Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-09-20
- Page
- 663 (sequence 3)
- Language
- German
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663 den Freuden und Leiden des bürgerlichen Lebens einzig und allein ein Leben des religiösen Fanatismus leben, dann könnten wir vielleicht die Beweggründe der ihnen zur Last gelegten Handlung in ihrem geheinttMwllen Seelenleben und jhrcm dunklen Lebenswandel such^l Diese Männer hier haben aber ihre Ingcitdjahrc hier iMebt, und hier haben sie das Mannesaller erreicht, und 11)«nt sic, inmitten des ungarischen Volles lebend, in Sitten und Glauben sich von letzterem auch unterscheiden, so sind sie doch durch ihr sittliches'Familienleben, ihr gesetzliches und unbcmakelteS Betragen, sowie durch ihr sriedliches Vcisammenwohnen gute und unantastbare Bürger des ungarischen Staates. Man kann den Angeklagten auch nicht jenes Maß von Bildung absprechen, ohne welches sie die 1111־ zulässigkcit der in Rede sichenden Thal vom sittlich-moralischen Standpunkte und die Gesetzmäßigkeit der Bestrasnng einer solchen That nicht kennen würden, und man kann nicht annehmen, daß sic sich geradezu blödsinnig zu einer solchen verbrecherischen Handlung hinreißen ließen, die nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familie der größten Gcsahr auSsctzen muß. Und jetzt gestatten Sie mir, hoher GerichtShos, zur Gharaktcrisirung meines Klienten Salomon Schwarz einige kleine Züge hervorzuhebcn. Als den Angeklagten nach langer UnlersuchnngS- Haft endlich gestattet ward, mit ihren Derthei'digcrn zu sprechen, da bat mich Salomon Schwarz mit erstickter Stimme und Thräncn im?luge: ״Herr, ich bin krank und schwach, aber was mich inmitten der Qualen der Gesangenschast am meisten schmerzt, ist, daß man mir das entzieht, was ich in der Freiheit so sehr gewöhnt war, daß man mir keine Bücher und Schriften gicbt, daß ich nicht lesen darf." Als ihm dann nach langen, langen Monaten gestattet wurde, Weib und Kind wiedcrznschen, und ihm sein jüngstes Töchtcrchcn schluchzend enrgegeneilte und dem gefangenen Vater in einem Körbchen süßes Backwcrl cntgegcnhiclt, da nahm der Mann in Schmerz erzitternd, das erste Geschenk seines Kindes entgegen, und wie ein Kind weinend, schrie er auf: ״Das Dunkel des Gesangnisscs hat, dein Gngelgesicht, mein Kind, den Augen deines unschuldig leidenden Bakers entzogen, aber der Gott der ewigen Wahrheit wird uns Helsen und wir werden einst wieder beisammen sein." Hoher GerichtShos! Gin Mensch, in dem sich der Wissensdürft und die Gefühle der Familienlicbe selbst in dieser pcinlichsten Lage des Lebens so lebhaft, so unwiderstehlich äußern, ein solcher Mensch begeht weder für Menschen noch selbst für Gott einen Mord. Ginen solchen Mann dieser That zeihen, ist eine psychologische Unmöglichkeit. Aber nachdem die nncrbittliche NcmesiS der UnleiHlchnng die Daten für den Beweis emsig znsammengetragen hat und nnbernsene Kreise hieraus schon ihr günstiges oder nngiinstigcS Urtheil basirt haben, möge der hohe Gerichtshof gestatten, daß auch, ich vor den berufenen Richtern in dieser Angelegenheit, vor Ihnen, gemäß meiner Pflicht als Berthcidiger meiner Meinung über diese Beweisstücke Ausdruck gebe. Das Unglück tritt im menschlichen Leben in tausendfachen Gestalten ans und bleibt in seinen vielfach wechselnden Formen ein ewiges Räthsel. Bedenken wir doch nur, in welcher Weise die Verdachtsmomente in dieser Angelegenheit sich gebiloet haben. Frau Johann Solymosi begegnete auf der Suche nach ihrem verlorenen Kinde dem Josef Scharf, der ihr erzählte, daß auch in NanaS ein Mädchen in Verlust gericth und daß man damals die Inden beschuldigte. DaS Mädchen fand sich aber ans der Wiese. Sollte dies ein Troü oder ein Vorbeugen sein? Gott allein, der die Herzen sieht, kann dies wissen. Im ganzen Verlause dieser Assairc treten znni Gestalten besonders hervor, aus der einen Seite Joseph Schars, von seinem eigenen Kinde auSgeliesert, auf der andern Seite die Wiltwe, die in ihrem Schmerze dem