Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-08-16
- Page
- 545 (sequence 5)
- Language
- German
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545 au die Zeugen richten würden, so müßten die schon vernommenen Zeugen der Gleichmäßigkeit wegen nochmals vorgeladcn werden. Dies würde oder eine Verschleppung der Verhandlung׳ bedeuten. Vertheidiger Götvös glaubt daher, daß eine Vernehmung der weiteren AgnoszirnngS-Zengen in Anwesenheit der Sachvcrständigen zu vermeiden wäre. Staatsanw. Szeyssert bedauert, daß die bisherigen Mengen- Vernehmungen nicht in Gegenwart von Sachverständigen erfolgt sind. Gr wünscht. daß die sachverständigen bei Ginvernchmnng der nach zu verhörenden Zeugen zugegen seien, damit sie an diese evcnt. Fragen richten können. Der Präsident erklärt, daß die noch einznvernehnicnden Zeugen bezüglich der AgnoSzirung nahezu ganz über jene Um״ stände verhört würden, wie die bisherigen, daß cs daher nicht nölhig erscheine, den Gang der Verhandlung durch Vorladung der schon vernommenen Zeugen zu unterbrechen. Zeugin Frau Vamosy, Mutter jener Julie Vamosp, welche ansgcsagt hatte, sie habe Gsther noch um I Uhr gesehen, deponirt, ihrer Tochter sei von Lichtmann viel Geld versprochen worden, wenn sic für die Juden günstig anssagc׳. ferner Hube ihr ein Indcnmädchen NamcnS Haiti zngcrcdet, günstig and- Zusagen. Die Zeugin ist bereit, dies zu beschworen. Staatsanwalt: Glauben Sic, daß Ihre Tochter falsche Zeugenschaft ablegtc? — Zeugin: Ja, denn bisher hatte sie nichts von der Sache erzählt. Ans Götvös' Fragen antwortet die Zeugin, daß sic zugcbe, ihre Tochter köitne Gsther an jenem Tage gesehen haben. Götvös: Nicht nur Ihre Tochter, sondern auch Gsthor's Schwester und Resi Noscnbcrg haben Gsther um k Uhr gesehen. Warum zeihen Sie Ihre Tochter der falschen Aussage, wenn Sie nichts Bestimmtes wissen? — Zeugin: Meine Tochter kann Gsther nur zwischen 11.',: und 12־ Uhr gesehen haben, sonst hätte sic cs mir gleich anders gesagt. Tie Zeugin leugnet, ihre Tochter geschlagen zu haben. Sic erzählt, daß sie den Sachverhalt dem Richter Farkas erzählt, und daß dieser eilt Protokoll mit ihr ausgenommen habe. Sie selbst habe gehört, wie das Indcnmädchen ihrer Tochter 10 sl. versprochen. Friedinann fragt, ob die Zeugin von der Onsbchörde aufmerksam gcinacht wurde, daß sie ihre Tochter eines Vcrbrrcheus anklagt, ans das Zuchthaus bis zu fünf Jahren steht. Gr bittet, dies ans dem Protokolle zu konsiatircn, welches mit der nun als Klägerin gegen ihre eigene Tochter anslrclendcn Zeugin anfgtuornmcn wurde. Früher ivollc er leine weitere Frage an die Zeugin stellen, denn wenn kein Anderer, werde er gegen ihre Tochter die Anklage auf Meineid erheben. Der Präsident erklärt, er richte an die Zcitgin keine Gr- Mahnung, da zuvor die Tochter der Zeugin herüber vernommen werden muß. -Hierauf stellt der Vcrthcidigcr Friedinann mehrere Fragen an die Zengin, rvclchc diese dahin beantwortet, daß ihre Tochter seit drei Jahren bei Nosrnbcrg dient und früher keinen andern Dienst hatte, daß sie ihre Tochter manchmal ein Jahr lang nicht sah, weil sic in einem andern Dorfe wohnte. Vcrthcidigcr Friedmann: Woher wußten Sic, daß ihre Tochter als Zeugin vor Gericht geht? Zengin: Von der Tochter selbst. Zeugin bemerkt, sic habe nichts über die Sache mit ihrer Tochter gesprochen. Was ihre Tochter vor Gericht anssagtc, habe sic von einem fremden Manne gehört. Ihr Mann ging zu Rofcnbcrg, die Tochter aus dein Dienste zu nehmen, um das Dorf, welches anfgcbrachr war, zn beruhigen. Vertheidiger Friedinann fragt den Präsidenten, ob der Ortsrichter von Tisza-Gszlar, Gabriel Farkas, im Zeugen-;immer sei, da es jetzt noihwcndig sein könnte, denselben zu vernehmen. Derselbe ist nicht anwesend. — Aus Befragen des Verthcidigcrs Götvös gicbt die Zeugin an, daß sie mit Frau GsercS früher gesprochen habe, als mit ihrer Tochter. Unter großer Spannung des Auditoriums betritt Julie Vamosi den Saal. Das Mädchen trägt deutliche Spuren erlittener Mißhandlungen im Gesichte, cs kann nicht gerade gehen und ist ganz verändert. 