Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-09-13
- Page
- 638 (sequence 2)
- Language
- German
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638 Der Staatsanwalt theilt mit, das; die Antwort des Stuhl, richlers über Scharf's Ansuchen bereits an die Staatsanwaltschalt einlangte, tlnd daß cs den Verlheidigern freigestcllt ist, in dieselbe Einsicht zu nehmen. Bertheidiger Friedmann hebt noch hervor, daß über den wichtigen Umstand, ob Moriz Schars den für sein Alter strenge vorgeschriebenen Neligions.Unterricht Zerueße, im Berichte ves VizcgcwanS nichts erwähnt sei. Präsident: Ucbcr diese Bitte der Vcrtheidigung wird der Gerichtshof Beschluß fassen. Nachdem mittlerweile der Zeuge Katar; eingetrosscn, wird derselbe vernoinmen. Ter Zeuge war wegen TodtschlagS ein Jahr im Kerker. In seiner Zelle machte er mit einen! Inden Bekanntschaft׳, seinen Namen weiß er nicht, er erkennt jedoch unter den Angeklagten Jankel Smilovies als den Betreffenden. SinilovieS erklärt bestimmt, mit dem Zeugen, den er nur einen Tag lang gesehen, niemals gesprochen;u haben. — Zeuge er;ählt, daß ihn; dieser Jude im Kerker, wo noch vierzig Hast, lingc sich befanden, mittheilte, er fürchte sich nicht mehr vor der ihn er>vuU>.nden Strafe, da er schon Alles gestanden, näin׳ lich, daß er eine Leiche nach Dada geschwemmt und den Flößern fl. gegeben hat. — Smilovies leugnet entschieden, mit diesem Manne, an dessen Gesicht er sich überhaupt nicht erinnert, auch nur ein Wort gesprochen zu haben. — Der Zeuge verwickelt sich in zahlreiche Widersprüche und »vird nicht beeidigt. — Es folgt die Vrrlciung von Akten und Protokollen. — Die häufigen theilweise sehr scharfen Bemerkungen der Berkheidiger, welche diese Verlesung unterbrachen, zeigten, daß diese Aktenstücke von großer Bedeutung sind, denn sie charakterisiren das Vorgehen des Untersuchungsrichters und der Behörden, Es wurden auch die Aktenstücke verlesen, welche sich ans die Feststellung der Nichtnng der Strömungen in der Theiß und ans die Bemessung der Entfernungen von! Hause des Kaufmannes in Tisza-Eszlar bis;um jüdischen Tempel beziehen. Das wichtigste Aktenstück, das heute zur Verlesung gelangte, war die Znschrisl des Vi;egespans bezüglich der bisherigen Psiege und Obhut des Moriz Scharf, welcher im Sinne eines Erlasses des Ministers' .des Innern der Verwaltungsbehörde übergeben wurde. Dieses Aktenstück ivies auch bezüglich vieler Details Lücken an׳. Der Staatsamvalt erwähnte, daß der Bizcgespan auch schon ans die gestrige Gingabe des Joseph Schars, eS möge sein Söhn dem in Nanas wohnenden Bruder des Joseph Schars zur Pflege übergeben werden, eine Entscheid,mg getroffen habe. Der Vizegcspan hat dieses Verlangen abgewicsen, und zwar mit der Motivirilng, daß der Knabe unter anderer Aufsicht nicht sicher genug fei. Es fragt sich wohl, ob der Minister des Innern dieser Entscheidung zuftimmcii werde, da Joseph Schars gegen diese Entscheidung des Brzegefpans appellirt hat. Nach der Panse wird bei nahezu leerem Saale die von der Vctthcidignng im Lause des Vormittags erbetene und brevi mann zitirlc Zeugin Amalie Buchta rücksichrlich der Feststellung des Alters des Moriz Schars vernommen. Zeugin hat die erste Frau Scharf's von vier Kindern entbunden und deponirl mit vollkommener Sicherheit, daß das erste Kind, Moriz, in! Jahre 180s, ein Jahr nachdem Zeugin nach Eszlar gekommen war, geboren wurde. Zeugin erwähnt als Beleg für ihre Deposilioncn mehrere Umstände. — Präsident loristatirt, daß Zeugin vor dem Untersuchungsrichter eine der heutigen völlig konforme Aussage abgelegt habe. — Zcngin: Ich bin mehr als einmal vom Untersuchungsrichter verhör! worden. — Präsident: Auch bezüglich anderer Umstände, als des Geburtsjahres des Moriz? — Zeugin: Ja. Der Untersuchungsrichter setzte mir mit der Behauptung zu, daß ich die Kleider