Verderber ihres Kindes vielleicht Böses wünscht. Doch die Vorsehung wirkt nicht so. wie mein verehrter Kollege, der Privatkläger, sagte, nicht einen rächenden, sondern einen retlrndcn Gugel sendete sie in der Person des Kindes der Frau Solymosi, um Licht und Aufklärung in diese Angelegenheit zu bringen. Wie steht cs aber um die Auslage selbst? Kein Wort, das Vkoriz Schars gesprochen, kein einziges ist wahr, trotzdem seine Worte so umsichtig gesetzt erscheinen. Gs ist klar, daß tvcder sein Vater noch seine Mutter die Gsther kannten, da Letztere niemals in Schars'S Hanse nur; ja, der Knabe selbst kannte sie nicht, und wußte erst dann, daß dies Gsther sei, als seine Minier sie nannte. Auch Frau Batory bezeugt, daß Gsther nie bei LcharsS war. — Und so ist das, was der Knabe diesbezüglich sagte, falsch und absurd. Weiters sagte er, daß Gsther von einem zerlumpten jüdischen Bettler in die Synagoge gerufen wurde.. Wer aber unser ungarisches Volk kennt, der wird wisien, daß ein 1-1 jähriges Mädchen aus den Ruf eines jüdischen zerlumpten Bettlers, zumal in eine Synagoge, nicht eintreten wird. Weilers sagt Moriz, daß sie der Bettler an der Hand hiucingeführt habe. Ich möchte doch den sremdcn Bettler sehen, der ein erwachsenes Mädchen gegen deren Willen bei der Hand fassend, es irgendwohin fuhren könnte. Auch dies ist nicht wahr. Ferner sagt er, er habe durchs Schlüsselloch blickend die Vorgänge in der Synagoge beobachtet. Diese Aussage sirast Frau Feketc Lügen, die behauptet, daß sic ein Weinen gehört habe und, gegen dir Synagoge blickend, zwei Inden vor der Thür derselben sah. Wenn dies sich so verhält, wie ist es möglich, daß Moriz vom Schlüsselloche ans gesehen haben konnte, wie das Mädchen abgeschtachlet wurde? Doch gehen wir weiter; er behauptet, ein Jammern gehört zu haben, und als er durchs Schlüsselloch guckte, sah er eine entsetzliche Blntthar, das Viädchcn wurde niedergedrückt, von Männern umringt, und ein Mann durchschnitt ihr den Hals, und dieser vierzehnjährige Range geht schön langsam ins Bimmer und erzählt das Gesehene ruhig seinen Gltern. Welcher Widersinn' Denken wir doch an unsere eigene Kindheit. Wenn eine solche Szene sich vor Ginem von uns abgespielt hätte, hätten wir nicht Lärm geschlagen und geschrieen? Dies wäre ein psychologisches Räthsel, das der menschliche Verstand nicht lösen könnte. Moriz sagt auch, die Mordthat geschah nach Becndigling des Gottesdienstes. Auch dies ist nicht wahr. Denn nach dem Gottesdienste zcrstrenlen sich die Schächter und einige gingen zu Roscnbcrg, ivosclbst sic erst einen Imbiß nahmen und dann zu ׳Mittag aßen. Dies geschah um l l Uhr. Rosenbcrg nahm die Sophie Solymosi mil sich, damit sie den Wein trage, und hier erinnere ich mich jenes ..goldenen Fadens", wie der Privalktägcr sich ansdrückte, ans dein sich der Gugel vom Himmel nicderließ. Mit Rosenbcrg gehend, begegnet Sophie ver Gsther, svricht einige Worte mit ihr, sie geht weiter, und als sie zurückkehrt, trifft sic neuerdings die Gsther, die inznnschen sich irgendivo ausgehaltcn haben muß. Sie sieht dann die Rosi Roscnberg. läßt sich in ein Gespräch mit ihr ein und verfolgt die weggehcude Gsther bis zur Mühle mit den Blicken. Wollen Sie doch jetzt nur ruhigen Gemüthes die Fäden des Thaibestandes kombiniren. Schwarz verläßt den Tempel, auch Roscnberg und die Anderen gehen fort; und daß sie faktisch den Tempel verlassen hatten und in der Bett, von der!Moriz Schars spricht, anderswo waren als im Temvel, ist nnzwciselhast, denn es ivird von einem Beugen bestätigt, dessen Ans« sage vor Gort und vielleicht auch vor den Menschen genügt; dieser Beuge ist Sophie Solymosi, die Schwester der nnglück. tichen Gnljcr. Gs ist also nochmals erwiesen, daß die Aussage Moriz', wonach die Schächter im Tempel zurückblicben und das Mädchen ermordeten, eine Lüge, deren Gntstehcn in der Seele diei'cs Knaben auch heute noch unbegreiflich wäre, tvenn wir nicht den Faden suchen würden, dem nachgehend wir den Ursprung dieser Lüge entdecken.