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Jeschurun · 1883-10-04 · Heft 40 (4.10.1883) · p. 694

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 40 (4.10.1883)
Article
Teschuwah
Date
1883-10-04
Page
694 (sequence 2)
Language
German
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694 Ach, unsere kleine Zeit ist so klein geworden, daß sie vielfach auch ״diesen großen und furchtbaren Tag" und seinen gewaltigen, mächtigen Gottcsruf zu ihrer Niedrigkeit herabzieht und ihn in ihrer kleinlichen schwäche lediglich zu einem Tage der Rührung ^und der Andacht beim Jahreswechsel umgestaltet. L)a erhebt sich hier ein Prediger und begrüßt seine nie so gedrängt um ihn versammelte ״andächtige Gemeinde" voll stolzer Freude, daß cs doch auch einen Tag im Jahre giebt, au welchem er, der Geistliche, zur Geltung und Wichtigkeit gelangt, und rühmt ihre Frömmigkeit und ihre heilige Inbrunst, die trotz der weltlichen Freuden und Ehren die hochangesehenen, in Prachtgewändern festlich gekleideten Damen und Herren für einen langen mehrstündigen Gottesdienst andächtig zu stimmen vcrmag. Dort aber versteht ein anderer geistlicher Hirte seine gläubige Heerde so nlächtig zu rühren, daß in Vieler Augen Thränen glänzen, Thronen der Wehmnth und des schmerzlichen Gedankens, erpreßt von des beredten Predigers eindringlicher, zu Herzen gehender Aufzählung aller schmerzlichen Ereignisse des verflossenen Jahres im händlichen und weiteren Familienkreise. Und ein Dritter spricht von dem NenjahrStage, dem Beginne eines neuen Zeitabschnittes, der dunkel und geheimnißvoll vor uns liegt, von welchem Niemand in dieser Stunde zn sagen weiß, ob er Leben oder Tod, Gesundheit oder Krankheit, Glück oder Elend in seinem Schooße birgt. Und ein Vierter und Fünfter — doch wozu aufzäh len alle die Momente, an welchen das schwache, bangende Gemüth der Sterblichen zu packen ist? lind doch erschöpft sich in diesen rührungsvollen Rückblicken und ahnungsreichen Ausblicken dcS uns betrofscncn oder uns treffenden Geschickes der jüdische Rosch.Haschauah mit seinem Teruahruf mit nichten. Denn nicht zunächst an das Gemüth wendet sich Gott mit seinem Gesetze und nicht für die Erweckung ahnungsvoller Empfindungen und andächtiger, rührender Stimmungen hat Er die großen Institutionen cingesetzt und uns auf deren Wahrung verpflichtet, sondern an den Hellen, wachen Verstand ergeht in erster Linie das göttliche Gebot, und zur bcwußtvollen, gottgefälligen That sollen wir uns durch die symbolischen gottesdicnstlichen Handlungen angeregt und begeistert fühlen. Und nicht sowohl unser Geschick, welches wir in Gottes Hand wissen, als unsere Psticht, als die durch uns zn vollziehende Umwandlung und Umgestaltung nuferes Lebens, das sich, außerhalb der Tempelrünme, im Hanse, in der Ehe, in der Küche, in der Werkstatt, an der Börse — kurz, in dein geschäftigen, rüstigen Treiben auf offenem Markte, inr Genießen und Streben, manifcslirt, — ist der Inhalt des Rosch-Haschanah-Tages und des SchofartonS. Und davon wissen unsere ״Nenjahrspredigten" nur wenig zu erzählen, und davon dämmert in nicht allzu weiten Kreisen eine Ahnung auf. . Rosch-Haschanah ist der ״ יום הדיןder Tag des Gerichts", der Prüfung des Thateu- und Gedankenlebens, ist der ראשון לעשרת ימי השונה, leitet die zehn Teschnwah-Tage ein, an deren Ende uns נפדה ומהרה erwarten. Wenn dieser Tag von uns in seiner vollen Bedeutung erfaßt worden ist, wenn der Schofarhall nicht nur an unserem Ohre vorübergerauscht, sondern unser innerstes Wesen ergriffen hat, dann wird er uns zur ernstesten, schwersten Arbeit aufgerufen haben, zur Selbsterkenntuiß und strengen Selbstprüfung. Und wir werden unserer Schwäche und Kleinheit inne geworden sein, wir werden cs entpfinden, wie unzulänglich unser Wirken geblieben, gegenüber der hohen Aufgabe, die wir zu lösen, ohne Gehalt und Dauer, blüthenlos und unfruchtbar, gleich dem dahinwelkendcu Gras, dem vorüberglcitenden Schatten, dein sich auflösenden Gewölk, dem verrauschenden Luftzug, dem aufwirbelnden Staubkörnchen, dem nebelhaften Tranmgebild, so daß, wenn der allerhöchste Weltenrichter nur das strenge Recht walten lassen möchte מי יצדק לפניו נדין kein Sterblicher vor Ihm bestehen könnte. Denn mit jeder nicht nach Gottes Willen verwendeten Kraft und Anlage, in jeder nicht nach Gottes Willen verlebten Minute hätten wir unser hieniediges Dasein verwirkt und es winkte uns keine HcileSzukunst im Jenseits, wenn nicht der gerechte Richter zugleich der barmherzige, liebcrciche Vater der Menschheit wäre, der nicht Ersterben, sondern Leben will und dem zu Ihm znrückkehreuden reuigen Kinder gern die Vaterarme öffnete, mit an ihnen das erhabenste Werk Seiner gnadenvollen Allmacht: die wieder geschenkte Reinheit, die auf's Neue verliehene Fähigkeit, in einem neuen, nach Seinem Gebote zu vollziehenden Leben, der Vergangenheit Sühne zu erwirken, zu üben. Dieses Gnadengeschenk der Verjüngung unseres ganzen Wesens durch den Gottesschutz der נפרה zur Reinheit, zur sittlichen Freiheit, trotz unserer verfehlten Vergangenheit, wird uns aber nur dann zu Theil, 'wenn wir in Wahrheit und Aufrichtigkeit zu Ihm zurückkehren, wenn wir wahrhaft השונה vollziehen, wenn wir eS über uns vermögen, unsere Fehler einzusehen und die von uns geübten Abweichungen von dem Gesetze Gottes in allen ihren Einzelheiten zu erkennen, um eine durchgreifende Umwandclung unseres Strebens und Handelns selbst mit Kraft, Entschiedenheit und Ausdauer an uns zu bewirken. ״Welches ist eine wahrhafte Tcschnwah? So Jemand trotz der Gelegenheit und Möglichkeit zur Wiederholung einer bereits früher begangenen Sünde, solche nicht begeht und zwar wegen seiner Teschuwah, nicht aus Furcht oder Unvermögen; — worin besteht die Teschuwah? daß der Sünder

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