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Jeschurun · 1883-09-27 · Heft 39 (27.9.1883) · p. 681

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 39 (27.9.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-09-27
Page
681 (sequence 1)
Language
German
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M rrr» Jeschnrntt. 681 DieVerhandlmig desTisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof tu Nylregphaza. (Fortsetzung der Verhandlung vom 28. Juli uud des Pl.ndoyers des Verthcidigcrs Dr. Fricdmann.) Dkoriz behauptet, sein Vater habe ihn geheißen, die Esther hcreinznrnfen, als er durchs Fenster sah, daß sie sich dein Hause nähere, damit das Mädchen die Leuchter ans den Kasten stelle. Esther, die nach Anssage ihrer Schwester eilig nach Hauic ging, thnt dies bei dem Juden,;u dem sie sonst nicht zu kommen pflegt. Sic folgt auch nach Moriz dem Rufe des Bettlers in die Synagoge, nm auch dort etwas zu stellen — sie lhut das Alles, trotzdem sie es eilig hat. Gs konnte aber dort gar keine Leuchter geben, die auf den Kasten zu stellen waren, denn cs war Jemand da, der diese Verrichtung am Sabbath regelmäßig besorgte. Frau Batory sagte ja ans, sie habe am Morgen bei Scharf das Feuer auf dem Herde angezündet. Warum sollte sie gerade an diesem Samstag nicht, wie üblich, auch die Leuchter weggcränmt haben? Mit Absicht konnte cs nicht unterblieben sein, denn am Morgen konnten die Lerne doch noch weniger wissen, daß Gsther Solymosi dort um die Mittagszeit allein vornbergehen werde. Auch Sophie Batory sagt ans, sie sei an jenem Tage zweimal im Scharf'schen Hause gewesen; es klingt daher ganz unglaublich, daß die beiden Frauens- Personen trotz ihrer dreimaligen Anwesenheit im Hause diese gelvohnte regelmäßige Arbeit nicht gethan haben oder dazu nicht ansgesordert worden sein sollten, da cs ihnen doch bekannt war, daß ein srommer Jude am Sabbath sich nicht an einen Tisch setzen darf, auf dem Leuchter stehen. Die Zeugen erinnern sich nicht daran? Das beweist gar nichts, denn sie erinnern sich auch dessen nicht, daß sie es nicht gethan haben. Frau Batory erzählte uns, daß Moriz ihre Tochter gerade nm die Mittagsstunde hiuiibcrries. Auch das ist ein Beweis dafür, daß nm jene Zeit die Schaucrlhal nicht vollbracht werden konnte, denn sonst hätte man keinen Fremden ins Hans gerufen, der eventuell Zeuge oder Verrächer hätte werden können. Und ist cs denn wirklich denkbar, daß ein Vater, der nm solche Dinge weiß oder dieselben selbst vollbringen will, nicht dafür sorgen sollte, daß Kinder, und noch dazu seine Kinder, nicht Zeugen eines solchen Verbrechens seien? Ist es denkbar, daß er gerade damals Moriz ans dem Zimmer ließ, damit er eventuell die Hülfernse vernehme? Auch die Frage kann mit Recht ansgeworfen werden, woher denn die im Tempel befindlichen Inden wußten, daß Esther sich im Scharfschen Hanse befinde, da doch Moriz dcponirte, daß kein Jude mehr vor dem Tempel stand, als er die Esther rief. Wer bat die Leute im Tempel davon verständigt? Gin Fenster, das nach dieser Richtung eine Aussicht gestattet, gicbl cs in der Synagoge nicht. Hält eö ferner Jemand für möglich, daß ein dreizehnjähriger Knabe eine solche That durch drei Viertelstunden mit ansehe, ohne im ersten Augenblicke gleich aufznschreien? Hätte ihn nicht Zittern nnd Furcht erfaßt? Mein Kollege in der Verlheidignng hat schon darauf hingewiesen, welch enorme Unwahrscheinlichlcit darin liege, daß zur Vollfnhrnng eines so großen Verbrechens, mit dem kein Vortheil und kem Nutzen verbunden war, zufällig acht Menschen sich znsammensinden sollen, die einander kaum kennen, die einander sogar wegen der Konkurrenz um die zu erringende Stelle feindlich gesinnt sein können. Auf der Weide neben der Scharfscheu Wohnung hüteten nach der Aussage des Moriz große Mädchen und Knaben die Kühe nnd Gänse; als der Bettler die Esther in den Tempel rief, da fragte ihn sein Vater nicht. ob denn Niemand gesehen habe, daß