Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-06-28
- Page
- 410 (sequence 2)
- Language
- German
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410 am 20. Juli 1882 gestanden, die Esther, welche ihn verhöhnt hatte, an den Kopf geschlagen zu haben, so daß sie tobt zur Erde fiel, und habe die Reiche verborgen und später in die Theist geworfen. Später habe er dieses Geständnist zurückgezogen. Schwarz erwidert: Da er an leine Rettung mehr geglaubt habe, so wäre er damals aus den Gedanken gekommen, die Schuld allein aus sich zu nehmen. Er sei aber später anderen Sinnes geworden. — Angekl. Wallner: Er sei am Freitag nach Tisza-Eszlar gekommen, habe daselbst gar keine Bekannte und ׳ei bei Schars eingekchrt: eS sei doch ganz undenkbar, dast, wenn eine solche schreckliche That begangen werden sollte, man ihn, den g ä n z l i ch s r e m d c n M a n u, zum Mitwisser mache. — Angekl. BuchSbaum: Er sei aus Galizien und war in Tisza- Eszlar, um sich um die Schächterstclle zu bewerben׳, er war Sonnabend, Morgens und Nachmittags, in der Synagogc und ist Sonntag früh abgercist. Wer mich bezichtigt, ist ein schlechter, ein böser Mensch, ein Hundsfott! Ich habe solches nicht gethan! — Angell. Leopold Braun: Es ist ja unmög-!ich, dast ich ein solches Verbrechen verüben sollte: in den zehn Geboten ist es so verpönt und der Schächter, der ein heiliges Amt hat, wird gcwist nicht ein Neligionsverbot übertreten. — Staats a n w a l t: Halten Sie das Gebot der Religion wegen deS Mordes auch in Betreff von Christen für heilig? An ge kl.: Gewiß, die sind ja auch Menschen und die zehn Gebote ver-- bieten den Menschenmord. Der Präsident lästt jetzt den Hanptzeugen, den l k jährigen Mori; Schars, vorsühren und zwar weil sich das Gerücht verbreitet hatte, zwei Inden hätten diese Nacht versuchen wollen, den Knaben aus dem Komitats- Hans zu entführen oder zu ermorden. Verth. Eötvös lästt konstatiren, dast Mori; Schars seit 13 Monaten in dein Komitatshause gerichtSscitig tutcrmrt worden sei und fragt, wem die Vorladung zur Zeugenvernehmung für Mori; bchändigt sei. Ter Präsident theilt mit, dast der Vater Joseph Schars mit . dem Verbleiben des Sohnes im Komitatöhanse sich zufrieden crttärl habe und berichtet später, dast die Zustellung an Mociz selbst am 29. Mai erfolgt sei. Beim Anblick des gegen den Vater zeugenden Sohnes gerüth Joseph Schars in höchste Ansregung, welche übrigens von allen Anwesenden gethcilt wird. Irr spricht sehr leise, alS ob er eine einstudirte Lektion hersage. Er hat seine Aussagen gegen die verschiedenen Angeklagten stets aufs Neue zu wiederholen und sagt immer nur dieselben LS orte her: ״Als am 1. April 18*2 die Inden ihr Osterfest feierten".was nnermestliche Sensation hervorruft. Ter Präsident ermahnt nunmehr den Knaben, zu bedenken, was er auSsage, denn seine Anssage sei von größter Wichtigkeit. Dem Sinne des Gesetzes gemäß könne er sich der Zeugenaussage gegen seinen Vater und seine Stiefmutter enthalten, müsse aber in allen seinen Aussagen sich strenge an die Wahrheit halten: es werde und könne ihm Niemand etwas thun. Moriz Scharf wiederholt nun seine bekannte Aussage und erzählt den Mord folgendermaßen: Ich blickte durch das Schlüsselloch, und da der Schlüssel nicht steckte, sah ich, dast Esther im Hemde ans der Erde lag, während ihre Kleider üch aus dem Tische befanden. Die fremden Schächter aus Tcglas und Tarezal und der Bettler hielten das Mädchen an den Boden gedrückt, und unser gegenwärtiger Schächter, Salomon Schwarz, schnitt sie in den Hals mit einem Ti sch Messer, das etwas länger und viel breiter war, als ein gewöhnliches Tischmesier. Er that am Halse einen Schnitt, dann hoben die beiden fremden Schächter und der Bettler das Mädchen auf. Salomon Schwarz aber hielt nach einander zwei blutige Teller unter ihren Kops: darein stost das Blut, das sie später in einen großen Topf schütteten, dann kleideten