Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-09-20
- Page
- 665 (sequence 5)
- Language
- German
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Ich glaube im Gcgcntheile, daß, wenn irgend etwas im Stande wäre, den guten Ruf eines Landes zu befestigen, dies nicht durch die Vertuschung der begangenen gebier.' sondern vielmehr durch deren schonnttgSlosc Bloßlegung geschehen sonnte. In dieser Uebcrzengung wurde ich durch die Thatiache bestärkt, daß sowohl die hohe Regierung, wie dieses freisinnige Komitat auch ihrerseits Alles darangcselB haben, daß dicie Angelegenheit mit der weitestrcichendcn Oefsentlichkeit verhandelt werden könne. Deshalb beginnt auch die Befangenheit in mir sich zu verfluch, tigen und das Bewußtsein zu erstarken, daß dort, wo die bcrnscnen Faktoren der Instizpslcge, die Hüter der großen Inter« essen des Landes, der Oefsentlichleit nicht answcichen, die Ber. rnschnng der Fehler nicht nothwcndig machten — daß dort, sage ich, auch mir erlaubt ist, die Wahrheit zu sagen, denn die Wahrheit vermag einem starken und liberalen SlaatSweson^nicht 1» schaden. Jede menschliche Handlung hat ihren natürlichen, mrnschlichen Beweggrund. Die Mensi-Hen morden, rauben, stehlen ans Neid, Rache und Habgier. Das; aber Jemand ans Ehrfurcht morde, ans Selbstlosigkeit raube und siebte, das kann man sich nicht einmal vorstcllcn. Bei jeder Handlung ist daher zunächst zu erfolschen. welches der Beweggrund derselben geivescn sein mochte-, denn wenn cS keinen solchen Beweggrund giebr oder derselbe vollkommen widersinnig ist, dann w'ird cs;wciselhast, ob die Handlung auch wirklich begangen ivorden, möge dieselbe von noch so vielen Zeugen behauptet werden. (7S war daher von Seite meiner Vorredner vollständig berechtigt, diese Fragen hier anfznwcrsen. Es wurde schon nachgewiescn, daß die Untersuchnng ein Motiv zum Ausgangspunkte und zur Grundlage genommen, welches ein unmögliches und unmenschliches ist, daß dieselbe, ans falschem Wege vo׳.schreitend, auch ihr Ziel verfehlen mußte. Das ist nicht bloß deshalb bedauerlich, weil in Folge dessen Unschuldige verfolgt wurden, sondern auch deshalb, weil es höchst wnnschenSwcrlh geivescn wäre, die Art und Weise des Verschwindens jenes unglückseligen Kindes anszuhellen. Es ist zweifellos, daß dieses Ziel leichter erreicht worden wäre, wenn die Untersuchung von einem Ausgangspunkte vorgeschritten rväre, der zu einem natürlichen und menschlichen Motive führt, statt etwas zu slichcn, was nicht zu erforschen ist, weil cö nicht exislirt. In dieser Angelegenheit trägt nur -»as irrige Vorgehen der Untersuchung die Schuld daran, daß der räthsclhaste Fall nicht vollständig aufgeklärt werden konnte. Dieselbe mied jede sich bietende vernünftige Gelegenheit, die vielleicht ans eine Spur hatte führen können, und lief ohne Besinnung ans jenem Wege vorwärts, der von der Spur direkt ablenlkc. Die ErössnnngSrede deS Herrn Präsidenten prolestirte wohl gegen die Insinuation, als habe die Angelegenheit irgend etwas mit dein jüdischen Ritus zu schassen, aber in Wahrheit hat weder die Untersuchung noch die Schlußverhandlnng nach einem andern Motive geforscht. Mein verehrter Kollege in der Vcrthcidignng hat schon ans Grund historischer Daten, der Zeugnisse von Päpsten und Bischöfen, die Unsinnigfeit dieser Mär nachge« wiesen, daß die Blutschuld bei deit Inden niemals, auch nicht in den Zeiten tiefster geistiger Finsternis;, in Ucbung gewesen. Die Mär vom ritncllcn Morde sindct nur Gläubige zweierlei Art. Der eine Theil glaubt Alles, tvas im Traum, buche steht und daher auch das׳, der andere Theil kennt recht gut die Unsinnigkcit der ■l)iär, stellt sich aber so an, als ob er daran glauben würde, um die Einfältigen und Gedankenlosen daran glauben zu machen. Es ist natürlich, daß dies bei den Bewohnern von ESzlar nicht schwer siel. Gicbl es doch kaum ein Dorf in der Welt, dessen Bevölkerung so abergläubisch wäre, w׳» jene in diesem an dem User der Theiß gelegenen Dörfchen, Noch ist kein halbes Jahrhundert