Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-08-09
- Page
- 523 (sequence 7)
- Language
- German
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523 nne Weise in kurzer Zeit sein Kopfhaar verloren? — Zeuge; Jawohl, ein Verwandter verlor sein Haar an einer Typhuskranlhcit. — Vertheidiger Friedmann: Nun, und welche Ver« andernngcn der Physiognomie haben Sie nachher wahrgcnommen? — Zeuge: Gar keine. — Lcrtheidiger Friedmann schüttelt lächelnd den Kopf. Hierauf tritt eine halbstündige Pause ein. Nach der Pause wird Zeugin Gyanhi vorgerusen. Esther's Pater und die Mutter der Zeugin sind Geschwister. Bezüglich der Dadaer Leiche giebt sie an, dag dieselbe nicht jene Esthers gtlvcsen. Esther war ein brünettes, roihrvangiges Kind mit kleinem Kopfe, braunen Angen, schönen regelmäßigen Zähnen und lvcnig entwickelten Ltörpersormeu, während das von ihr gesehene todte Frauenzimmer blond und völlig entwickelt war und überdies blane Augen hatte. Esther sah jugendlicher aus, als ihr Alter war und hatte noch gar kerne Brüste. Zeugin hat die Brüste der Leiche nicht angesehen, sondern bildete sich ihre Meinung nur nach deren Antlitz und.Augen. Bcrthcidiger Eötvös: Sie sagen, die Augen der Leiche seien blau gewesen, das gerichtliche Protokoll, sowie das ärztliche Gutachten hingegen sagen, das; die Leiche braune Augen hatte, wie erklären Sie diesen Widerspruch? — Zeugin: Ich habe gesehen, daß die Leiche blaue Augen hatte, außerdem hatte sie am Halse eine Vernarbung. Ans Eötvös' Fragen giebt die Zeugin' ihren Verwandtschastögrad mit Esther an und deponirt, daß sic zur Leichen« Aguoszirnng durch den OrtSrichter Gabriel Farkas gerufen worden sei. Esther hatte einen kleinen Kopf, wogegen der Kopf der Leiche groß war, doch stammte dies nicht von deren Aufgcdunsenheit her. Bcrthcidiger Eötvös hält der Zeugin vor, daß der Lehrer deponirt habe, daß die Augen der Leiche geschlossen waren. Sie hingegen behaupten, daß Sie die Augen offen sahen? — Zeugin: Als ich die Leiche Vormittags besichtigte, standen deren Augen offen. Daß die Leiche blond war, konnte man au ihrer Hautfarbe und den Brauen bemerken, auch wies deren Gesicht mit Esther gar keine Aehnlichkeit, obwohl Zeugin die Leiche aus die Entfernung von einem Schritte ansah. Der Körper war ganz nackt, nicht schlammig und sah ganz frisch ans. Ans Befragen Eötvös' giebt die Zeugin zu, daß die Leiche schon einen starken Verwesungsgeruch verbreitete; die Halsvernarbuug will Zeugin bestimmt gesehen haben, trotzdem die untersuchenden Aerzte hiervon nichts bemerkieu. Ob Juden zur Aguoszirnng;»gelassen wurden, weiß die Zeugin nicht und hat bisher nur diese eine Leiche einer Ertrunkenen gesehen. Ans fernere Fragen der Verkheidigung ergänzt die Zeugin ihre Aussagen dahin, daß cs ihr nicht bekannt sei, ob die Esther am Fuße irgend ein besonderes Kennzeichen hatte; sie wisse, daß Esther zu einer Zeit in Folge eines KuhtritteS einen wehen Fuß hatte, doch wurde sie bei der Aguoszirnng zur Besichtigung des Fußes nicht aufgefordert. Sie hat Esther nie nackt gesehen und aus den Spuren der Brauen bei der Leiche geschlossen, daß das Frauenzimmer blond gewesen. Sie entsinnt sich nicht, jemals einen Menschen gesehen;» haben, dessen Haare anSfirlcn und wieder nachwuchscn, und kennt daher auch jene Veränderungen nicht, welche durch den Mangel des Haupthaares auch bei bekannten Personen herbeigeführt werden. Nach dieser Zeugin wird bezüglich der Leiche die Mutter der Esther vernommen. Sie giebt an, daß sie die Leiche sowobl in Dada als in Eszlar genau besichtigte und dieselbe nicht als jene ihrer Tochter agnosziren konnte. Das Gesicht derselben hatte gar keine Aehnlichkeit mit dem ihrer verschwundenen Tochter. Die Leiche hatte übereinander gebogene Zähne und viel stärkere Hüsten als Esther. Auch die Schenkel und Arme der Esther waren viel schwächer als jene der Leiche. Brüste