sie das Mädchen wieder an. Während sie das Mädchen ankleideten, kamen aus der innern Synagoge noch vier Juden: Samuel Lustig, Abraham Braun, Lazar Weiststein und Adolph Junger, und stellten sich rings um den Körper des Mädchens. ' ’ ' Schwarz ruft dazwischen: Hast du das auch ausgeschrieben bei dir? — Präs.: Ruhe! — Verth. Eötvös: Ich bitte, Herr Präsident, dem Knaben mitznthcilen, dast er von hier aus nicht mehr in die Obhut der Komitats-Beamteu gestellt wird, sondern non hier ans frei Weggehen könne, und man möge ihn fragen, ob er seine Anssage nicht auch in Versen hrrsagen könnte. -Unruhe im Publikntu, Murren.- — Präs.: Ich bitte um Ruhe, wenn ich nicht strenge Maßregeln ergreifen soll. Du, Scharf, bist von hier aus nach deiner Aussage ganz frei. Der UntersnchungSrichter hat dich beim ersten Verhöre gefragt, ob du von der verschwundenen Esther etwas weißt. Du hast gesagt, du weißt nichts von ihr. Hat dir Jemand gedroht oder dir gesagt, dast du anders anssagen sollst? — Mori;: Sic haben mir gesagt, ich solle nur die Wahrheit sagen, sonst komme ich lebenslang in den Kerker. — Präs.: Du weißt auch, wie groß die Strafe Gottes für denjenigen ist, der lügt. Moriz: Jawohl, ich sage nur die Wahrheit. Präs.: Man sagt auch, dast das, was du hier ansgesagt, dir einstudirt wurde. — Moriz: Mich hat Niemand einstudirt. — Präs.: Weißt du, wie groß das Verbrechen ist, dessen du die Männer anklagst: weißt du, was Mord ist? — Moriz: Ich sage nur die Wahrheit. Verth. Eötvös: Das bitte ich ihm zu sagen, daß er von da nicht mehr zu seinem Aufseher Heuter zurückzugcheu braucht, dast er frei wohin immer gehen kann, und dast er nichts mehr einzulernen braucht. (Unruhe im Publikum, Präsident ermahnt zur Ruhe.) — Moriz: Ich bin ja auch jetzt frei. Präsident lästt Salomon Schwarz vortrcten und fragt ihn: Haben Sie gehört, was der Zeuge sagte? — Schwarz: Ich habe kein Wort verstanden. — Präsident fordert Moriz aus, dem Angeklagten ins Gesicht zu sagen, waS er gegen ihn wisse. — Moriz wendet sich halb gegen Schwarz und wiederholt wörtlich seine Aussage. — Schivar;: Wie kannst du so etwas von mir behaupten? — Präsident untersagt dem Augeklagten, den Zeugen zu beleidigen. — Verth. Fnntak ersucht den Präsidenten, doch nicht so strenge zu sein: das sei keine Belcidigung, und die Angeklagten müssen sich doch vertheidigen können. Präs.: Sagen Sie, Schwarz, wie wollen Sie beweisen, dast der Knabe lügt? — Schwarz: Durch das mosaische Gesetz (Gelächter!, durch die Ucberzengnng dessen, dast eS völlig unmöglich ist, eine solche That zu begehen. Es folgt sodann die Konfrontirung des Knaben mit dem Bettler Wollner. Der Knabe wiederholt ihm gegenüber seine Aussage. Wollner erklärt sich nichtschnloig und macht den Mori; aufmerksam, dast er ihn ja gar nicht kenne. Sodann tritt Bnxbanm vor den Knaben. Als derselbe auch ihm gegenüber die Anklage wiederholen will, schreit Buxbanm in deutscher Sprache: ״Soll er mir sagen aus Deutsch, der Hundsfott: das hat er Ungarisch eingelcrnt, der Lügner!" Mori; erklärt, dast er nur Ungarisch sprechen wolle und die Wahrheit sage. Buxbäum tust hieraus Pfui! und speit ihm ins Gesicht. Auch Scharf ^Vater) ruft, sein Sohn solle Deutsch sprechen. Verth. Friedmann wünscht gleichfalls, der Knabe möge doch Deutsch sprechen, denn er versiehe es ja, und die Angeklagten wollen, dast er in jener Sprache deponire, von der sie glauben, dast ihm in derselben die Anssage nicht einstudirt wurde. Braun tvird jetzt mit dem Knaben konfrontirt. Braun stellt sich mit gefreit;ten Armen unmittelbar vor den Knaben und sagt ihm: ״Erzähle mir nun, tvie war es denn?" REt seitwärts geneigtem Haupte hört nun Braun zu und fragt dann: ״Ich war auch dort?" Moriz Scharf: Ja, Sie waren anwesend. — Brätln: Das Wort ״anwesend" (jeleit) hast du vor einem Jahre ungarisch nicht zu sagen gewußt: ich möchte gern wisien, ob du es auch jetzt schon verstehst. Warum erzählst