Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1883)
- Article
- Zur russischen Judenfrage
- Date
- 1883-09-06
- Page
- 606 (sequence 2)
- Language
- German
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606 fesselung roher Volksleidcnschaftcn, der Inszcnirnng von Gräueln, die das ganze übrige Europa mit Entsetzen erfüllten, bedurfte es der entstellenden Umkehrung der faktischen Wahrheit aller Verhältnisse, um das landesväterliche Herz eines gerecht und menschlich fühlenden Fürsten die härtesten, vollends vcrderbendsten Mas;- regeln nur als eine bittere, die Mißhandelten vor noch Aergercm schützende Nothwcndigkeit erkennen zn lassen. Wohl bedürfen die Verhältnisse der Juden in Nußlaitd zn ihrer und ihrer Mitbevölkernng Heil einer Verbesserung; allein die vorhandenen Mißständc sind nicht durch Inden geschafscn, sic sind vielmehr lediglich eilte Folge der über sie verhängten Niederlassungs- und Erwerbsbeschrünknngen. Man hebe diese auf, mcm mache die Hebräer zu gleichberechtigten Bürgern und von selbst werden dieselben, beut natürlichen Zuge der Freiheit folgend, ans ihren bis jetzt unvernünftig eng begrenzten Wohnsitzen sich über das weite Reich verbreiten und die Intelligenz, das Fatitilienleben, der Wohlthäligkcitssinn, den sic in ihren: Einzüge ntitbringen, werden, wie überall so auch für die russischen Völkerschaften, kein gering attzuschlagettdcs segensreiches Angebinde sein. In dieser Hinsicht gicbt cs keine bessere Direktive für die zu treffenden Maßnahmen als die Vorschläge der alten gewiegten Näthe des Reichs ans den fünfziger und sechziger Jahren, welche bis jetzt leider noch nicht zur Ausführung gebracht sind. Gleichberechtigung und Freiheit der Bewegung ist die einzige Maßregel, die auf dem natürlichsten Wege das Alle beglückende Heil zu bringen vermag. Der gleichberechtigte, freie Jude wird sich auch bald naturgemäß in einem höheren Grade als bisher nationale russische Sitte, Bildung uiib Sprache zu eigen machen, wie ja auch die Erfahrung der Vergangenheit und Gegenwart bekundet, daß die Juden, so man sic nur als ächte und ebenbürtige Söhne des Vaterlandes und gleichberechtigte Genossen des Staats anerkennt, sich überall der allgemeinen nationaleu Kultur und Sprache freudig und willig anschließen. Unter den Arabern und Spaniern wurden sic Araber und Spanier, sowie in neuerer Zeit in Frankreich, England und Deutschland ganze Franzosen, Engländer und Deutsche in Sprache, Sitte und Bildung. Und ebenso steht es außer allem Zweifel, daß dieser innigere Anschluß an die nationale Sprache, Sitte und Bildttng ohne die geringste Verkümmerung des jüdischreligiösen Pflichtlebens in Erkenntniß uitd Erfüllung möglich ist. In vergangenen und gegenwärtigen Zeiten spricht auch die Erfahrung hierfür das Wort, ivie auch diejenigen Juden, welche in treuester Gewissenhaftigkeit den jüdischen Religionsgesetzen und der jüdischenNcligions- Wissenschaft ungcschwächte Bebe und ungeminderte Anhäuglichkeit bewahren, sich vollständig auf dem Niveau ‘ der allgemeinen Kultur des Staates, dem sie angehören befinden. Es kann nicht nachdrücklich genug beton, werden, daß eS im hohen Grade wünschenswerterscheinen muß, wenn auch die russischen Juden, welche wahrich in der Bethätignng einer loyalen patriotischen Gesilinung, eines treuen Gehorsams und einer chrfurchtsvollnn Liebe gegen das erhabene Staatsoberhaupt keinem anderen Volksstamme und keiner anderen Ncligionsgenossen schuft nachehcn, auch in Bezug auf nationalstrussische Bildung hinter Niemandem zitrückbleiben. Aber ebenso nachdrücklich und entschieden muß es hervorgehoben werden, daß dieser Anschluß an die national׳ russische Bildung nur dann sich vollzieheit wird und nur dann sich zum Heile der Inden und des Staats vollziehen kann, wenn er freiwillig erfolgt und wenn er erfolgt, ohne daß auch nur ein Tütelchen von der Treue und Liebe gegen die von den Vätern überkommene Religion Preisgcben wird. Wahrlich znm Schaden der Aneigrnmg einer wahren Bildung und einer aufrichtigen Religiosität hat man hierin öfters gefehlt. Wie es nichts Verkehrteres, Ungerechteres und Verderblicheres geben könnte, als wenn ntcm z. B. eine zwangsweise Dislozirnng der Juden in Rußland durch gewaltsame Vertreibung derselben aus ihren bisherigen Wohnsitzen bewirken wollte, wie es der schneidendste Eingriff in das allererste von jedem Staate gewährgcleiftete Menschenrecht sein würde, wollte man irgend einen gleich den Juden Rußlands seit Jahrhunderten mit gesetzlicher Berechtigung einen bestimmten Wohnsitz einnehmenden Mcnschenstamm, ohne daß derselbe ein mit Strafe der Verbannung gesetzlich belegtes Verbrechen begangen, von diesem seinen Wohnsitze Hinwegtreiben, — also würde es nicht'minder verkehrt, ungerecht, verderblich sein und gegen das natürlichste, unvcrlicrbarsteMenschenrecht verstoßen, wollte man einem friedlichen, gesitteten, loyalen Menschen gewaltsam eine sogenannte Bildung aufzwingen. Noch verkehrter, ungerechter und verderblicher aber würde cs in dem vorliegenden Falle sein, wenn von irgend einer Seite der Versuch gemacht werden sollte, mit dem lobcns- und wünschenswerthen Bildnngsstrcben eine Propaganda für eine fälschlich so genannte Aufklärnug zu verbinden, um die jüdischen Russen zum Abfall von den Neligionssatzungen zu verleiten, ihre religiöse Gcsetzestreue zu erschüttern und sic dem Studium der Religionswissenschaft zu entfremden. Verkehrt, weil der angeslrcbte Zweck der Verbreitung größerer national-russischer Bildung dadurch geradezu vereitelt oder doch znm großen Theile unerreicht bleiben müßte. Gerade in denjenigen Kreisen — und es sind wahrlich nicht die schlechtesten —, in welchen Gottesfurcht und gewissenhafte Glanbcnstrcue die festesten Wurzeln geschlagen, würde man sich von einer Bestrebung wider-