Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-08-23
- Page
- 572 (sequence 8)
- Language
- German
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572 nantit. Halten Sie diese Bezeichnung aufrecht— Traitler: Ja. — Eötvös: Wie vereinigen Sie es. das; die Leiche gut genährt und dennoch blutarm und völlig fettlos war, wie Sie 'es selbst darstrlltcn? — Traitler: Im Protokolle steht nicht völlig fettlos, sondern nur fettlos. Ich hebe dies hervor, weil ich sehe, dag Sie aus diesem Worte herumzureiten belieben. Bertheidiger Eötvös: Ich bitte, Ihre Worte zu wählen, Herr Doktor. Achten Sie auf das, was ich frage, und antworten (gif. _ Traitler: Bitte, zu fragen. — Eötvös: Was verstehen Sie darutltcr, dag die Leiche blaß war? — Traitler gicbt eine Erklärung, wonach ein Körper, in welchem kein Blut ist, von den Aerztcn leichenblaß genannt wird. — Professor Scheut. Hauer: Darf ich sprechen, Herr Präsident? — Präs.: Später. — Sodann entsteht eine Kontroverse über die Waschung der Leiche, die blaue Flecken auswies, welche Dr. Traitler als Folge der Ultramariufarbc bezeichnet, dabei aber behauptet, dag die Leiche vorher gewaschen wurde, was Bertheidiger Eötvös a<l ali.surdum führt. Bei den Fragen über die Behaarung der Leiche, welche Tr. Traitler als ״genügend" bczeichnete, stellte cs sich heraus, dag er 5,00 bis l;00 Haare mehr oder weniger per Quadratzentimcter für möglich hält, hierüber keine Messungen austcllte, wozu er sich auch unfähig erklärte. Mil Rücksicht aus die dem Präsidenten gegenüber abgegebene Erklärung des Ex. perlen, dag die Haarwurzeln in Folge der Fäulnis; der Kopf« haut tiefer cinsauken, bemerkt der Bertheidiger Eötvös, er könne diese Erklärung ohne nähere Begründung nicht akzeptircn, denn aus der Fäulnis; und dem Zufammenschrumpscn der Kopfhaut folgt nicht, dag die Haarwurzeln in dieselbe tiefer eiusinkcn, sondern umgekehrt — und dies wird jeder Mensch von gesundcm Verstände zugeben - würden sie nach Augen steigen. Ich kann es beweisen, dag mediziuifche Autoritäten die Frage so aussaßlcn wie ich und ganz gcgentheilig mit der Ansicht des Herrn TokrorS. — Traitler: Ich habe von mumifizirtcu Leichen gesprochen. — Bertheidiger Eötvös: Bei diesen ist Ihre Behauptnug noch weniger richtig. Wie können Sie cs erklären, dag ein großer Theil der Haarwurzeln miisanunt den Papillarzwiebeln gänzlich fehlte, während bei der Exhumirung solche noch vorhanden waren? — Traitler (eifrig): Nachdem eine innere Krankheit noch vorhanden war, wer kann wissen, wie viel Haare während derselben die Person schon verlor? — In Bezug auf die Behaarung an .anderen Körpertheilen weist Bertheidiger Eötvös nach, das; die Angaben Traitker's durch die P.-ster Universitäts-Prosessorcn als gänzlich falsch befunden wurden.— Traitler fragt dann verwundert, ob die Pestcr Experten and) die Augenbrauen für abgebrochen erklärten? Bertheidiger Eötvös: Gehen Sie nur, Herr Doktor, mit bloßen Füßen in den Stieseln und Sic werden dann bald genug abgebrochene Haare an denselben bemerken. Nus fernere Fragen antworte: Traitler, daß sie die Farbe der Augen durch Hineinblickeu in dieselben bestiminten. Die Eornea wurde nicht durchschnitten. Ter Untersuchungsrichter fand die Augen schwarz, die Obduzirendcn aber braun. — Eötvös: Wie erklären Sic diese Abweichung? — Traitler: Die Laien nannten das schwarz, tvas ich braun nenne. — Eötvös: Ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor, Sie legen sonst ans das Urtheii von Laien sehr viel Gewicht, da Sie ja das Borhandenscin der Nägel und die frische Leiche auch durch Zeug, nisse von Laien erhärten wollen. Sie haben die Brüste abgemagert genannt, meinen Sie ״nicht entwickelt" oder eine Rückbildung? — Traitler: Eine Rückbildung. — Eötvös: Wurde diese durch Untersuchung oder durch bloßes Anschauen koustatirt? — Traitler: Ich habe die Brüste mager gesehen und nicht weiter untersucht. Das tvar damals keine so wichtige Sache wie heute. Ich wußte nicht, daß dies solche Konfegucuzen haben