für die Dadaer Leiche zugetragen habe. — Präsident: Davon ist je Pt nicht die Rede. — Bertheidiger Eölvös: Was haben Sic auf diese Zumuthung des Untersuchungsrichters entgegnet? — Zeugin: Daß ich weder Esther gekannt, noch je die Leiche und die Kleider gesehen habe. Ich wurde auch mit den Flößern konsrontirt, aber keiner kannte mich. — Ans die Frage des Vcnheidigers Dr. Eötvös antwortet der Angeklagte Scharf, daß Zeugin bezüglich des Alters seines Sohnes völlig zntresfend anssagte. Sodann wird die Verlesung der Unlersnchungsakten fortgesetzt. Bei Verlesung des Protokolls über die Aussindung der Dadaer Leiche bemerkt Eölvös, daß die drei rücksichtlich der Geschwindigkeit der Strömung ausgestellten Behauptungen und dnrchgesührten Experimente als völlig un. richtig und resnltatlos anznschen seien, und hebt hauptsächlich hervor, daß es ans Grund physikalischer Gesetze ganz unmöglich sei, daß. wenn eine Leiche an das Floß gebunden war und dann losgemacht wurde, sie später als das Floß selbst an eine bestimmte Stelle gelange, da sie viel rascher als daß Floß mit der Strömung abwärts getrieben würde. Auch der Flößer Esepkanics habe bestinunt deponirt, daß er die Leiche von weitem an das Floß hcranschwinnnen sah. Präsident: Esepkanics hat anSgcsagt, daß er die Leiche erst wahrnahm, als sie unter das Floß tauchte. Staatsanwalt und Vertheidignng weisen ans daS Protokoll hin, welches bezeugen werde, daß Escpkanies anfangs wiederholt deponirte, er habe die Leiche schon von weitciit herabschwimmen gesehen. Präsident : Herr Bertheidiger Friedmann hat gebeten, daß ein im vorigen Jahre an Sophie Solymosi cingelangter anonymer Brief verlesen werde. In demselben wird Sophie ansgefordert, sie möge in Scharf's Keller unter einem Fasse nach, graben lassen, wo sie gewiß die Leiche - der Esther vergraben finden werde. Bertheidiger Fricdinann: Es handelt sich für die Vertheidignng weniger um den Inhalt dieses Briefes, als darum, das Vorgehen des Untersuchungsrichters Vary auch gegenüber diesem Briese zu kennzeichnen. In der Erledigung dieses Brieses heißt es nämlich, mit Rücksicht ans mancherlei Umstände habe er, der Untersuchungsrichter, die Angaben dieses Briefes für wahrscheinlich gehalten. Bei der ungeordneten Nachgrabung habe sich aber nichts vorgcsnnden. Nach Verlesung einiger auf den Leichenschmuggel bezüglichen Aktenstücke und nach Beeidigung der Zengin Buchta wird die Verhandlung für heute, geschlossen. 24. Juli. Die Verhandlung beginnt inn halb 10 Uhr. Der Präsident verkündet, daß das Ansuchen der Vcrthcigung, dein Bizcgespan neuerdings einen Bericht abznfordern bezüglich mehrerer in seinem gestern verlesenen Berichte über die Behandlungswcise des Moriz Scharf nicht berührter Umstände, als mit der Verhandlung nicht strenge zusaiuinenhängend, nicht gewährt wird. Weiters wurde von der genaueren Bestimmung der Länge des Weges, den Esther;urückznlegcn hatte, Umgang genommen, nachdem ans der bcigelegien Karte von Tisza-Eszlar die einzelnen Ausgangspunkte und die in den UntersuchungSalten angeführten Haltevnnkte nicht bestimmt sind und nachdem der von dem Unlersuchungsrichler durchgcführte Probegang nur annäherungsweise geschah und die Bestimmung der Entfernungen inittelft der Karle nicht znin Ziele führt. Ebenso wird der Bille der Vertheidignng bezüglich der Bestimmung der Ge. schivindigkcil der Strömung des Theißflusse» bei TiSza-Dada ans dem Grunde nicht willfahrt, weil bei der Unkenntniß der die Strömung beeinflnsienden 'Bedingungen ein neuerlicher Lokal-Augenschein in dieser Richtung zu keinem praktischen Re׳ sultate führen würde. Sodann wird die Verlesung der UntersuchnngSakten fort« gesetzt. Verlesen wird das von Vary den Akten als Beweis« stück bcigelegte, auf den sogenannten Perjeer Fall bezügliche Schriftstück, worin über einen Ende des vorigen Jahrhunderts