Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-08-30
- Page
- 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933031-2953955--13404-2954004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
502 Augenschein nach Tiszla-Gszlar mitzunehmen, stattgegeben. Die Staatsanwaltschaft wird zugleich ausgefordert, für dessen lieberführung nach Gszlar vorznsorgen. Der Präsident thcilt weiter mit, daß an Stelle des Eingangs erwähnten königlichen Ingenieurs der städtische In« genienr Julius Horvath als Sachkundiger morgen in Tisza- Gszlar fuugiren werde. Tie Fortsetzung der Verhandlung findet Mittwoch um 8 Uhr Früh statt. Ter Gerichtshof, die Vcrlheidiger nnd Journal-Berichterstatter fahren morgen Früh mittelst Wagen nach dem drei Stunden entfernten Gszlar. Moriz Scharf rvird vom Kastellan Hcuter dahin begleitet. 17. Juli. Ginrr der interessantesten Akte des Tisza- Gszlarer sonderbaren Trainas hat sich heute auf dein Thatorte abgespielt. Gs wurde der Lokal-Augenschein iu Tisza-Gszlar ausgenommen. Der Tempel steht ans dem exponirtestcn Punkte, und führen zwei Wege, eine Fahrsirasie und ein Fustweg, vorbei׳, die Fenster des Tempels, nauientlich der Vorhalle, die auf die Strastc sehen, sind sehr niedrig, so das; man ans der Gutfernung mehrerer Schritte hineinsehcn kann. In sämmtlichen umliegenden Häusern, mit Ausnahme jenes, in wclchcrn Scharf sein Domizil hatte, wohnen Christen. Hier soll am Hellen Tage das Verbrechen geschehen sein; hier soll Moriz Scharf drei Viertelstunden lang unbemerkt nnd ungehindert das Schauspiel betrachtet haben! (Line Amtsperson äusicrte sich heute: Da hätte man mit der Verhandlung des Prozesses beginnen müssen, dann hätte er nicht so lange gedauert. Die Szenen, die sich vor der versperrten Synagoge und in deren Vorkammer abspielten, waren von dramatischer Lcbcndigleit, nnd überboten noch die Vorgänge im Gerichtssaale. Scharf -Vater', stand in seinem geplünderten Hause, das er seit vierzehn Monaten tticht gesehen, seinem Sohne gegettübcr, der, nicht frei von einer beinahe nervösen Unruhe, dabei aber sichtlich gesagt und entschlossen, sich rüstete, das Gramen gut zu bestehen. In Folge eines fehlerhaften Auges des Knaben schien es immer, als ob er seitwärts schaue. Der Vater, ein selten kräftiger Mann, sah sich händeringend in der Vorhalle des Tempels um und starrte eine zeitlang wie im Traume versunken vor sich hin: dann raffte er sich auf und stellte die wenige'n zerschlagenen und umgestürzten Möbelstücke, Tisch, Bank und einige Sessel, auf ihren Platz. Iin nachfolgenden Bericht finden die Leier aitch eine de« taillirrc Schilderung der Probe durch das Schlüsselloch, die mit Mori; Schars vorgenommen wurde. Bei windigem und regnerischem Wetter vcrlicsten Morgcits vor 7 Uhr das Richterkollegium, der Staatsanwalt, die Vcrlheidiger und die hier anwesenden Journalisten die Stadt. In cinent der ersten Wagen befanden sich Moriz an Henter's Seite und der Komitarshnsar auf dein Bock. Joseph Scharf wurde erst später, von zwei Wächtern geleitet, nach Gszlar gebracht. Nach 10 Uhr versammelten sich die Funktionäre nnd Bewohner des Ortes vor der Synagoge. Moriz stand mit Heiner abseits. Sechs GenSdarinen und ein Führer waren zur Aufrcchthaltnitg der Ordnung anweseud. Ta die Verlheidiger noch nicht aus dem Platze waren, machten die Richter, gefolgt von allen Anwesenden, einen Rundgang durch den Tempel und Schars's Wohnhaus. Ter Tempel und das Wohnhaus sind kaum vier Nieter von einander catfcrnt und haben die Aussicht auf eine breite Slraste, wo der Weg nach Totfaln abbiegt. Beide Häuser sind total verwüstet. In der Synagoge ist keine einzige Fensterscheibe mehr zu sehen. Die Bänke und Bclpultc sind durchciitander geworfen nnd zertrümntert, alle Thürcn auSgebrochcn. An den baufälligen Wänden sind innen Namen von Besuchern gekritzelt. Noch schliinnter sicht