wird, sonst wäre ich anders vorgcgangcn, wie ich es auch heute besser machen würde. (Allgemeine Heiterkeit.) Es folgen sodann noch zahlreiche Fragen und Antworten über Tuberkulose, die Rosafarbe einzelner Körpcrstellen, sowie über die Leere der Eingeweide, welche Traitler so erklärt, daß vielleicht die Person mehrere Tage vor ihrem Tode nichts ge. gcsscn habe. Aus Fragen des Bcrtheidigerö Heumann übcr die Gründe, welche ihn zur Behauptung veranlaßtcn, daß am rechten Handgelenke das Seil befestigt gewesen, antwortet Dr. Traitler, daß er an jener Stelle eine Abschürfung fand. Die Leiche wurde einstimmig als die einer 20 jährigen Person erklärt, vielleicht hat sogar einer der Untersuchenden *25 Jahre angenommen, doch wisse er das nicht. Die Nägel an den Zehen wurden ebenfalls besichtigt. — Bertheidiger Friedmann: Hatten Sie schon früher Gelegenheit, mazerirtc Leichen zu seziren? — Traitler: Nein, aber andere, auch Wasserleichen, habe ich schon wiederholt sezirt. Zahlreiche Fragen entziehen sich der Reproduktion. Die Sitzung wurde um halb 3 Uhr geschlossen. 14. Juli. Der Präsident eröffnet um '/Z) Uhr Vormittags die Berhaudlung. An dem Sachversläudigeutische befindet sich Professor Scheuthauer. Zur Vernehmung gelangt der Sachverständige Tr. Ladislaus Horvath. Derselbe hat an der ersten Sezirting der Dadaer Leiche rheilgenommen und am 20. Jnni v. I. sein Gutachten abgegeben. An den darin nicdergelegten Ansichten hält er auch jetzt fest. Diese Ansicht verficht er heule und sagt: Die Leiche war sehr leicht agnoszirbar und von Angehörigen leicht zu erkennen, da sie völlig unversehrt und gar nicht entstellt war. Die Todesursache war Blutarmuth. Er hat viel jährige Erfahrung als Bezirksarzt und eine Wasserleiche nie in solchem Zustande gesehen, wie die Dadaer, die ihm völlig frisch schien, da er kein Zeichen der Verwesung wahrgcnommen. Keincnfalls sei sic lange im Wasser gelegen, wovon sonst sicher Spuren der Angriffe von Fischen an der Nase und den Weichtheilcu zurückgeblieben wären. Seine Erfahrung sagt ihm ferner, daß die Leiche eitler zwanzigjährigen Person angehörtc. Die Nägel hat er mit eigenen Augen gesehen, sic überragten vorne auch nur um ein Mininttitn den Fingerrand. Auch das Hühneräuge hat er gesehen, und zwar so deutlich, das; er cs für überflüssig hielt, daß dasselbe ausgeschnitten tverde. Experte hält überhaupt alle im Einzelnen angeführten Behauptungen des bekanuleu Gutachtens der drei Aerztc aufrecht, ohne aber Gründe anführen zu können. Er beruft sich immer nur auf die Erfahrnng. die er als alter Doktor besitze. Staatsanwalt: Erinnern Sic sich, Herr Doktor, daß Sie bei der Exhumirung der Leiche in Tisza-Eszlar auf Befragen der Universitäts-Professoren erklärten, nicht mehr gilt zu sehen, und daß Sie das Obduktions-Protokoll auch nur aus dem Gelinde uutcrschricben, tvcil die anderen Herren es so sagten? — Tr. Horvath: An das kann ich mich nicht erinnern. — Staatsanwalt: Also Sic leugnen cs? — Dr. Horvath: Ich leugne cs nicht, aber ich erinnere mich gar nicht mehr. — Präs.: Ist hiervon, Herr Staatsanwalt, in den Akten Erwähnung gethan? — Staatsanwalt: Nein, in den Akten nicht, aber ich weiß cs aus Zeugenaussagen. Auf weitere Fragen des Staatsantvalles giebt der Experte an, das; das Betasten der Nägel durchaus nicht uölhig und der Augenschein ihm genügend war, deren Vorhandensein zu koustatiren. Tic Leiche konnte auch nicht lange im Wasser gelegen sein, sagt der Experte, weil dieselbe keinen Substanzverlust auftvies, und die Fische eine Leiche angreifcn. Als Staatsanwalt atifuterksaut macht, daß andere Experten sich gegentheilig aussprachen, beruft er sich auf seine Erfahrung. Die Leiche habe auch keinen so schrecklichen Gestank verbreitet, er habe schon Leichen gesehen, die einen viel penetranteren Geruch verbreitet haben. Als man die Kleider der Leiche entfernt hatte, stellte sich heraus, daß nur die Kleider, nicht aber die (Fortsetzung der Korrespondenzen und Nachrichten aus Seite 573.)