darüber verstrichen, daß dort eine alte Frau nur deshalb, weil sie lange lebte, für eine Here gehalten und gezwungen wurde, zwischen zwei Kähnen ein Bad zu nehmen, denn man bezichtigte sie der Schuld daran, daß es sechs Wochen nicht geregnet Halle. Und in demselben Dorse geschah cs gleichfalls schon in diesem Jahrhundert» daß man einem Bauer anfband, der Tenscl sei in ihn gefahren. Um ihn von dein Gottseibeiuns zn befreien, wurde er in die Kirche geschleppt, wo ein weiser und ansgcklärter Amtsvorgänger des Herrn AdamovieS an dem Bauer persönlich die Zeremonie der Teufels-Austreibung vollzog, lind zwar mit großem Erfolge, denn die Chronik besagt hierüber, daß der Teufel mit lautem Getöse, so daß cs Alle hören konnten, wieder ans ihm gefahren sei. So erklären sich denn auch die Worte der Frau Solpmosi, daß Gott ihr erschienen sei und ihr ziigcslüslcrl habe, die Juden hätten ihr Kind gemordet, und die Thatsachc, daß sie weissa« gende Weiber anssuchte. Zahlreiche Momente der Untersuchung bezeugen, wie sehr der Untersuchungsrichter in der zur Basis auserkorenen irrigen Ansicht befangen war. Ich tvill nur einige Beispiele anführen, ans denen jeder wahrheitsliebende Mensch die Berechkignttg meiner Behauptung erkennen wird. Ein erfahrener Richter hätte cs beispielsweise für seine erste Psiicht erachtet, sofort nach dem Ansianchen des ersten Verdachtes den Boden der Lynagagc und die Kleider, welche die Angeklagten an jenem Tage getragen, chemisch untersuchen zu lassen; denn wenn dort wirklich Blut vergossen worden, so mußten da oder dort Blntspnrcn entdeckt werden. Allein das hätte ja die Unschuld der Angeklagten erwiesen׳, die ganze Untersuchung, die große Erregung hätten mit einem Schlage ihr Ende gefunden, daran wurde also nicht gerührt. Man wollte eben eine Iudcnheye und vermied daher Alles, was sich dazu als ungeeignet erivics. Ignaz Lissaner betreibt, wenn ich nicht irre, in Szolnok eine Ban-Unternehmung-, er läßt dort für die sogenannte Valdaesy-Stisnittg ein Gebäude errichten; dieser Ban erfordert, daß Lissaner mindestens einmal wöchentlich sich dahin begirbt, um das Forlschreiten der Arbeiten zn kontrolircn. Er ging also auch um jene Zeit dorthin. Ein anderer Verdacht lag gegen ihn nicht vor. Aber er ist Jude! Er wird daher unter polizeitiche Aussicht gestellt. Als die erste^Nachricht über die Ansstndnng der Dadaer Leiche einlangte, 117^716 sich auch ein gewisser LcskooicS mit den dortigen DrtSvorstä'nden aus Neugierde dahin, um zn erfahren, ob der Leichnam wirklich jener der verschwundenen Esther Solymofi sei, und da die Leiche bereits begraben war, so erkundigte er sich nach dein Aussehen derselben, nach deren Kleidung, und die erhaltenen Aufklärungen nolirtc er sich, um dieselben mit den in den Journalen erschienenen Angaben zu vergleichen. Vernünftigerweise bezeugen diese Umstände nur so viel, daß dieser Mann weder an dem Morde, noch an dem Leichenschmnggel theilgenommen haben konnte, denn sonst hätte er ja gewußt, was er zu erfahren wünschte. Aber er ist Jude, und nach der Aussassnng des UnlersuchnngSrichterS darf ein Jude nicht einmal :״:.׳.:gierig sein. Leskovics wurde daher deternirt. Ucber eine Frau wird der Umstand bekannt, daß sie die Gattin eines der Verdächtigen sei. Auch das ist ein Verbrechen und die Frau wird cingcspcrrt. Eine andere Frau kehrt zufällig bei Frau Solpmosi um ein Glas Wasser ein und spricht dort nach der Art aller Weiber von Wahrsagerinnen und allerlei lächerlichein Aberglauben. Sie wird eingcspcrrt. Christliche Frauen dürfen solch dummes Zeug reden, jüdische nicht. Von einem dortigen, dieser Angelegenheit gänzlich fernstehenden Pachter wird erzählt, er korrcspondire mit dem hochwürdigen Rabbiner von Npiregyhaza, gegen den gleichfalls keinerlei Verdacht aufgetaucht war, daß er in der einen oder andern Richtung an dem angeblich vollbrachten Verbrechen theilgenommen habe. Und obgleich der Herr Untersuchungsrichter Christ ist und daher wissen sollte, daß selbst der größte Verbrecher mit seinem geist.