unablässig zur Eite an, und im Galopp jagten die Thicrc mit dem leichten Leiterwagen auf der Kaiserstraße dahin. Mirjam starrte in die Nacht hinaus, Thränc auf Thrünc glitt über ihre Wangen, sie liebte die alte Bäuerin aufrichtig mit ihrem warmen dankerfüllten Herzen. — Kohn hätte am liebsten noch ein Stündchen geschlummert, er versuchte cs auch und schloß die Augen.

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