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Jeschurun · 1883-09-20 · Heft 38 (20.9.1883) · p. 664

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 38 (20.9.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-09-20
Page
664 (sequence 4)
Language
German
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664 fRfhncr auf die unglückliche Rede Joses Schars'- gegenüber ^rai, Solpinosi als den Ursprung des Gerüchtes hin, da.׳ in der Seele der Mutler bald zur (^ewisthcil wurde, indem sic sich falzte, ihre Tochter sei in der Nähe der Spnagogc vcr- Irren gegangen. Tiefe- Geruch! fand selbst bei den Kindern iM111](1mv, der tleine Samuel plapperte eden andern Kindern nach. Alah in dann die Mädchen und Weiber Mucker versprachen, wenn er sagen wolle, was er gehört, war seine lind-!,che Phantasie bereit, für ein Stück Jucker Vater und Mutter und Bruder als Mörder zu bczeichucu. So entstand daallgemeine Gerücht. Und dast eS nicht- Anderewar, geht darans hervor, dast Moriz, als man ihn fragte, von dem ganzen Märchen nichts wnstre. Inn׳. Unglücke ries der Untersuchung-, ,ichler den Knaben vor sich und übergab ihn dein Sicherheit-- .Kommissär Peczclp Kaum war der Kuabc iu dessen Händen, >o begann er auch schon anderzu sprechen. Ich must noch, löblicher Gerichtshof, ans einige Bernerlnugcn des Privatllägers rcslektiren. Gegenüber jener Behanplnug, dast die Juden auch jetzt noch da und dort den Kultus des Blntopsers pflegen, habe lch keine Bemerkung. Tenn iveun er sich aus solche Bücher beruft, welche vor Jahrhunderten entstanden, oder ans solche, die aujenen jetzt neu gemacht u'nrdcn, jo glaube ich, dast ein moderner Mensch, der klar denkt, ans solche Reslerionen nichtantworten darf. Wenn Sie Jahr- Hunderte alte Bücher der katholischen Kirche oder welcher Konsession immer dnrchblättern, so werden Sic in denselben solche Tinge entdecken, die von den damals lebenden Menschen reinen Herzen- und ruhigen Gewissens ganz anderiutcrvretirt wurden, als wir in unserer Zeit cs jetzt thnn würden.!Szaln, üliiittelt den Kops.- Schütteln Sie nicht den Kops, mein Herr, solche traurige Dinge des nnstern Aberglaubenwerden Sie in jedem alten Buche finden Seien tvir doch wenigstens jetzt aufgeklärter. Sie sagten unter And-erm״ .־Gin solcher Mensch um־ Bnrbaum, der Jesus ich weist nicht ivoutil verglichen haben soll", und gleich daraus-erwähnten Sie als Vorwurf, dast Gott einen König ut Israel deshalb vom Throne gcstosten hat, weil er nicht blutdürstig genug >var. Wie können Sic doch, mein Herr, solche Dinge ansührcn? Sic gehen ja daun Arm iu A1׳n mit Buxbanm. Tenn wenn Sie so sprechen, begehen Sic dieselbe Sünde, wie er sic durch seine Aensteruug begangen hat und die Sic ihm jetzt vor dem Geiicht-Hose vorwerfen Der Herr Privatkläger hat ferner gesagt, man möge doch nur die Augellaglen ansehen, wie vornrthcilsvol! dieselben sind, itud dast sic während der Verhandlung lachen. Ich wünsche nicht, lieber Herr, das; Sie wochenlang auf der Anklagebank unschuldig sitzen und das; sich dann Jemand säude, der Ihnen vorwirsr, das; Sic hier und'da im Bewusttseiu Ihrer Schuldlosigkeit gelächelt haben. Sic sagten ferner, Herr Privatkläger, das; in Hszlar am 1. April die Schächierivahi gar nicht staitsaud und dast nur ein Vorwand gesucht wurde für die An-sührung de- Verbrechcns. Aber ich bitte Sie, es ist ja behördlich bewiesen, dast Schächterwahl war. 'Wenn Sie dies aber trotzdem nicht glauben!vollen, ivarnm sind Sic, von Ihrer Logik geleitet, nicht tiefer in die Sache cingedrnngen, um zu erfahren, ob cs möglich ist. dast solche einander ganz unbekannte, nach einem Bissen Brok spähende Schächter sich sofort zu einem Mordplau verbinden können. Wo ist die Verbindung zwischen diesen Menschen und dem Opfer? Wie ivustie Ioscvs Schars, dast das Mädchen vorbeiloinnien wird und dast man Huri sie um halb I I Uhr wegschickte, damit er sie sofort hinrinrnsen könne? Ist dies mög-!ich? Dies zu glauben wäre doch der krasseste Blödsinn, .die entsetzlichste Dummheit! Geehrter Gerichtshof! Jude!:! ich mich ans jene mannhafte genaue Auszählung der Gegenbeweise berufe. entgegengesetzter