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Jeschurun · 1883-09-20 · Heft 38 (20.9.1883) · p. 667

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 38 (20.9.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-09-20
Page
667 (sequence 7)
Language
German
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66 sicht einer Einwendung unterliege, materiell jedoch wahr sein könne, so bin ich bcmüssigt, dies vom moralischen und psychologischen Gesichtspunkte uns zu erörtern, gerade so, als ob Moriz Schars den Eid geleistet hätte. Lehen wir daher, wie viel und wosür diese Aussage Zengnist ablegt. Es ist besser, wir beginnen mit dein Geständnisse des kleinen Samuel. Die Anssage des vierjährigen Lamnel gicbl uns den Schlüssel;nr Aussage des Moriz. Der erwachsene Mensch kann, wenn er gute Anlagen bcsip! lind in denselben erstarkt ist, nur schwer schlecht gemacht werden: der schlechte Mensch verwandelt sich selten in einen guten׳, aber das Kind ist wie der junge Trieb, man kann cs neigen, wohin ruan will. Diese Annahme wird durch den Fall Gabanpi vollkommen gerechljerrigt, den die Journale jüngst erzählten. Als Gabamii die Berichte über die Einvernchiunng des Moriz hier vor dem Gerichtshöfe in den Zeitungen gelesen hatte, machte er mit seinein eigenen Söhnchen einen Bersnch. Er lehrte es sagen, da st der Barer ein Mädchen erstochen und demselben in zwei Gesäßen das Blut genommen habe. Dann schenkte er den, blinde einen Bleistift, da es dafür eine besondere Borliebe belast, und das Resultat einer ztveilägigen Wiederholung war, dast man dem Kinde diese Geschichte jeyr nicht einmal durch Brägel aus dem Kopfe schlagen kann. Deshalb spielen Kinder in gemachten Kriminal.Prozessen so häufig die wichtigste Nolle, denn sic waren immer die brauchbarsten Werkzeuge für die Erwählung nicht geschehener eingebildeter Ereignisse. Tie erste Wahl mir dem kleinen Samuel scheint mistlungcn zu sein. Das sehr junge Kind besäst zwar genug Phantasie, allein die Mär konnte ihin nicht dauerbar eingcpaukt werden, das kindliche Gemülh schlug manchmal durch, das ebenso empfänglich als vergestlich ist. Dann war das Kind als Beweis schon wegen seines Alters absolut unbrauchbar. Alan ging daher zu dem etwas älteren und also für diesen Zweck geeigneteren Mori; über, der allerdings noch Kind genug mar, um die Tragweite seiner Worte nicht ermessen zu können, aber schon einen (Krad der Reise erreicht Halle, wo er durch Versprechungen und Schmeicheleien unter einem bleibenden Drucke' gehalten werden konnte. Schon die erste Einvcrnehmuug des Knaben war eine ungcKiZichr Hurdlung. Bei seinem Älter konnte er itichl als Angeklagter betrachtet werden, als Zeuge aber wurde er nicht betrachtet, denn dann wäre cs geradezu unmöglich gewesen, ihn seiner Freiheit zu berauben, und man hätte ibn schon im voraus animerksam inachcn und chelehren müsien, dast ci nicht verpflichtet sei, gegen seinen Barer auszusagcn. Zn Wirklichkeit aber verhält sich die Lache so, dast er insolange als Angeklagter betrachtet wurde, bis er dasjenige gestand, was man von ihni zu hören wünschte. Es geschah das, damit man mit ihm verfahren könne, wie Bandnreu tnit Angeklagten eben zu verfahren pflegen Sobald Mori; gestanden halte, avancirre er ztlnr Zeugen. Man kann nicht missen, wohl aber mukhmasten, was mit dem Knaben schon auf dent Wege geschehen, als man ihn des Abends nach Nagm'aln transportirlc. Die Betreffenden hatten cs gar so bequem dort im nächtlichen Schalten der Büsche, wo man nichts hört und Niemanden sicht und lvo das kindliche (Kemülh ivohl emvfäng-!ich ist für den Samen der Furcht. Dicienigen. die an dieser blutigen Arbeit mikgcwirlr, »verden niemals geständig ׳'ein, und dast sie den Knaben damals nicht mehr quälten, als sie Zeugen ins Zimmer riefen, damit diese im voraus die Un'chnld dieser Herren an einer noch gar nicht insinuirren Lchuld bezeugen sollen, ist doch ganz natürlich. Ter unglückliche Knabe i'vrtchl auch jept noch nicht von alledem, das gebe ich zu: aber lassen Sie ihn nur einen Tag frei und er wird noch viel mehr erzählen! Und es würde gar keiner unmenschlichen Mittel bedürfen, damit