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Jeschurun · 1883-10-04 · Heft 40 (4.10.1883) · p. 705

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 40 (4.10.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-10-04
Page
705 (sequence 5)
Language
German
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705 tretcrS der Privatklage rcflcftircn. Er hat gcgcii den Vertreter der Staatsanwaltschaft und die Vcrtheidignng die Auslage er- Hoden, dasi sie Zeugen, die belastend dcponirken, stundenlang mit Fragen quälten. Dieser Vorwurf ist weder formell noch dem Wesen nach begründet. Der Herr Privarkläger hat auch die Angeklagten, welche der von ihm geschmähten Konfession angchören, nicht geschont und gegen dieselben wi'uhcnde Ansfälle gemacht. Diese Angeklagten haben länger als ein Jahr völlig unschuldig im Gefängnisse geschmachtet.' Wenn angesichts solcher Leiden unschuldiger Menschen Fragen an Zeugen gerichtet werden, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, so kann man dies doch nicht Marter nennen. Bon dem rituellen Morde rede id) nicht. Meine Freunde und Kollegen haben wichtige Argnmcntc für die Nichlcristenz des rituellen Mordes angeführt. Ich meinerseits gestehe, dasi ich diese Anklage für eine anS finstern I.chrhnndcrlcn überkommcnc Dummheit halte, die ans der Welt zu schassen rveder Richtern noch UnlcrsnchnngSridstern, sondern nur den Schullchrerr: und pslichtbcwnsiten Priestern gelingen wird. Ich habe nie in meinem Leben von dieser Anklage etwas gehört, und ich mußte erst als Abgeordneter ins Parlament gelangen, um znrn ersten Male zu hören, das; eine ganze Konfession der Blutschuld geziehen wird. And) ans Büd)er hat man sich bezogen. Id) weis; nur, daß in den Büchern Mosis. in dcn Propheten und Nid)tcrn, die id) als Kind christlicher Ellern in der Schule gelesen, nur von dem Wcrlhe der Wahrheit, von Liebe und Treue gesprochen wird. Der wüthende Hast, dessen Ausdruck wir hier gehört, ist nicht die Lehre weder jener ׳Bücher, nod) der d)ristiidjcii Religion. Die Blutschuld ist für Kinder ein Ammen- Märchen. Wenn ein gebildeter Mann sagt, er glaube daran, so verleumdet er sich selbst und will Andere verleumden. Heute ist eö Mode, diese Anklage zu erheben. Es ist traurig, wenn gebildete Männer dieser unsinnigen Mode folgen. Der Herr Privalllügcr hat and) Beispiele für die Blutschuld angeführt-, aber bei uns ist cs iiidjt Sitte, sich ans Urrhcile von Richtern vergangener Jahrhunderte zu berufen. Ein Richter kann und darf nicht daS Vorbild für dcn andern sein. Ans zwei Beispiele, die er angeführt, will id) jcdod) reslektircn. Das eine ist der Fall des Grasen Vasili ans -ein Jahre 1'!'_!!). Das war ein österreich-ungarischer Graf, der, nad)dcm er locker gelebt und sd)lcd)t gewirthschastct, viele Lchnldcn haue, Schulden bei nngarisd)en und bei österreichischen Inden. Nach der Schlacht bei MohacS waren in Ungarn alle Verhältnisse verwirrt, und der Graf benützte die Gelegenheit und erhob, um seine Schulden losznwcrden, gegen dreißig Inden die Blntklage. Dann blieben ihm nod) die jüdisd)en Gläubiger in Oesterreich. Trüben war aber geordnete Rechtspslcgc und der Graf gelangte selbst in die Hände der Justiz. Der Herr Advokat hat also ein sehr unglückliches Beispiel gewählt. Was das zweite, dcn Mord des Paters Thomas in Damaskus, betrifft, so hat sid), als die angeblichen Knochen des ParcrS nach Paris geschickt wurden, heransgestcllt, dasi es durchaus Hunde- und Schweinelnochtn waren. Der Herr Advokat bemerkte, dasi er, der öffentlichen Meinung gehorchend, die Vertretung der Privatklage übernahm. Was mich betrifft, so anerkenne id) nie und niemals, dasi die ösfcntlid)c Meinung das Recht habe, in die Rechtspflege dreinzusprechen. Die össentlid)e Meinung hat Platz und Stimme ans der Straße, in der Presse, im Parlamente, im Komitatssaale, niemals aber im Gerichlssaalc. Der Richter darf nicht der Spielball der össenrlichcn Meinung tverden. Der Gerichtshof verleiht in seinem Urthrilc meßbare Rechte, oder er entzieht dieselben. Die öffentliche Meinung besitzt lein sichtbares Maß, mit welchem sie die Gerechtigkeit mißt. Id) bin and) mit ihr nicht im Reinen. Häufig weiß