Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-10-10
- Page
- 718 (sequence 2)
- Language
- German
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718 Als der Sagen des Bauern vor dem Fenster vorüberrollte, erwachte die Greisin. ״Ah," fragte sie, ״i|1 der Toni schon fort?" Mirjam überbrachte ihr die Grüße des Lohnes und ,;um ersten Mal empfand sie es als Wohlthar, daß die Alte nicht ins Antlitz ihr schauen konnte, nicht schalten konnte die l>ttnlh, die die Sangen ihr färbte. Dennoch war den! scharfen Ohr der Blinden ihre Erregtheit nicht entgangen. ״Freuest Dich, daß das Passahfest kommt und Du;u Deinen Freunden, gelt?" ״Das Passahfes! kommt noch nicht so bald," erlviederte Mirjam ausweichend, ״tvir haben Heuer ein Schaltjahr." Erläuternd fügte sie hinzu, daß das jüdische Schaltjahr einen vollen Monat mehr zählt als das gewöhnliche. ״Ah," sagte die Alte, ״das habe ich nicht gewußt. Sir haben uns schon immer gewundert, ich und der Toni, daß Du noch gar nicht davon geredet hast, daß Du wieder zu der Rahe! mußt. Aber gelt, 'ue Freude hast Du doch, daß Du bald wieder hin wirst?" ״Ich würde mich mehr freuen, wenn ich nur wüßte, daß Ihr ntich nicht allztt sehr entbehren würdet," versetzte Mirjam, die durch das krankhafte Aeltßere der Blinden in jüngster Zeit in der That beunruhigt war. ״Mein gutesKind! mein liebes, liebes Töchtcrle!" und liebkosend glitt die welle zitternde Hand der Alten über die langen schweren Haarzöpfe des jungen Mädchens; diese aber, von eilten: ihr selbst unklaren Gefühle nahezu übermaunt, neigte sich llnd zog die Hand der Bäuerin an ihre Rippen. Tie Blinde gewahrte die Thräne, die über ihre Wange hcrnicderglitt und mit einen: halb schmerzlichen, halb glücklichen lächeln streichelte sieden! jungen Mädchen wie beschwichtigend die glühenden Wangen. ״Hast die alte Seidlerin gern, Marie?" ״Wen sollte ich gern haben, wenn nicht Euch," murmelte Mirjam, von ihrer Erregung n!ehr und mehr übermannt. ..Weiß ich denn, wie es mit meiner Mutter ist — und mit meinen Brüdern —" Thränen erstickten ihre Stimme. Die Alte seufzte, sie wußte längst, was Mirjam nicht einmal ahnte. ״Mußt nicht weinen, Marie, 'S wird noch Alles gut werden; glanb's dem alten Weib, daS Dich gern hat, wie ihr eigen Nind. — Und jetzt kommst auch bald wieder zn Deinen Freunden ׳und die werden 'ne Freude haben mit Dir — na, der Toni hat mir voriges Jahr davon erzählt — möcht' wohl dabei sein. Und Du wirft 'ne Freude haben mit ihnen — und an die Alte aufm Hof brauchst auch nicht iinmerwährend zu denken — weißt, die freut sich halt auch, daß ihr liebes Töchterle 'ne Freude hat — und freu sich auch, daß der Passah nur nenn Tage lang dauert und daß dann das Töchterle wieder heimkommt zu der Alten — und wird das wieder 'ne Freude?ein, wenn die Marie zurückkommt und der Toni im ganzen HanS herumspringt und es einen: Jeden verkündet, daß die Marie wieder daheim ist. Denn weißt, wenn Du fort bist, ist'S gar öde auf'm Hof; an die zwanzig Mal in: Tag kommt wohl der Toni itnd setzt sich daher, tvo Du jetzt sitzst und sagt: .gelt Mutter, 's ist euch gar bang nach der Marie׳. — Der Toni ist brav, ist ein guter Sohn, einen besseren gicbt's nicht auf der Welt — und bevor Du da bist gewesen und wenn Du fort bist, da sitzt er weit mehr bei mir als sonst ■— aber immer kann er halt doch nicht da sein, er hat draußen seine Arbeit — und wenn auch — er ist ein Mann, er weiß nicht alles so — wenn Du da bist, ist'S halt doch am allerbesten." Einige Wochen waren abermals verstrichen; eS war in der Nacht vor dem Nüsttage zun: Passahfeste. In der Iudengasse waren schon sütnmtliche vielster erloschen, nur iu dein schönen großen Hause der Shuagogc gegenüber, das das Kohn'sche Ehepaar bewohnte, dort erglänzte eS noch hell hinter den weißen Borhängen. — Mit geschäftiger Hand traf die blühende junge Frau hier und da noch einige kleine Anordnungen, während ihr wackerer-Gatte, seiner Gewohnheit gemäß, die Hände auf den: Stücken übereinander gekreuzt, in den säubern, äußerst wohnlich eingerichteten Zimmern auf und nieder wandelte und mit glücklichem Lächeln der anmuthigcn Geschäftigkeit der Hausfrau zusah. Nur hin und wieder, wenn sie einen Sessel oder ein kleines Tischchen ein wenig zur Seite rücken wollte, daun sprang er hastig, wie besorgt, herbei. ״Lass', Nahel, mein Kind, das geb' ich nicht zu — wozu bin ich denn da." — Dankend nahm sie seine kleinen Dienstleistungeu entgegen itnd daS reinste, höchste Glück strahlte ans Beider Zügen. Horch, da hält ein Wagen! — Wie im Borfahre eilten Beide dem Hansthore zu und bewillkommten mit aufrichtigster Freude das junge Mädchen und deren Begleiter. Der Toni war aber dieses Mal nicht zu bewegen, auch nur ins Zimmer zn treten, er hatte in: Borüberfahren im Wirthshanse frische Pferde bestellt, um ohne Aufenthalt heimkchren zn können, denn das Befinden seiner Mittler iu den jüngsten Tagen hatte ihn mit ernster Besorguiß erfüllt. Noch iu der Hausflur verabschiedete er sich von Mirjam, machte den: Kohnscheu Ehepaare dieses Mal sogar eine etwas weniger linkische Verbeugung und mit den Worten: ״Alsdann übermorgen in acht Tagen auf die Nacht bin ich wieder da. B'hüt' Ihne Gott mitsammen!" eilte er hastig