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Jeschurun · 1883-09-27 · Heft 39 (27.9.1883) · p. 682

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 39 (27.9.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-09-27
Page
682 (sequence 2)
Language
German
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682 soll. Auffallend ist noch folgender Umstand. Trotzdem an jenem Tage sehr viele Menschen durch die Strafen gingen — hat sich doch eine Legion von Zeugen gefunden, die Esther da imb dort gesehen haben wollen — und trotzdem Jeder, der aus Ujfaln nach Ofalit koinmt oder umgekehrt, an der Sanagoge vorüber muß; trotzdem ferner jeder Bornbcrgchcndc die Thür des Borhofes sehen must, da der Teinpel nicht eingefriedigt ist, sondern gänzlich frei steht — trotz alledem hat sich Keiner gefunden, der Moriz am Schlnsselloche gesehen hatte. Die Teller, der Topf, das Messer — Alle« war angeblich zur Hand, und das Blut wurde anfgesangen. Woher nahmen die Betreffenden diese Gerälhe? Leiber konnten sie dieselben nicht dahin geschafft haben, erstentvcil sie nicht vorher wissen konnten, dag sic urplötzlich allcsainmt der religiöse Wahnsinn überkommen iverde, und weil sie nicht wissen konnten, dag genau iin geeigneten Momente, wenn znsällig sonst Niemand ans der ()Visse ist oder znm Fenster hinaussieht, ein Christenmädchen des WcgeS kommen werde. Sie konnten diese Geräthschaften ferner auch ans dein Grunde nicht herbeigebracht haben, weil cS dem Inden verboten ist, am Sabbath einen solchen Gegen, siaiid in die Hand zu nehmen und zu tragen. Wenn man schon einmalvon religiösem Fanatisinns, von Schwärmerei spricht, so darf man doch nicht vorauSsctzen, dag Jemand gerade ans religiöser Schwärmerei die Gebote seiner Religion über, treten werde. Das Blut stoß seiner Angabe nach hübsch langsam. Das Blut des jugendlichen, kraftvollen Bauern- Mädchens soll, anstatt bis zu der ohnehin niedrigen Decke eniporznschiegen, alliiiälig herabgcstossen sein wie Speichel. Es ist in der That ein großes Glück für diese bedauernswürdigen Menschen, dag Diejenigen, welche diese Märchen anSgesonnen haben, mn unter solchem Borwande gegen die Juden wühlen zu können, zwar vom Teufel?ist und Bosheit empfangen haben, derlei Verleumdungen zu erdichten, nicht aber auch von Gott genügende:: Verstand, um die Fabel nicht gar so albern anznlegen. Sonst hätten sic die Schandergeschichte nicht in einer Weise erzählt, dag der letzte Feldscheer sagen muß: Das ist eine Unmöglichkeit! Die Natur verleugnet sich nicht. Moriz aber ist unmittelbar nach der Thal eingetrcten und hat doch weder die?eiche, noch auch nur Blutspuren vorgesunden. Dag sie aber Wasser verlangt, Wasser hingetragen hätten, um die Blutspnren von der Erde m!h um, sich selbst abznwaschen, behauptet Niemand, auch ist lein Brunnen im Hofe. Sodann kleideten sic den?cichnam wieder an. Wozu das? Dafür ist kaum irgend ein Grund erfindlich. Es waren in diesem Falle jedenfalls Blutspnren an den .Uleidern ersichtlich, denn ein fünf, zehnjähriges, gesundes Bauernmädchen hat doch wohl mehr Blut im?eibe, als ein kleiner Tops;1t fassen vermag! Veiiimus nun׳- a׳l fortissimum! Wohin ist die?eiche gcratben? Nach der Aussage des Moriz in der Untersuchung Hütte sic nur in dem Thoraschreiu verborgen werden können. Dort war sie aber nicht, denn beim NachmitragS-Gcbete wurde der Schrein geöffnet, und Mori; blickte selber hinein, sah aber dort nichts weiter, als was in der stieget dort;11 sein pflegt: die Gesetzesrollen. In dem gleichfalls im Tempel befindlichen, aber erst jetzt erwähnten Schrank konnte die?eiche gleichfalls nicht verborgen worden sein, denn derselbe stand, wie ebenfalls Mori; bezeugt, offen, so dag er sowohl wie jeder Andere die Leiche hätte sehen können; überdies sagt Mori; auch, sie hätte dort gar nicht Raum gehabt. Hat man den Körper vielleicht;mn Fenster hinansgeworscn und unter der Slrohlriste verborgen, mn ihn dann Abends fortzuschassen? oder ist er sofort nach der That;erstückt und so weggelragen worden? Die eine An. nähme ist so unwahrscheinlich wie die andere. Zerstückk ist der Körper nicht worden, denn wozu halte man ihm da die Kleider wieder angelegt?