id) nicht, weld)e sie ist, was sie ist. Ich bin ihr häufig Auge gegen Auge gegenüber gestanden; sie hat mich manchmal emporgehoben, manchmal fallen gelassen und mir stets die Erfahrung beige. brad)t, das; ein schreiender Mensch mehr Lärm zu mache» ve» mag, als hundert, die schweigen, aber auch die Erfahrung, daß dieser Eine weniger wiegt, als die anderen hundert. Und wenn ich meine Beobachtungen während des letzten Jahres ins Auge fasse, so bin id) unvermögend, den Ort zu bc;eid)nen, n׳o sich eigentlich diese össentlid)e Meinung äußerte. Ein Dutzend Leute verkündete das iUfärcljcn der BInlbeschnldignng großmäulig in der Presse. Ja, sie brachten dasselbe sogar ins Parlament. Aber das Volk selbst sah ich nid)t ans dieser Blntspnr tvandeln, selbst das Volk von Eszlar nid)t; id) sah cs terrorisirt, aber nicht überzeugt, denn wenn eS an die Blntbeschnldignng ge« glaubt hätte, wäre cs ihm ein Leid)tcS gewesen, mit den paar dortigen Inden kurzen Prozeß zu machen und rS nid)t zn einer vicrzigkägigcn Verhandlung kommen zu lassen. Mich leitete, inid) bceinsliißte nicht die öffentliche Meinung, als ich cS ohne Rekurs zur Gerichtsverhandlung kommen ließ. Id) befragte sedod), ehe id) mich in diesen unglückseligen Prozeß vertiefte, meine Klienten, nad)dem id) ihnen das Wesen einer össcntlid)cn Lchlnsiverhandlnng erklärt und ihnen von., ihrem Rechte des Rekurses Mittheilnng gemacht hatte, und sie antworteten mir, und namenllid) antwortete Joseph Sd)arf also: ״Nein, ich appellirc nid)t, ich will die Sd)l»sivcrhandknng; id) will cS vor der ganzen Welt hören und sehen, ivesscn man und) anklagt. Ich will es hören, ob mir mein Sohn die Anklage ins Gesicht zn sagen wagt", und id) folgte dem Wunsche meiner Klienten und ließ gegen meine juridische Auffassung die Schlnsivcrhand« Iilng abhalten, und cs ist gut, daß sie abgchalten wurde. Die Resultate derselben haben meinen Klienten Recht gegeben. Es war zweckmäßig und wohlgethan, der sogenannten öffentlichen Meinung, den Bchelsen und Beweismitteln der Anklage ins Auge zu sehen. Löblicher Gerichtshof! Wie in allen Fällen, mit denen ich inich je im Leben befaßte, so fragte id) mich and) in diesem Falle: Was ist die Thal, wo sind die Thätcr, wcldics sind die Motive, anö denen die Thal verübt wurde? Eine Thal sah ich nirgends, selbst den sogenannten objektiven Thalbestand gab es hier niemals, giebt cs and) jetzt nid)t. ׳ Auch Motive der Thal giebt es nid)l, denn die Blulbcschnldignng ist, wie dies der Gcrid)tsl)0ss-Präsident bereits in seiner Eröffnungsrede weise bemerkte, kein Motiv. Dieser Anomalie, diesen Absnrdi. täten gegenüber untersuchen )vir nun die Ursachen ans deren Grund. In einem Lande, das schließlich nid)t in Asien liegt, imnillcn einer Nation, die sich zn den gebildeten zählt, finden )vir ausgezeichnete gelehrte Richter sid) ernstlich mit einer Thal befassen, welche leinen Thatbestand und keine Motive hat. und dicke Ersd)c׳innng prüfend, finde id), das; dieselbe ans das zu« fällige Bersd)winden eines armen Mädchens, der viclfad) er« wähnten Esther Solymosi, znrückznsühren ist. Lange Zeit hin« durch glaubte id) nicht und schien es mir nicht im blindesten erwiesen, das; das Verschwinden der Esther mit ihrem Tode glcichbedcutend sei; erwiesen sd)ien mir nur, daß Esther Solymosi nid)t da ist. Daraus folgt aber durchaus nicht, dasi sie auch gestorben sein muß. Aber nid)t nur id), die gesammte Il1de11sd)afl von TiSza-ESzlar lebte in diesem Glauben. So oft eine Nad)richt von dem Vorhandensein der Esther die Luft dnrchschwirrte, sd)aarten sid) die Inden zusammen, um sie zu sehen. Es kam die Nachrid)t, sie sei in Slropko gesehen wor« den, Ivo sic bei einem griechisd)en Geistlichen in Diensten stehe. Tie Inden unternahmen die weile Reise, um sich von der Wahrheit dieses Gerüd)tc׳s zn überzeugen. Am 2!t. Mai v. I. kam die Nachricht, Esther sei am Leben und kehre nad) Hanse zurück, sie sei schon in der Nähe von Tisza-Eszlar. Die ganze Indenschast der Umgebung strömte zusammen, um sie zu sehen, um mit Freuden jenes Mädchen zu begrüßen, um dcssentwillen sie so viel gelitten. Aber auch diese verzeihliche Neugierde sollte

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