'Bevor cs noch die Gcrichtsschrankcn erreicht, erhebt sich der Vertheidiger Gölvös. Gr wünscht, daß die Vernehmung der Vamosi verschoben werde, bis deren Vater vernommen ist, und daß dieser sofort durch einen berittenen Bolen vorgeladcn und noch im Lause des heutigen Tages vcr« nomlncn werde. ״Gs ist ein fürchterliches, beispielloses Borgehen", sagt der Vertheidiger, ״daß Vater und Mutter ihr eigenes Kind wegen falscher Zeugenschaft und Meineides in den Kerker bringen wollen, und eben lveil die Angelegenheit so un« gehencrlichcr Natur ist, ist es nolhwcndig, bei derselben mit der allergrößten Vorsicht vorzugchen. Außerdem ist der Ortsrichte:׳ Farkas, dessen unheilvolle Thätigkcit sich auf die ganze Untersuchung erstreckt, nnnmchr stets hier zu halten, da dessen Ginvernehmnng in jedem Augenblicke nölhig werden kann." Präsident: Ich ersuche, Ihre Ansichten über einzelne Zeugen für sich zn behalten. — Vertheidiger GötvöS: Ich mußte dieselben zur Motivirung meines Antrages Vorbringen. — Vcrthcidigcr Friedinann schließt sich diesem Anträge an, da es absichtlich zn sein scheint, daß der Vater der Julie Vamosi zn Hanse blieb, um dort seine Rolle zu stndircn und die cvent. krcnzfragcn zn paralpsiren. Gr ersucht um schleunige Vorladuug des Joseph Vamosi und des OrtsrichlerS FarkaS. — Staatsanwalt Szepsscrt schließt sich dem Anträge auf Snspendirnng des Verhörs der Julie Vamosi, bis ihr Vater cinvcrnommen und das; derselbe abgeholt werde, an. Der Gerichtshof zieht sich zurück. Nach viertelstündiger Berathung verkündet der Präsident, daß der Gerichtshof im Sinuc des Antrages des Staatsanwalts und der Vcrtheidignng beschlossen hat. Die Vcrthcidigcr stellen hierauf den Antrag, daß Julie Vainosi gerichtsärztlich untersucht werde, da sie dentliche Spuren erlittener Mißhandlung trage. Gs müsse konstatirt werden, ob sic fegt nicht unter einem unwiderstehlichen Zwange steht, ob ihre demnächst anznhörendcn Aussagen nicht unter dem Drucke einer Vis mn,',<>r abgegeben werden. Im ganzen Saale herrscht ungeheure Aufregung. Ter Präsident scheint irritirt. Die Vertheidiger sprechen hastig und erzürnt. Der Staatsauwalt hat nichts gegen die gcrichtsärztliche Untersuchung einznwenden, doch möge dieselbe ans später verschoben werden, lieber diesen Antrag wird der Gerichtshof während der Panse beschließen. Vertheidiger Friedmann: Ortsrichtcr FarkaS ist zwar nicht im Zengcnzimmer, doch steht er an der ׳Saalthür im Korridor und horcht, lvas hier über ihn ansgcsagt wird. Der Präsident ordnet an, daß die Zeugen, die in dieser Sache zu vernehmen sein werden, im Zengcnzimmer znrnckgchaltcn werden. Nach Beendigung der Inzidenzfälle begann das Verhör der von der Privatklägerin Solymosi angcincldcten Zeugen. Ter erste derselben, Julius Hrabak, hat Gsther gekannt und ׳'ah sic Samstag vor Ostern zwischen K) bis 11 Uhr gegen Ofaln gehen. Gr erblickte sie zufällig, als sic damals aus der Thür der Mühle trat, ohne ihr besondere Aufmerksamkeit zu schenken. — Der nächste Zeuge ist der 10 jährige Josef Hajdu. Gr war nach seiner Angabe an dem betreffenden Samstage im Hrm'c des Joses Papp beschäftigt und ging von da mit einem Korbe Grdäpfel zwischen I I bis 12 Uhr fort. Zn dieser Zeit ׳ah er Gsther ans Ofaln znrnckkchren und den Weg nach Ujfalu cinichlagen. Gr traf das Mädchen gerade vor dem Hause des Ioicf Papp, blickte nach etwa 20 Schritten zurück und verfolgte das Mädchen mit den Augen bis zn dem zur Spnagoge führcndcn Wege. Sie hatte ein kleines Paket bei sich, welches sie unter dem Arme trug. Auf.des Staatsanwalts Fluge giebl er