Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-08-23
- Page
- 574 (sequence 10)
- Language
- German
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574 jtmflfn, welche er anführt, hinfällig seien. — Der Experte be-! ruft' sich auf Taylor, von dem der Vertheidiger unter Andern! sagt, dasi derselbe bereits von neueren Gelehrten überholt ist, . woraus der Experte autwortet, dasi er auf die neueren Ge-; lehrten nicht auslehe. UcbrigenS beruft er sich auch auf den Wiener Professor der Gerichtsmedizin, Hauschka. — Der Ver- ׳ theidiger hält dem Experten nochmals vor, dasi er auch bezüglich der Älterobestimmiing der bei Lock herauSgefischtcn Leiche sich geirrt habe, indem er die Leiche einer achtzehnjährigen Person für die einer fünfzehnjährigen erklärte. Der Experte gesteht ein, giebt aber nicht zu, daß er im Dadaer Falle sich auch geirrt haben könne. Ans die Fragen des Vertheidigers Heumann antwortet der Experte, dasi er seit zwei Jahren Bezirlsarzt sei und wohl 25 Leichen, darunter eine Wasserleiche, sezirt habe. Dasi die Haare der Leiche künstlich entfernt wnrden, sei am Abend der Auffindung der Leiche schon bei deren erstem Anblick seine und seiner Kollegen Ansicht gewesen. — Heu mann: Tie gingen also am nächsten Tage mit dieser Ansicht an die Untersuchung der Leiche und fanden dieselbe bestätigt? — Kiss: Ja wohl. — Henmann: Es mußte Ihnen doch anssallen, dasi, während an anderen Stellen Haare gewaitsam entfernt seien, dieselben in der Achselhöhle vorhanden waren׳, warum haben Sie diesen wichtigen Unistand nicht ins Protokoll ausgenommen? — Kiss: Wir wollten dem Protokoll keinen so großen Umfang geben. — Vertheidiger Friedmann streift einen Ring vom Finger, bittet den Experten zu sich und ersuch! ihn mit Rücksicht darauf, dasi derselbe wiederholt von seinem Augenmaß gesprochen und sich auf dasselbe so sehr verläßt, ihm zu sagen, welchen Durchmesser der Ring hat. — Kiss besichtigte den Ring und sagt dann: Vielleicht ein Eenti- Meter und zehn Millimeter (Heiterkeit). — Vertheidiger Szekely fragt, warum denn die Herren׳ Doktoren, welche glauben, Fische haben die Leiche an der Schulter angeuagt, dies bezüglich des SubstauzverlusteS am rechten Handgelenk ausschlossen und behaupleten, derselbe rühre vom Schleppen mit einem Seile her? — KüS: Am Handgelenk war der Verlust ein breiter und zeigte nicht die Spuren, als ob dort Fische genagt hätten. — Staatsauwalt: Ich bitte um Aufklärung darüber, dasi Sie die Staatsanwaltschaft vorher beschuldigten, Sie bei der Obduktion der Dadaer Leiche in Ihrer Thätigkeit behindert zu haben. — Kiss: Das ist keine Anklage, der Staatoanwalt sagte damals nur, dasi es nicht nothwendig sei, Dieses und Jenes ins Protokoll auszunehmen. — Staatsanwalt: Also Sie haben nicht selbst gewußt, was Sie ins Protokoll aufzunehmen haben, waö nicht? Der Staatsanwalt war kein Sachverständiger und konnte nicht wissen, was für Daten nothweudig sind. — KisS: Der Staatsanwalt bezeichucte die Fragen, die wir zu beant- Worten haben-, wenn nöthig, könnten wir nachträglich iminer noch Aufklärungen geben. — Staatsanwalt: Ja wohl, der Staatoanwalt bezeichnete die Frage bezüglich des Lebensalters-, das klebrige ist Sache der Experten. Nach halbstündiger Pause ersucht der Präsident den Prosessor Schen'.hauer, er möge sich bezüglich eines Punktes im ärztlichen Befunde, auf den Eötvös gestern bei Anhörung Traitler'S hingewiesen, äußern. Die Frage ist die, wie die Rosasarbe der Muskulatur zu erklären ist. — Scheuthauer: Die Rosafarbe der Muskulatur ist so zu erklären, dasi die Wasserlcichen sueeessive blutärmer werden, indem Bluttheilchen sich an der Oberfläche des Körpers sammeln,, vom Wasser fortgeschwemm: und durch aitdere lvieder ersetzt werden. Ist die Leiche lange unter Wasser gelegen, dann sinkt deren Blutgehalt auf ein Minimum, und sie gelangt an die Oberfläche des Wassers, wo sie mit dem Sauerstoffe der Luft in Berührung komtnt-, dadurch sind die Bluttheilchen oxydirt worden, und die Leiche erhielt nun eine schöne Rosasarbe. — Auf die Frage des Präsidenten, ob