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Jeschurun · 1883-09-20 · Heft 38 (20.9.1883) · p. 668

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 38 (20.9.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-09-20
Page
668 (sequence 8)
Language
German
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668 einziger Zeuge behauptet, er sei auch hier in Nyircgyhaza gemartert worden. Es kann daher keine Erfindung der ׳Augeklagten und Zeugen sein, denn sonst würden sie ihre Erfindüngen auch hierher verlegen. Niemand aber wird glauben, was Peczelp und Rccski glauben machen »vollen, das! mau dort nur mit Mori; so liebenswürdig und srenndschastlich nmgesprungen sei. Liese Umstände lassen es zum mindesten als 1111־ wahrscheinlich gelten, daß der Knabe, den der Untersuchungsrichter Joseph Vary vorher stundenlang vergeblich inguirirte, aus einige schöne Worte des Koioman Pcczcly und des Andreas Recsli hin sich binnen wenigen Stunden so gründlich und entsetzlich verändert haben soll. Die späteren Geschehnisse sprechen nicht minder fl'ir unsere Meinung. Eine zeitlang wurde Tllori; Schars im Berichtsgesängnissc dctcnirr. Erst als in der Staatsanwaltschaft ein Personenwechsel eintrat und der neue Staatsanwalt gegen dieses unerhörte und ungesetzliche Vorgehen prolestirte, wurde der Knabe zwar scheinbar durch das eine Thor sreigclassen, aber nur damit das löbliche Komitat seine Hand aus ihn lege und beim anderen Thore tvicder einsühren lasse. Aber denen, die das Alles jür nöthig erachteten, war damit noch nicht Genüge geschehen; sie sürchtetrn noch immer, daß das Gewissen des Knaben erwachen könnte, denn jetzt konnte inan rhu ohne Grund nicht mehr martern, die Wirkung der Furcht konnte sich abschwächen, und der Knabe konnte in einem Augenblicke der Schwäche die Wahrheit vcrrathcn. Plan rottete daher syslemalisch dasjenige bei ihm aus, was ihm eine solche Eingebung hätte zusühren können: das Gewissen, die l'icbc zu seiner Religiou, die Liebe zu den Eltern. Alles, was dem Menschen heilig und wcrth ist. Dasür impfte man ihm Haß und Egoismus ein, indem man ihn glauben machte, jetzt sei cS schon gleichviel; nachdem er einmal gestanden, könne er ohnedies nie mehr;u seinen Eltern zurück, und die Juden würden ihn ewig hassen; wenn er aber hübsch bei dem Geständnisse bleibe, das er bei Recsli abgelegt, so werde er nicht ans dem Laude gejagt werden, während die übrigen Juden — wie er hier sagte — gewiß vertrieben werden, dann werde er keine Noch leiden müssen, tvie die übrigen Armen, sondern durch die Gnade der Komitats-Vcrwallnng ein Herreuleben sührru können. Der Knabe befand sich im Alter der Pubertät, in welchem Knaben am leichtesten irregeleitet werden können und es nicht schwer fällt, das moralische Gefühl in ihnen zu ertödten, zumal wenn die Neigung zur Schlechtigkeit vorhanden ist. Geschah es doch kur; vorher, daß Mori; ein Messer nach seiner.Mutter warf. Damit aber das ihm eiugeträuselte Gift des Rassenhasses fortwährend erneuert werde, wählte man, wie Sie aus seiner und Henter's Aussagen erfahren haben, auch seine Lektüre sehr vorsichtig, indem man ihut nur solche Journale zu lesen gab, die keine andere Tendenz verfolgen, als den Judenhaß zu propagiren. Ein.׳ derartige Lektüre hat schon häufig das Gemüth besonnener Männer vergiftet, welche Wirkung mochte dieselbe gar auf das Gemüth des Kindes üben! Wer da glaubt, daß dies christliche Handlungen gewesen, daß dieselben mit der Lehre Ehristi übereinslimmen, der befleckt fürwahr die Morallchre seiner eigenen Religion. SolcbcS kann nur in Begleitung der Symptome sozialer Auslösung geschehen, die zu beobachten gerade während dieser Verhandlung reichlich Gelegenheit geboten ivar. Geivaltthättgkeit hat also das Geständniß des Knaben erpreßt, Demoralisation hält cs ansrecht. ES gicbt nur zwei Möglichkeiten. Entweder halten heute noch Zwang und Verheißung den Knaben in ihrem Banne, oder