Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-10-10
- Page
- 719 (sequence 3)
- Language
- German
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719 wieder hinaus, und gleich darauf rollte sein Wagen davon. Nahet zog die Freundin ins Zimmer und nachdem sie sie nochinalS umarmt, half sie ihr. der schweren Ueberueider sich entledig״.׳.!, während Kohn in der ihm eigenen treuherzigen Weise sie nochmals willkommen hies;. ״Aber, Mirjam, liebes Kind, was ich Ihnen sagen muß — wenn ich nicht gewußt hätte, Sie sinds, wiedererkannt hätte ich Sic nicht." ״Ach, was füllt Dir ein," rief Nahe! lebhaft, indem sie der Freundin in'S Antlitz schäme, ״Mirjam hat noch dasselbe liebe Gesicht wie vor zehn Jahren, als sie noch so'n kleines Mädchen war." Kohn aber schüttelte den Kopf. ״Wenn Du sagst: .Gesicht׳ und meinst damit die Augen, dann sag' ich: ,kann sein', Du hast recht. Wenn Du aber meinst mit Gesicht daS ganze Ehenponim, da muß ich sagen: sei mir'S tausend Mal mochel, aber dies Mal hast Du nicht recht. Und wenn Du Dir nur erst das Haar anschaueu wirst, da bin ich sicher, -Du wirst sagen: der Mann hat recht." Nahet ließ ihren Blick prüfend über die anmuthig zarte und doch hohe schlanke Gestalt des jungen Mädchens gleiten, daS hold erröthend lächelnd vor ihr stand. ״ES ist wahr, der Mann hat recht, wie immer," rief sie lachend, indem sie mit der einen Hand Mirjam zum Tische zog und die andere dem Gatten reichte. ״ES ist in der Thal erstaunlich, Mirjam, wie Dn Dich in diesem Jahre verändert hast — ich habe eS im ersten Augenblick nicht so bemerkt, denn ich habe in der That zuerst nur in Deine Angen geschaut — und die sind heute noch eben so blau und so groß und Dein Blick ist so sanft und so lieb wie von jeher. Aber Dein Haar ist ja ganz anders geworden — vor'in Jahr war eS noch hellblond, jetzt ist es kastanienbraun — der Mann hat recht;" sie nickte ihm abermals freundlich zu. ״Und dadurch, daß Du Dein Haar nicht mehr in frei hernnterhängrnden Zöpfen trägst, hat Dein liebes Gesicht auch einen andern Ausdruck, eS scheint weniger rund, «lehr länglich und anch etwas schmaler." Mirjam fing an, diese allzugenane Betrachtung ihrer selbst unbehaglich zu finden. ״ES ist eben ein volles Jahr, seit wir uns nicht gesehen," sagte sie ablcnkend, ״Du hast Dich auch gar sehr verändert —." Kohn hatte inzwischen das HauSthor geschlossen, eben trat er wieder in das Zimmer. ״Nahet, mein Kind, unser lieber Gast wird hungrig, und schläfrig sein, wo bleibt die Suppe?" ״Ich bringe sie sogleich," sagte Nahe! und eilte hinaus. Kohn setzte sich den: jungen Mädchen gegenüber, und blickte noch immer prüfend ihr in's Angesicht. ״Ich Hab' 'ne Freude, liebe Mirjam, wirklich, ich Hab' 'ne Freude, daß Sie sich so verändert haben; Keiner wird sie erkennen und mir scheint, Sic brauchten sich dieses Mal gar nicht so cinzusperren." ״Glauben Sie daS wirklich?" fragte Mirjam froh erregt, ״meinen Sie. ich könnte eS wagen, inich hier sehen zu lassen?" ״Ich mein 's," entgegnete Kohn, ״wollen aber hören, was meine Frau dazu sagt; denn Sie wissen, meine Nahelleben — die ist geschcidt. Nahel, mein Kind," rief er der mit der dampfenden Suppenschüssel Eintretendcn entgegen, ״komm' mal her und schau Dir unsere liebe Mirjam noch 'mal an; meinst. eS wäre nothwendig, daß sie wieder so cingesperrt bleibt wie voriges Jahr?" ״Ich meine, was Du so eben selbst gemeint hast, Mirjain muß vor Allein essen und dann schlafen, und alles Ucbrigc können nur morgen überlegen." ״Necht, Nahelleben, hast recht. Kommen Sie, liebe Mirjam, waschen Sie sich und essen Sie, eS wird Ihnen schmecken. Meine Nahel hat die Suppe extra für Sie gekocht. Die muß extra gut sein, hat sie gesagt, ein ganzes Jahr lang hat sie keine gehabt." Und dann wollte der sreuudliche Manu daS Lavoir mit der Gießkanne eigenhändig zu dem jungen Mädchen tragen; Mirjam aber sprang hastig ans, diese übergroße Aufmerksamkeit abzuwehren. Doch folgte sie der freundlichen Aufforderung und ließ sich die kräftigen Speisen trefflich munden;' die Freundin und ihr Mann sahen ihr mit sichtlichem Vergnügen zu. ״Nun sag, Nahel, mein Kind — Du hast zwar recht, eS hütt' Zeit bis morgen - aber währenddem unsere liebe Mirjain ißt, können wir Zwei 's berathcn. Meinst Du nicht, es war' übertriebene Sach', wenn sic sich so cinsperrcn thäte wie voriges Jahr?" ״Was glaubst Dn, Nahel?" fragte auch Mirjam, indem sie ihr Antlitz der Freundin zuwandte. ״Ich glaube, mein lieber Mann hat abermals recht, eS wäre nutzlos, Dich hier ängstlich zu verbergen, es wird Dich keiner so leicht erkennen." ״Ah!" ries Kohn, sich vergnügt die Hände reibend, ״ich Hab' diese Nacht schon Iomlow; zwei Mal hast Du gesagt, ich hätte recht. Und pass' ans, gleich wirst Dn'S zum dritten Male sagen." Nahel hatte sofort errathen, was der wackere Mann Vorbringen wollte, dennoch blickte sie wie erwartnngSvoll zu ihm hinüber. ״Alsdann sind wir Eines, daß unsere liebe Mirjain sich hier sehen lassen kann, so sind wir anch Eines, daß wir sie nicht wieder fortlasscn, Mirjam, liebes Kind, von heute an ist unser HauS auch Ihr HanS." ״Nccht, lieber Mann," sagte Nahel, indem sie ihm herzlich die Hand drückte.