Ansicht sind, von jener Seite in so ruhiger und selbstbcwnstter Weise die Verdachtsmomente zerstreut wur. den, der Revnlation unsere- Vaterlandes und unserer JnriSdiktton geivist nicht znm Schaden gereichen werde, und indem! ich den geehrten Genchtshos noch bitte, das; er all Dasjenige,! rvtö bezüglich der verschiedenen Detailder Angelegenheit von! meinen Kollegen in der Verlheidignng vorgcbracht werden wird,! derart seiner Aufmerksamkeit unterziehe, dast auch bezüglich! meines Klienten die Momente der Verlheidignng im günstigsten Sinne in die Wagschale fallen, bitte ich zugleich, den Salomon Schwarz von der Anklage de- Mordes und deren Folgen freizusprechen. Der Präsident schlicstt hierauf für heute die Verhandlung. 2K. Juli. Heute wurden die Plaidoycrs fortgesetzt. Die Sitzung begann um ll Uhr Morgen-. Der erste Redner war! Vcrlhcidigcr Dr. Friedinann, dessen klare, sachliche Auseinander׳! sctznngcn volle drei Stunden in Anspruch nahmen. > Vcrtheidigcr Dr. Friedinann 1 Herr Präsident! Hoher! Gerichtshof! Nach alledem, was der sehr geehrte Herr össcnt-! liche Ankläger und mein Kollege in der Vertheidigung bereitj gesagt, liegt woht eine prozcstorditnng-inästige Nothwcndigkeit! nicht vor, dast auch ich noch spreche. Ja, meine Ansicht ist! sogar die, dast zur Klarstellung der Schuldlosigkeit dieser Ani geklagten nicht nur meine Vertheidigung überflüssig ist. sondern j dast von diesem Gesichtspunkte ans auch die ganze Schlnstvcr- , Handlung überslüssig gewesen. Die letztere wurde dennoch bri an tragt und angeordnet, ohne Zweifel nur deshalb, damit diese ׳ Angelegenheit, welche durch fünf Vierteljahre die Quelle falscher! Icitnngsnieldnngell uns ein Mittel zur Agitation gegen die Inden gewesen, bei vollständiger Qcssentlichkcit in allen ihren Detailauch Jenen bekannt werde, die in Folge einer beschränkkeren Anssassnng auch an die iinsinnigsten Märchen zu glauben vermögen. In dieser Richtung inöchle auch ich mir einige Be-!nerlnngcn erlauben. Vor Allem will ich sreimüthig gestehen, dast in mir der! Glaube und der Patriotismus mit einander kämpfen. Der! erstcre scheint von mir zu fordern, dast ich, als ein Gläubiger; der Lehre Mosis, der von der Unhaltbarkeit der Grundtendenz j dieser Anklage tief durchdrungen ist, dieser Ucbcrzengnng ohne! jede Schonung, ohne jede Rücksicht Ausdruck verleihe־, der letztere! wieder — ich meine den Patriotismus — scheint zu fordern,! dast ich die Iustizpslege unseres Landes nicht vor der Welt kennj promittire, deren. Schwächen soweit dies möglich ist. nicht aus- decke. Der innere Widerstreit dieser gegensätzlichen Gmpfin-! düngen wüd noch verschärft durch da- Bewnsttscin, dast die! Handlungen und Worte eine- Inden hier zu Lande allgemein ' strenger brurtheilt zu werden Pflegen, als die eine- Ander--! gläubigen. Demzufolge wurde ich bei aller wahren Anhäng, j lichkeit an den mosaischen Glauben in erster Linie dennoch den j Giiislüstcruligcn de- Patriotismus gehorchen, und wenn ich i fände, dast die Vertuschung der Fehler unserer Justiz meinem Valerlande zum Wohlc diente, so würde ich auch daschwere Opfer de- Intellektes bringen, das jeder offenherzige Mensch durch die Unterdrückung der Wahrheit bringt. Allein bei etwas ernsterer und ruhigerer Grwägnrig entdecke ich, dast ich nur unter dein Gindrucke der ersten Befangenheit hier Gegensätze zu entdecken vermochte, denn diese Gegensätze cristircn thatsächlich nicht. Die viel tausendjährige Lehre Mosiist ans derlei kleinliche Mittel nicht angewiesen, um dast ihre Reinheit geschützt sei. Und die modernen Gesetze unserer Heiinalh, die Gcrcchtigkeiis- und Freiheiksliebc unserer Gerichte haben sich schon in so vielen glänzenden Beispielen bewahrt, die Reputation unser:- welche Gott sei Dank von Seite der ׳Anklage vorgebracht wuri Landes vor dem An-lande ist eine bereitderart gefestigte, dast den, erwarte ich, dast die Erscheinung, wonach in dieser Augedieselbe drirch die Inkorrektheiten einer Untersuchung nicht gelegenheil trotz der grgcnthciligcn Strömung, und trotzdem Biele | schädigt werden kann. ר

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