das Vorhandensein der Farbe im Tuche gerechtfertigt erscheint, wenn die Leiche vorher schon so lange im Wasser gelegen sei, antwortet Scheuthauer: Ich müßte, um Auskunft ertheilen zu können, wissen, was für Farbe es war. Die schwarze Farbe, welche mir gezeigt wurde, war Kienrusi; ich weiß nicht, ob man die gleiche Farbe im Tuche gefunden: ich habe sie mikroskopisch untersucht, aber schon mit freiem Auge gefunden, dasi es Kienruß war׳, ich habe auch ein kleines Stück des Oberhemdes untersucht, dort, wo ein schwarzer Fleck war, und habe ebenfalls Kienrusi in einer Fettschichte eingefettet gefunden. Kienrusi ist jedoch im Wasser löslich, Ultramarin aber nicht-, nachdem aber behauptet wird, dasi Farbe im Tuche war, so folgt daraus, dasi jene Farbe Ultramarin gewesen sein mochte. — Präsident: Ohne weitere Erörterungen über die verschiedenen Ansichten der Herren Sachverständigen hören zu wollen, ersuche ich doch den Herrn Professor, mit Bezug auf die hier angehörten Ausführungen der Doktoren Traitler und Kiss sich über jene Punkte, bei welchen sich diese Herren auf Sie berufen haben, zu äußern. — Scheuthauer: Darf ich mein Notizbuch benützen? — Präsident: Bitte. - Scheuthauer: Dr. Traitler bestreitet, dasi die Ansicht, Ertrunkene pflegten Stroh oder Gras in den Händen zu halten, ein Märchen fei. Ich antwortete darauf nur, daß ein Gerichtsarzt von solcher Praxis wie Haasner in Berlin während langer Jahre nur einen einzigen Fall konstatiren konnte, dasi eilt Ertrunkener etwas in den Händen hielt, und auch das war eine Ax!, mit welcher der Ertrunkene ins Wasser fiel, als er einen Baum fällen wollte. Traitler hat sich ferner bei Bestimmung des Lebensalters nach der Basis des Knochengerüstes auf Taylor berufen ׳, darauf ant- Worte ich, dasi Taylor zwar ein ausgezeichneter Forscher war, dasi aber das Buch, aus welches sich Traitler beruft, im Jahre 1804 erschien, 1809 ins Ungarische übersetzt wurde und Dinge enthält, die heute längst nicht mehr maßgebend sind, da gerade in den letzten vierzehn Jahren die Anatomie irnmense Fortschritte gemacht hat. Dann hat Traitler eS mißbilligt, dasi wir in TiSza-ESzlar den rechten Oberarmknochen gewaltsam mittelst Hammer loötreunten-. darauf antworte ich, dasi wir än TiSza- Eszlar keine MazerirungS-Apparate hatten und der Hammer in sehr geschickten Händen war-, die Mazerirung hätte ja Wochen in Anspruch genommen. Die Hauptsache war für nus, ׳die Knorpelschicht zu untersuchen, wofür wir kein anderes als das angewendete Mittel hatten.. Dann war davon die Rede, dasi die Nägel vielleicht schneller verwesen, wenn sie in verschiedenen Zeiten sich in verschiedenen Medien befinden. Ich habe keinen Grund, anzunehmen, dasi die Nägel, weil sie längere Zeit im Wasser und dann der Luft auSgesetzt waren, rascher verwesen sollen. Was den Umstand betrifft, dasi die Nägel über den Fingerrand hervorragten, so habe ich gestern zum ersten Male davon sprechen hören, im Protokoll steht nichts darüber. Ferner wurde behauptet, dasi die Haarwurzeln nach der Mumifizirung weniger leicht sichtbar waren-, nur an einer blassen Kopfhaut lassen sich dunkle Haare leicht erkennen, aber an dieser Mumie, welche eine dunkelbraune, röthliche und zusammengeschrumpste Decke hat, ist es selbst mit der Loupe schwierig, Haarwurzeln zu unterscheiden. Wir führten deohalb Leicheutheile nach Pest, wo tvir mit starken Mikroskopen arbeiteten und tins mit völliger Bestimmtheit davon Ueberzeugung verschaffen konnten, wo Haarwurzeln vorhanden waren und wo nicht, wie viele derselben die Oberfläche der Haarkapsel erreichten und wie viele derselben über diese hinausragteu. UebrigenS widerspricht die Behauptung Traitler'S, dasi in einer zusammcngeschrumpsten Haut die Haare tiefer einsinken, den Erfahrungen aller Kapazitäten. Schon längst kannten die Aerzte jenen Umstand, daß bei Individuen, welche vor ihrem Begräbnisse rasirt wurden, sich nach deren Exhumirung ein Haarwuchs zeigte. Damals meinten die Aerzte — dieser Glaube bestand noch in den dreißiger Jahren — daß die Haare im Grabe nachwachsen.