Schars's Wohnung aus. Stk besteht jetzt zum Theile aus Schuttnnd Sandhaufen. Tie Thürcn und Fenster sind gleichfalls je»•« trümmert, kein einziges Möbelstück ist vorhanden. Auf einem Wagen hatte man einen Flügel der Tempelthür'ans Nyiregyhaza mirgcbracht. Derselbe wurde in Angeln eingehängt, nachdem die Hüllen entfernt worden waren, die das versiegelte Schlüsselloch bedeckten. Um II Uhr kamen die Verlheidiger an. Die Gensdarmen wiesen die immer stärker andrängcndcn Bauern znrück, und Joseph Scharf wurde in die Vorkammer des Tempels gerufen, wo er den Auftrag erhielt, soweit es inöglich, die alte Ordnung der Ginrichtungsstücke herznstellen. Aus der Vorkaunner führt links eine Thür ins Bet- Haus; an der rechten 'Wand sind zwei Fenster, welche auf einen kleinen Garten gehen, der durch einen niedrigen Zaun vom Nachdarhause getrennt ist. Die Fenster dieses Nachbarhauses sind gegenüber denen der Vorkammer. Aus dem Tempel holte Schars zwei Bänke, richtete dann einen zerbrochenen Tisch zurecht, stellte einen Blechofen ans und erklärte sodann, die Ginrichtung sei derjenigen möglichst ähnlich, welche die Vorkammer am kritischen Samstag Halle. GS ivnrden ferner zwei irdene Teller nnd ein irdener Topf hcrbcigcschasft. Mittlerweile waren die Verlheidiger angekommen, und in der acht Schritte langen nnd fünf Schritte breiten Vorkammer standen zusammengedrängt an fünfzig Personen. Der Präsident forderte nun Alle, bis ans die Aintspersonen und Journalisten, ans, die Kammer zu verlassen,׳ begab sich danlt zu dem näher herangckommencn Moriz nnd fragte ihn,: ob er gerade stand, sich bückte oder kniete, als er durchs Schlüsselloch sah. Moriz antwortete: Ich mustte inich ein wenig bücken, um gut sehen zu können. Gr lvnrde dann in die Kammer geführt und der Präsident erklärte dann formell den Beginn der Lolal-Augcnschein-Ausnahmc. Auch dein Joseph Scharf wurde erlaubt, in der Kammer zu bleiben, nachdem er versprochen hatte, ruhig zu bleiben nnd seinen Sohn nicht anznsprechen. Sodann fragte der Präsident: War damals Samstag Alles so eingerichtet wie jetzt? — Moriz erwiderte: Ja, beiläufig so. — Der Präsident konstatirt nun, daß sich beim ersten Fenster an der rechten Wand ein Blechofen, unter dein zweiten Fenster eine Bank, auf der andern Seite entlang bis zur Gingangslhür ebenfalls eine Bank nnd zwischen beiden Bänken ein beiläufig fünf Schuh' langer Tisch befinde. Der Tempel und die Vorkamtncr sind nugcbrettert. Mit einigem Befremden wird sodann wahrgenommen, dag der Ingenieur noch nicht anwesend ist. Gs begeben sich Alle, bis aus Joseph Scharf und eilten Gefängnistwächter, in den Hof hinaus; die Siegel werden vom Schlüsscllochc abgenominen und hieraus wird ein Schlosser geholt, der die Riegel an dem Schlosse in Stand fetzt. Moriz, der jetzt zuin ersten Male wieder die cingrhcngtc Thür sieht, bemerkt: Die Thür hat sich gesenkt, die schwere,Wand must sic niedergedrückt haben; da komm ich ja nicht zum Schlüsselloche, auch wenn ich knie. Gs wird jedoch der Nachweis geführt, daß sich hierin nichts geändert habe. Nachdem sodann wieder Alle in die Vorkammer eingetreten nnd Moriz Scharf Ginigcs an den GinrichtnngSstücken geändert hatte, ersucht Verlheidiger Fricdmann den Präsidenten, Moriz zu befragen, wie und wo das Mädchen lag, wer es hielt n. s. w. — Präsident: Wo lag das Mädchen? — Moriz zieht mit einem Regenschirme ans dem Boden eine Linie vom Tische in der Richtung gegen die Thür nnd beantwortet die ferneren,!Heils vont Präsidenten, theils vom Staatsanwalt und den Venheidigern an ihn gerichteten Fragen oft stotternd nnd zweifelnd, dann wieder mrt übersprndclndcr Hast folgendermasten: Das Mädchen lag mit dem Kopfe gegen die Thür, mit den Füsten an den Tisch reichend. Neben dem Kopse hockte Salomon Schwarz. — Friedmann: Aus welcher Seite? — Moriz: Ich erinnere mich nicht. — Friedmann: Du mußt