hatte die Leiche sowie Esther keine, die Brustwarzen beachtete die Zeugin nicht. Die Leiche war völlig unversehrt und gar nicht ausgetrieben, die Zähne derselben waren groß, schauselsörmig, gelblich und mehrere übereinander gewachsen, wogegen die Zähne der Esther dicht und regelmäßig standen und ganz weiß waren. Der Staatsanwalt ri-chtet nun mehrere Fragen an die Zeugin, aus welche diese aussagt, daß Esther schwarze Augen hatte. Esther s Füße kannte die Zeugin sehr gut und weiß, daß deren Zehen gerade und von einander abstehend gewachsen waren, nachdem ihr Kind ncemals Schuhe trug. Sic giebt zu, daß die Leiche einen Verwesungsgeruch hatte. Verlhcidiger Eötvös richtet hieraus mehrere Fragen an die Zeugin,;vorauf sic angiebt, daß Esther während des Winters Stiesel trug, dieselben aber im Frühjahre stets ablegle. Trotz der gegenlheiligen gerichtlichen und ärztlichen Wahrnehmungen behauptet die Zeugin, daß die Leiche blaue Augen gehabt habt, und daß in Dada beide Angen offen standen; alle Akten, die das Gcgcnthcil behaupten, seien unrichtig. Verlhcidiger Eötvös fragt die Zeugin, ob cs wahr sei, daß zur Besichtigung der Leiche von der Gerichts -Kommission nur diejenigen Personen zugelassen wurden, U'clche die Zeugin oder der Orrsrichtcr Farkas brzeichneten, woraus die Zeugin entrüstet thut und spitzig bemerkt, die Kommission habe jene zugelasscn, die Esther gekannt haben; andere Leute seien nicht nothwendig gewesen. Vertheidigcr Eötvös: Es tvird behauptet, das Juden, trotzdem dieselben Esther kannten, zur Leichenschau nicht zugelassen wurden; weshalb geschah dies? — Zeugin: Ich weiß nicht, warum ich Inden hätte bezeichnen sollen. Bei der Leichenschau waren gar keine Juden zugegen; ob welche weiter rings« herum standen, habe ich nicht gesehen. — Vertheidigcr Eötvös: Haben Sie die Narbe an dein Halse der Leiche gesehen? — Zeugin: Nein. Bcrthcidiger Eötvös: Also trotz so oberflächlicher Besichtigung hatten Sie keinen Zweifel, daß die Leiche nicht jene Ihrer Tochter war? — Zeugin: Nein. — Vcrlheidiger EiKvös: Haben Sie Esther in! erwachsenen Zustande schon jemals nackt gesehen? — Nun, sie wird doch nicht nackt herumgelaufen sein? Meine Tochter war immer angeklcidet. Nach diesen Worten wendet Zeugin dem Gerichtshöfe und den Vertheidigern entrüstet den Nücken zu und begiebl sich zornig zu ihrem Sessel, setzt sich nieder und erklärt, nicht mehr antworten zu wollen. Ans die nachsichtsvolle Anssordcrnng des Präsidenten bequemtc sie sich schließlich doch zur Antwort, und Vertheidigcr Eötvös setzt seine Fragen fort. Die .Zeugin er׳ klärt, daß, als sie die ansgesundcne Leiche in Dada besichtigte, dieselbe ganz entkleidet war. Die -Kleider derselben habe man ihr nicht gezeigt, und sie habe dieselben erst dann gesehen, als man selbe viel später in ihre Wohnung brachte. Daß es die Kleider Esthcr's waren, habe sic genau erkannt. — Vertheidiger Eötvös: Wie kommt es denn, daß Sie bei Ihrer ersten Anssage stets behaupteten, die Esther habe bei ihren; Verschwinden ein gelbes Kopftuch getragen, die Huri dasselbe aussczgte und Mori; Scharf auch heute noch dabei bleibt, - während cs sich hcransstellt, daß Esther ein wcißgeblümtcs schwarzes Kopftuch an hatte und Sic selbst, als Sic nach Dada gingen, um die gefundene Leiche zu besichtigen, als Paar jenes Kopftuches, welches die Esther getragen haben soll, ebenfalls ein lvcißgc« blümtcs Tuch von schwarzer Farbe mit sich nahmen? Zeugin antwortet, daß sie sich geirrt habe, als sie von einem gelben Kopftuch sprach, und daß sowohl die Huri, wie auch Moriz Scharf im Irrlhume seien. Das schwarze Tuch hat sie ganz zufällig mitgenommen. Es werden die Kleider, in welchen die Dadaer Leiche ge« snnden wurde, in zwei versiegelten Paketen und einem versiegelten kleinen Kästchen in den Saal gebracht. Vertheidiger Eötvös: ES ist höchst eigenkbümlich, daß Sie, die Huri, Moriz