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Jeschurun · 1883-07-26 · Heft 30 (26.7.1883) · p. 479

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 30 (26.7.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-07-26
Page
479 (sequence 3)
Language
German
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479 Es folgt die Vernehmung Mori; Schars'S. Derselbe ׳ betritt den Saal nicht durch die für die Zeugen, sondern durch die dem Publikum rcscrvirte Thür. — Eötvös bittet, diesen Umstand zu konslatiren und fcstznstcllcn, wo sich der Zeuge besundcn hat. — Präsident: Er hat hier im Komilatshausc sein eigenes Zimmer, und der Gcrichtsdicner hat ihn von dort geholt. — Berthcidiger Hcumann: Was motivirt die Absonderung dieses Zeugen von den übrigen? — Präsident: *Dion; Scharf steht unter adntinistrativcr Beaufsichtigung. — Aus Befragen des Präsidenten gicbt Moriz an, dag seine Mutter die Esther gekaitnt habe, cs sei aber auch möglich, dast dies nicht der Fall gewesen sei. Esther kam öfter ins väterliche Haus, auch schon zu jener Zeit, als Esther noch bei Papp diente, von wo sic Arbeit für seinen Vater (Scharf ist Schuster, brachte. Auch seine Stiefmutter besuchte jene Familien, bei welchen Esther bcdicustet war. — Im vorigen Sommer hat Zeuge die Schule nicht bc׳ sucht, da er dieselbe mit zwölf Jahren verliest. Er giebt zu, mitunter trotzig und unfolgsam gewesen zu sein und bei eitler Gelegenheit ein Messer nach seiner Mutter geworfen zu haben; dies geschah vor zwei Jahren und sein Vater hatte ihn dafür geschlagen; ein Beil behauptet er aber nie nach seiner Mttttcr geschleudert zu haben. Am kritischen Samstag war die Esther im Hause seiner Eltern und stellte die Leuchter vom Tische auf den Kasten. Er hat das, was er durchs Schlüsselloch im Tempel «Vorgehen sah, zu Hause gleich beim Mittagscssen erzählt, seine Mutter habe ihn aber schweigen geheissen. Bei Reesly hat man ihn nicht geohrscigt, nicht geschlagen und im Stalle that ihm atich Niemand etlvaS zu leide. Mori; Scharf wird mit seiner Sliesmuttcr konsrontirt, und diese sagt ihm ins Gesicht, dast seine Aussage erlogen sei. Moriz Schars replizirt ansbrausend: ״Blau rufe den Herrn Peezelp Herrin, der wird bczeugen, dast ich die Wahrheit sprach. Sie aber haben keine Zeugen!" Angeklagter Scharf wendet sich zu seinem Sohn und sagt: ״Wer hat dich diese Aussagen gelehrt? Sage mir nur das Eine, wer dich das gelehrt, hat?" — Mori;: Niemand. Ich habe freiwillig ansgesagl! — Scharf: Pcezcly, nur Peezely hat, dich drci'sirt! Was ist die Ursache, dast du den jüdischen Glauben verlassen willst? Warum ist er dir so verhastt gcworden? — Moriz: Ich will kein Jude sein! Seitdem ich iin Komitalshausc bin, tvcist ich, dast in Ungarn die Inden verabscheut sind. Darum will ich auch nicht Jude bleiben. — Schars: Bedauerst du mich denn nicht? Bedauerst du diese armen Leute nicht, die hier aus der Anklagebank sitzen und zu Grunde gehen müssen? Rede die Wahrheit und fürchte gar nichts. — Moriz: Ich habe die Wahrheit gesprochen. — Staatsanwalt Szchssert: War der Tempel damals, als der Mord geschah, geschlossen? Moriz: Ja, ich habe an die Klinke gedrückt, doch gab die Thür nicht nach. — Auf weitere Fragen des Staatsanwalts gicbt Zeuge an, dast, als er in den Tempel treten wollte, drinnen gesprochen wurde, doch wisse Zeuge nicht, worüber. Der kleine Samuel habe die Geschichte deshalb zu erzählen angefangen, weil er sic vom Zeugen zu Hause habe erzählen gehört, und als Zeuge dies erzählte, Samu auch beim Tische gesessen sei. — Schars: Was hast du mir, als ich in Tocska in Arbeit war und du zu mir kamst, erzählt, als ich dich fragte, was Neues in Eszlar sei? Hast du mir nicht erzählt, dast man die Esther gesunden habe? — Moriz (nach langem Zögern): Ja. — Scharf: Wie konntest du mir dergleichen erzählen, da du ja selbst zugcseheu hast, dast die Esther ermordet wurde? — Mori;: Es wurde im Dorfe so gesprochen. — Vcrlheidigcr Friedmanu: Wenn du aber gesehen haltest, dast die Esther ermordet worden ist, so