Esther bei ihnen ringetreten sei. Diese beiden Umstände beweisen mehr für die Grsindung der Anssage, als das ganze übrige Prozeßmaterial, denn es ist doch zunächst zweifellos, daß, wenn dort ans der ganz nahen Weide wirklich so viele Menschen anwesend waren, auch ein Anderer hätte sehen müssen, wie Gsther ins Hans trat. Der Knabe erzählt, er habe vorher noch etwas gegessen, und zwar seinen Frühstücksknchen, was zehn bis fünfzehn Minuten gedauert haben mag, und erst dann hörte er die Hülserufe. Nun muß daran erinnert werden, ..daß das Mädchen sich beeilt habe, nach Hanse zu kommen", denn daheim wartete man auf die Farbe. Und dennoch hätte sic also mit nnbckannten Männern eine Viertelstunde lang in dem Gotteshanse einer ihr fremden Religion vcnveilt? Das ist sehr nnrvahrscheiulich. Moriz tvollte die Thür öffnen nnd fand sie von Innen verschlossen; davon aber weiß er nichts zu erzählen, daß auf das hierdurch naturgemäß verursachte Geräusch Jemand zur Thür gekommen wäre — um, wie natürlich — nachzusehen, ob keine Gefahr nahe. Da aber gerade nach jener Richtung zwei niedrige, nicht durch Vorhänge verhüllte Fenster gehen, durch welche selbst ein Kind blicken konnte, ist es mindestens unwahrscheinlich, daß auf das Geräusch hin nicht Jemand znm Fenster gekommen wäre, nm nachzusehen, ob man etwa das Mädchen suche. Im Laufe der Untersuchung sagte Moriz, die Thür sei mit einem Riegel von Innen verschlossen gewesen. Das konnte er doch von Außen nicht wissen, und es ist auch gar nicht wahrscheinlich, nachdem.es nicht üblich ist, die Synagogc von Innen zu schließen. Der Riegel mußte daher rostig nnd in Folge dessen schwer verschiebbar sein. Wenn der Schlüssel noch von Außen in der Thür gesteckt hätte, könnte die Benützung des Riegels erklärlich sein, weil das Herausziehen und Hiucinnehmen des Schlüssels hätte -aussallen können. Aber der Schlüssel war drin; Moriz fand ihn auch später auf dem Fenstergesimsc; cs liegt daher gar kein Grund vor, warum sic sich nicht des Schlüssels uud lieber des Riegels bcdient hätten. Warum sollten sie nicht die Versperrung mit dem Schlüssel gebraucht haben? Doch nicht blos deshalb, damit man nm so bequemer in das Schlüsselloch blicken könne, während eine solche Handlung vollbracht lvird! War aber der Tempel auch mit dem Schlüssel gesperrt, dann ist es nicht denkbar, daß derselbe herausgezogcn wurde; wenn Letzteres aber nicht geschehcn ist, dann konnte Moriz nichts sehen. Moriz erzählt, daß Gsther bereits bis auss Hemd entkleidet war, als er auf die Hülfernse zur Thür kam. Nun trägt aber ein ungarisches Bauernmädchen, wie allgemein bekannt, sehr viele Kleider, deren Ablegung, zumal wenn dieselbe gewaltsam erfolgt, unbedingt 10 bis i.'> Minuten in Anspruch nimmt. Und doch soll Gsther erst dann augesangen haben zu schreien, als sie bis aufs Hemd entkleidet war? Gs hält wahrhaftig schwer, das zu glauben. Ebenso unmöglich ist es überhaupt, daß während drei Viertelstunden Niemand der Anwesenden auch nur für einen Augenblick in die Lehlime des Moriz getrelcn lvärc, wo er dann nichts als einen Punkt gesehen hätte, als ob sich die Mitwirkenden gerade so plazirt Hütten, daß der Zuschauer im Anblicke der Szene auch nicht einen Moment gestört werde. Die letzte gerichtliche Beaugenscheinigung hat auch ergeben, daß man höchstens 2—0 Personen schen kann, obschon dieselben so hingestellt wurden, wie cs Moriz angeordnet hat und Jeder, mit dem Gesichte gegen die Thür gelvendet, unbeweglich stand, was Verbrecher nicht gethan haben würden. Aus die einschlägige Frage des Herrn Dber׳׳Staatsanwalt.Inbsliintcn antwortete Moriz, daß Alle bei diesem Anlässe stumm waren uud schwiegen. Und doch pflegt der Jude, selbst wenn ec ißt oder sich wäscht, ein Gebet zu sprechen. Gs ist nicht glaubhaft, daß eine so wichtige Handlung, wenn schon die Blntnahme zu ihrem Ritus gehört, ohne jede Solennität, ohne Gebet vollbracht werden

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