aber es ist ihin nach einer kurzen einjährigen behördlichen Erziehung Alles erstorben, was im Menschen Menschliches ist. Vor dieser Alternative giebt es kein Ausweichen, denn 'eine andere Möglichkeit lassen die ewigen Gesetze der Natur nicht j zu. Wählen Sic die eine oder die andere, das ist mir gleich, viel; halten Sie die eine für wahrscheinlicher als die andere, Sie werden immer dahin gelangen müssen, daß diese Aussage; schon formell von der Art ist, daß ein Richter sie in seinem Urthcile nicht zu berücksichtigen vermag. Nehmen wir die Aussage des Mori; Schars so wie sie ist, und als ob gar nichts geschehen iväre, was dieselbe vertüchtig macht, auch dann trägt sie in allen ihren Einzelheiten den Liempel der Erfindung und der llnwahrschcinlichkcit an sich. Den Ausgang aus dem Tempel setzten Alle aus halb l l llhr. er aus l l Uhr. Wenn wir aber seine eigene Aussage;iirückrechuen, so ergiebt sich, daß er die Unwahrheit sagt. Er selbst antwortete ans eine der durch mich gestellten Kreuzsragen, daß sie an jenem Tage um 12 Uhr zu Mittag gegessen hätten, das wisse er aus dem Stande der Sonne und aus der Lage des Schattens. Das ist also ein fixer Punkt, von dem man auSgehen kann. Er behauptet nicht, daß Esther gleich kam, nachdem die Leute den Tempel verlassen hatten; zwischen dem Ausgange aus dem Tempel und dem Hcreinrusen der Esther mögen weitere zehn Minuten verstrichen sein. Lein Vater erblickt die Esther, weiß den , Knaben an, das Mädchen zu rufen; dies geschieht, Beide kommen zurück. Esther nimmt die Leuchter herab, der Bettler erscheint und ruf: sie in den Tempel; für alles das nehme ich zehn Minuten an. Früher aß er etwas, ging dann aus den Hof hinaus, wo er aus- und abspazierte, plötzlich hörte er einen Lchrei. Das Alles mag fiiuf Minuten gedauert haben. Durch das Schlüsselloch will er nach seiner Aussage ungefähr sünsundvicrzig Miunken g. blickt haben. Bor 12 llhr aber ist Folgendes geschehen; Er ging in die Wohnung seiner Eltern und erzählte, was er gesehen; das mochte zehn Minuten gedauert haben. Das macht zusaiumen neunzig Minuten. Sonach konnte der Ausgang aus dem Tempel nicht um 11 Uhr, sondern um halb 11 Uhr erfolgt sein. Dabei ziehe ich den Umstand gar nicht in Rechnung, daß die Juden aus dem Laude am Lavvaiy, wo jede Arbeit untersagt ist, früher als um 12 Uhr zu Mittag essen. Weiters sagt Moriz, daß nach Beendigung des Gottesdienstes die fremden und einige Eszlarer Juden znrückblieben. Zu tvelcheiu Zwecke und was sie bis 12 Uhr thatcn, darüber weiß er bis heule keine Auskunft zu crtheileu, und nur so beiläufig bemerkt er, sie hättcn gesagt, er solle den Tempel nicht schließen, denn sie wollen die noch umgcworscuen Gebe'.mämel nicht mit sich nehmen. Dasür hätten allerdings einige Se« künden genügt, sie brauchten dazu nicht eine Stunde oder gar anderthalb Stunden. Aus Esther konnte» sie nicht warten, denn sic konnten doch nicht wissen, daß das Mädchen um 12 Uhr allein des Weges kommen tvcrdc. Und gerade der Tempeldieucr, der schon traf: seines Amtes immer der Erste und der Letzte in der Synagoge sein mußte, sollte nicht unter den Zurückgebliebenen gewesen sein? Nun bezeugen aber Sophie Solymosi, Johann Jakab, Kohlmaycr, Julie Vamosy, Rosenberg, dessen Tochter und noch Andere, daß Esther Solymosi weder 11111 11 Uhr, noch um 12־ Uhr in der Synagoge gewesen sein konnte. Nach diesen Aussagen war Esther um 12 Uhr noch im Laden des Kohlmayer, und da sic noch nach dem Mittagläulen aus dem Rückwcgc mit ihrer Schwester Sophie gesprochen, konnte sie bestenfalls um l Uhr vor dem Schars'schen Hause erschienen sein. Nachdem aber Mori; bereits drei Viertelstunden vor 12 Uhr gesehen haben will, ans welch entsetzliche Weise Esther gemordet wurde, jo war dieselbe nach seiner Aussage schon damals eine Leiche, als sie noch mit Kohlmayer und Sophie konversirie. (Fortsetzung folgt.)

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