hättest du ja sagen sollen, das ist nicht wahr, die Esther ist schon todt. — Mori; schweigt. — Schars wendet ihm den Rücken zu, um sich auf seinen Platz zu begeben. Im Weggehen sagt er: Wenn ich den Knaben nur zehn Miuulen lang in meinen Händen hätte, würde ich es erfahren, wer ihn diese Dinge gelehrt hat. (Graste Unruhe und Gelächter im Auditorium.) Aus viele Kreuzsragen der Berthcidiger antwortet Moriz, dast er beim Kastellan Heuler den ״Függetlcnscg", ״Budapest" und ״Szabolos Mcgyci Közlöny" lauter antisemirische Blätter) liest. Die ans seine Versorgung bezügliche Ministerial ׳ Bcrordnnng tvill Zeuge im Komilats.Archiv gesehen haben, wo er sie zwischen den Reponenden fand. Als er auf die Klinke der Tempelthür drückte, fürchtete er sich nicht, da er noch nicht durchs Schlüsselloch geblickt hatte rrnd nicht wustte, was drinnen vorging. — An den Auftrag feiner Sliesmuttcr, Wasser zu holen, erinnert sich Zeuge nicht. Im Gcmciudchause bekam Zeuge kein Mittagessen. Am kritischen Samstag sei die Gabriel Batory nicht in das Haus feiner Eltern gekommen. In Nagyfall! sei Zeuge nach seiner Ankunft eine Stunde lang in der Küche gesessen. Als er an dem fraglichen Tage durchs Schlüsselloch in den Tempel blickte, sei Wollncr auch damit beschäftigt gewesen, die Esther scstzuhaltcn; ob die Schächter zum Trans- Porte der Mädchculcichc des Santsiags wegen irgend einen Ehristcn an nahmen, wisse Zeuge nicht, und cS könne ein Neligiousgcsctz bei den Juden cxistiren, das ihnen erlaubt, zu ähnlichem Zwecke ein Messer zu führen. Im Tuche Esther'S sei Farbe gewesen, dies habe er selbst gesehen, da cs schlecht ins Papier gewickelt war. Ans die Widersprüche zwischen seinen und seines Brüderchens Aussagen aufmerksam gemacht, erklärte Zeuge, sein kleiner Bruder sei ein Kind, das nicht wisse, was es rede. Ob die Synagoge mit dem Schlüssel oder mit dem Riegel gesperrt war, wisse Zeuge nicht; auch habe er, da sein rechtes Auge 'schlecht sei, die Vorgänge im Tempel fortwährend nur mit den! linken Auge beobachtet. Dem Backen der Osterbrotc habe Zeuge beigewohnt und zugcschcn, 11 nb er wisse, daß dabei auch Ehristenmädchen angestellt werden. Als der Mord geschah, waren seine Eltern mit Osterbroten schon.versehen. Aus weiteres Befragen führt Zeuge noch an, daß in Nagfaln nach seiner ersten Vernehmung Pcezely sich ins Bett, Zeuge aber angckleidct ans die Erde legte. Im Komilatshausc Halle er sich seit zehn Monaten aus und verkehre daselbst nur mit dem Sohne Hcntcr'S und dem Lehrer. Beim Rabbiuer war er während dieser Zeit nicht, und es hat den Zeugen auf des Kastellans Befehl kein Jude gesprochen. Mit dem Kastellan oder einem Panduren sei er auch ausgegangen oder ausgcfahren, und tvenn er Geld benöthigte, so bekam er tvclches vom Kastellan. Ein Jude wolle er dcsthalb nicht bleiben, da er in den schon erwähnten Zeitungen oft gelesen habe, daß in Ungarn die Inden nur geduldet werden. Bei Heuler verkehren die Frcnilde desselben und auch ״gnädige Herren", die mit dem Zeugen oft sprachen, auch über die Eszlarer Geschichte. Zn den Juden werde er auch nach dein Prozeße nicht zurückkchren, da er sich vor ihnen fürchte, tvci! dieselben ihm nach dem Leben trachten und ihn umbringcn wollen. Zeuge erklärt schließlich, dast er sich dessen, was er auSgesagt habe, ganz bestimmt entsinne. Mit der Zeugin Marie Lesko konsrontirt, sagt diese ihm ins Gesicht, dast er bei Rcesky misthandclt und bedroht-worden ist, ebenso Danek. -- Moriz Schars bestreitet die Wahrheit der Aussagen beider Zeugen und verharrt dabei, das! ihm dort Niemand irgend etwas zu leide gethan habe. — Hieraus tritt eine halbstündige Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung theilt der Präsideut mit, dast er vom Vircgcspan eine Zuschrift erhalten habe, wonach die polizeiliche Uebcrwachnng der Frau Leon Grostberg in Eszlar aufgehoben wurde. Vcrtheidiger Eötvös: Sowohl heute, wie auch bei einer früheren Gelegenheit hat Moriz Scharf hier auSgesagt, was ja

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