er spreche. Es wäre genug, es ׳'einem Berständriisse näher zu bringen, dast er die Wahrheit sprechen dürfe I und dast ans dem zu erwartenden?ngcnsolde der Segen des -Gimmels nicht sein könne. Bon den diesbezüglichen Zeugen״ ן anssagen ganz abgesehen, sind die Spuren des angewendelen Zwanges auch in der Aussage des Knaben wahrnehmbar. Der Uliterslichnngsrichter stellte unter Andern! auch die Frage an den Knaben, ..ob ihn Zemand bedroht und zur Zeugenaussage gezwungen habe". Darauf antwortete Moriz angeblich Folgendes: ״Mich bedrohte und zwang Niemand: aber nach dem Abendessen sagten der Herr Kommissär und der andere Herr, dast sie mich bedauern, da ich ins Gesängnist komme, und dast ich nur die Wahrheit sagen soll, dann werde weder mir noch meinem Baker etwas Ueblcs widerfahren." Das ist einerseits schon an sich eine genügende Einschüchterung und andererseits; ein ausreichendes Bersprechen, um ein solches Kind zur Bestärignng welcher b'nge immer zu bestimmen. Bsiichologisch kann man füglich annchmen und fragen, wie viel die Herren ins Protokoll nicht genommen haben, wenn sie es wagten, schon so viel zu bemerken, unt hiermit das daraus Fehlende zu ver- Hütten. Dafür zeugt auch der Umstand, dast Peezelp trop der heftigen Kopfschmerzen, die doch durch jede geistige Arbeit ver- : schärft werden, die lange Erllärmiu selber nieder schrieb, wäh-! rend der Panduren.Kommissär, dessen Kopf schmerzenfrei ge׳! wesen und der die Erklärung ebensogut hätte niedrrschrciben; können, es nicht wagte, zur Feder zu greisen, um keinen Ber-! dacht gegen sich zu erregen. Auch die Form der vom Kom.! missär errungenen Aussage beweist, wie sehr die Herren die ׳ Norhwendrgkeit empfanden, sich schon im voraus gegen die bc-! rechligle Anklage der Tortur zu vecrheidigen. Sie ließen unter! die angeblich freiwillige Aussage des Knaben von demselben eigenhändig die Worte sevcn: ״Fch bekannte alles das ohne ׳ jeden Zwang. Mori; Schars." Blicken Sie in das Archiv j welchen Gerichtshofes immer! Verden Sic dort auch nur eine i einzige Aussage oder ein Protokoll finden, das jemals von! einem Angeklagten oder Zeugen in dieser Weise unterfertigt! wurde? Gewiß nicht! Ich glaube sogar. Sie werden in Ihrem ' eigenen Archive kein ähnliches Lchriitslück finden. Ich gehr ' noch weiler. Sie finden selbst in diesem Prozesse solche Be. : merklingen hier und da nur unter den Aussagen jener Zeugen,; die vor ihren Tepositionen in Dada oder Nagyfaln bei den Pandnrcn-Kommissären übernachte!,׳!!, bei denen daker der Ber-; dacht, dast fie torknrirt wurden, sehr nahe liegt. Wie sehr übrigens die Herren davon überzeugt gewesen sein mögen, dast i diese Aussagen freiwillige, wahre und den Tharsachen ent׳; sprechende seien, beweist der Brief Peeze'p's und noch urehr ׳ derjenige Andreas Reesli's an den Untersuchungsrichter, durch welche Briese der letztere noch in derselben Nach! dringend eri sucht wird, die gerichtliche Bernehmung des Knaben vorzu. ' nehmen, ״damit dre Sache nicht binnen rvenigen Stunden eine! andere Wendung annehmen könne". > Tie Herren mochten sich aber auch nach dem nächtlichen Verhöre des UnlerinchnngSrichterS nichr ganz sicher gefühlt haben, denn sonst würden sie den Knaben sofort nach Eszlar gebracht haben, wo damals die Untersuchung gegen die übrigen; Theiluehmer an dem Verbrechen im Zuge war, um den Einen ■ oder Andern, falls er leugnen sollte, mit dein gestehenden Knaben zu konsrontirrn. Das wäre eine mindestens eben so nothivkndigr und ziveckmästige Thal der Untersuchung gewesen, als der grrrndlose Transport der leugnenden Rnsniaken nach Dada und Vcof, wenn eben nicht alle Milwirkenden um die gewalr׳'ame Erpressung des Geständnisses gewußt und empfunden hätten, daß der Knabe in sich kehren und im Falle der vorzeitigen Konsroniirung mit einem Andern die ihm vielleicht noch nicht vollkommen erngepaukle?rkrion widerrufen könnte. Es bedarf keines allzu großen Scharfsinnes, um das ans den Protokollen herauszulesen. Tajür spricht auch der psychologische : Umstand, daß rharsächlich kein einziger der Angeklagten und kein

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