- Unter die Triste kann er nicht verborgen worden sein, denn dort konnte sehr leicht jeder vorbeilausende Hund;um Verräther werden. Höchst unwahrscheinlich ist in« dessen ferner auch, das; der Bettler, als er ins Zimmer kam und sagte, man möge die Teinpclthür sperren, Scharf den Mitschuldigen mit keinem Worte, auch nicht mit einem Winke versländigt haben sollte, dag die That gethan sei. Dag dies aber nicht geschah, bestätigt wieder Mori; selbst. Genau so unwahrscheinlich, ja geradezu unmöglich ist cs, das; Scharf, der Vater, der wußte, was soeben geschehen war, nicht selber gegangen sein sollte, den Tempel;u sperren, sondern Mori; geschickt haben sollle, damit dieser etwa sehen konnte, was -linder nicht sehen dürfen. Scharf sollte nicht wenigstens;u dem Behnse in den Tempel gegangen sein, mn sich zu überzeugen, ob die Blutspuren sorgfältig getilgt worden seien, ob Alles entfernt wurde, was etwa die That vcrralhen könnte; sondern er sollte sich, wie dies Mori; und die BatoryS bekunden, ruhig hingelegt haben, um zu schlafen?! Am glänzendsten aber erscheint das Schreckgesicht des kleinen Mori; durch die scheinbar gering, fügige, vom psychologischen Gesichtspunkte aber bedeutsame Tharsache widerlegt, dag die Frau Scharf, die von der Ermordung des Christenmädchens angeblich gewußt haben soll, als sie verhastet wurde, ihr kleines Kind nicht etwa irgend einem Verwandten, sondern der Frau Batorp, der Christin, anvertraute. Das wagt nur Derjenige, dessen Gewissen rein ist, der keine Rache zu fürchten hat. Der charakteristische Beweis aber dafür, dag Mori; Scharf nichts gesehen und sowohl :vährend der Untersuchung als auch jetzt nur so ausgesagt hat, wie er abgerichtet wurde, ist die Geschichte des gelben Tuches. Wir missen nämlich, dag in so lange, bis die Dadaer Leiche anstauchte, Frau Solymosi, Frau Huri, Sophie und Alle, die das unglückliche Mädchen am Vormittag jenes Samstags gesehen hatten oder gesehen zu haben behaupten, in der Hand desselben ein gelbes Tuch gesehen haben wollen. CS ist daher natürlich, dag man auch Moriz so sprechen lassen mußte; und doch hätte sich Moriz, der — wie er sagt — das Tuch von der Nähe sah, sogar in die Hand nahm, es öffnete, nachschaute, was in dem clben war, am besten erinnern können, welche Farbe das Tuch hatte, wenn er Esther auch wirklich gesehen hätte. Cr hat sie aber nicht gesehen und lügt nur, wie dies einfache Tuch es beweist. Wäre Moriz nicht zu Beginn der Verhandlung vernommen worden, hätte er gewiß sein Geständuiß nach dieser Richtung hin ebenso modifizirt, wie er cs zufolge der Abrichtung nach anderen Richtungen hin gethan. Die Solymosi konnte sich mit der Behauptung aus diesem Dilemma ziehen, dag ihr auch das gelbe Tuch gefehlt hat; darum habe sie zuerst behauptet, daß Esther ein gelbes Tuch in der Hand hatte. Mori; konnte aber den Abgang des gelben Tuches nicht bemerken; bei ihm kann es daher nichts Anderes sein, als Abrichtnng. Ich zweifle übrigens nicht daran, daß das gelbe Tuch braun geworden wäre, wenn man daran gedacht hätte, oder wenn man ans die Kreuzfragen nicht sofort hätte antworten müffen. Es besteht also weder ein für den gesunden Menschenverstand annehmbares Motiv, welches die Betreffenden zu dieser Blntthat hätte bewegen können, noch auch irgend ein stichhalliger Beweis, wenn anders nicht etiva für Manche schon der Umstand als Schuldbcweis gilt, daß die Angeklagten — Inden sind. Allein es liegt noch ein Beweismoment vor! Uno manch Einem mag auch dies als Argument gelten. Ein Bauernbursche, wenn ich nicht irre Johann Solymosi, erzählt, als er des Nachts erwacht sei, habe er im Jndcntempcl Licht gesehen. Abgesehen davon, daß der Hauptzenge die Zeit der That auf II Uhr Vormittags angiebt, die nächtliche Beleuchtung sonach mit der Angelegenheit nichts zu schaffen haben kann, abgesehen hiervon hat Niemand bedacht, daß man zur Ausübung solcher

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