Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1883)
- Article
- Acher und seine Epigonen
- Date
- 1883-06-14
- Page
- 371 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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371 einer Schlange gebissen worden und gestorben. Acher habe hierauf an der Göttlichkeit der Thora gczweifelt, welche doch dcni betreffenden Gesetze hinzufügt: ״Darum wird cs dir gut ergehen, und dn wirst lange leben." Er habe nämlich die Erklärung Rabbi Akiba's zu dieser Verheißung nicht gelaunt, welche dahin geht, daß unter dem ״Gut-crgehen" die ewige Glückseligkeit und unter dem ״Laltge-lebcn" das jenseitige Leben zu verstehen sei. ES wird ferner berichtet, Acher sei durch den Anblick des verstümmelten Leichnams eines Rabbi, dessen Zunge cinent -vunde;mit Fräße gedient, zum Zweifel veranlaßt worden. Er habe damals gesprochen: demnach Hiebt es keinen Lohn für den Tugendhaften und keine Ättscrstehiing Bdi: Gestorbenen. Er selbst aber findet die Ursache schon in seiner frühesten Kindheit und spricht sich hierüber Rabbi Müir gegenüber folgendermaßen aus: Rabbi Müir befand sich an einem Sabbath im Lehrhanse in Tibcrias, als seine Schüler ihn darauf ansuterksaNt nlachten, daß sein ehemaliger Lehrer Acher ZN Pferde auf der Straße sei- Rabbi Meir ging Zn ihm hinaus, und Acher richtete an ihn die Frage, welchen Gegenstand er int Lehr Hanse behandelt habe. Rabbi Müir erwiderte nttter Andereut, daß er den Latz in Koheleth סוב אחרית דבר מראשיתו besprochen habe. ״Und wie hast du denselben erklärt?" fragte Acher. ״Es gicbt Manche," entgegucie Rabbi Mvir, ״welche das in der Jugend Gelernte vergessen, — im Alter aber wieder zu demselben zurückkehren, deren Leben ist demnach am Ende besser, als am Anfang." Acher aber erwiderte: ״Nicht also hat dein Lehrer Akiba diesen Satz erläutert, vielmehr har er ihn dahin erklärt: Nur das Ende Desjenigen ist gut, welches von seinem Ursprünge an gut gewesen. Und so ist cs auch in der That. Mein Vater Abuja zählte zu den Angesehensten seiner Zeit und lud an meinem Beschneidungstage alle bedeutenden Männer Jerusalems ein. Auch Rabbi Eliescr und Rabbi Josna befanden sich unter den Güsten. Als die Gesellschaft, durch Speise und Trank in fröhliche Stimmung versetzt, Lieder anstiimnte und Gedichte vortrug, sprach Rabbi Eliescr zu 'Rabbi Josua: da Jene sich auf ihre Weise unterhalten, sollten wir uns nicht nach der unsrigcn beschäftigen? Und sie begannen über die Thora zu sprechen, über die Propheten und die heiligen Schriften. Ihre Reden entzückten das -Vcrz, und das Feuer ihrer Begeisterung theiltc sich ihrer Umgebung mit. Darauf sprach mein Vater: Da die der Lehre inncwoh ende Kraft so mächtig ist, so will ich diesen Sohn, falls er mir erhalten bleibt, dem Gesetzesstudium widmen. Da aber demnach meines Vaters Absicht bei dieser meiner Bestimmung für das Studium nicht die reine, lediglich der Sache selbst geltende war, so hat sich an mir die Kenntniß des Gesetzes nicht bewährt." Wenn wir die vorhin aus fremdem Munde angeführten Erklärungen der Apostasie Achcrö mit dessen eigenem Geständnisse vergleichen, so stellt sich die völlige Ucbcreiustimmung der fremden Beobachtung mit der eigenen Wahrnehmung heraus. Das fremde Auge vermag lediglich die in die äußere Erscheinung tretende -Lnndlung zu erblicken, die Gesinnung aber ist nur dem eigenen Bewußtsein offenbar. Während die Fernstehenden nur Elischa's Geist mtb Kenntnisse kannten und deshalb glaubten, daß er erst durch änßcrc Veranlassung znln Zweifel an einer gerechten Waltuug,. welche das Gute lohnt, und somit auch an der von ihm erhofften Vergeltung1 für sein Wissen und Schaffen auf dem Gebiete der Lehre geführt worden sei, — legt dieser selbstdas unnntwundene Geständuiß ab, daß er über- Haupt niemals nach Weisheit und Wahrheit um ihrer selbst nullen gestrebt, sondern von Anfang an mir gelernt und geforscht habe, um Ansehen, Ruhm und Ancrkennung unter den Menschen zu finden. Acher hatte nie לשם לשמים gelernt, und auch sein Vater hatte ihn unr mit äußerer Güter willen zum Gesetzesstudium bestimmt. Er war schon längst vom Judenthnme abgefallcn, bevor er diesen Abfall äußerlich bethätigte. Rabbi Müir hatte cs versucht, ihn zur Umkehr zu bewegen. Er war der Meinung, daß Acher in seiner Jugend wirklich rein und gut gewesen, und nur eine Verirrung ihn zum Abfall geleitet Hütte. ״Kehre zu deiner ersten Jugend zurück, ztt der Thora, die du ehedem gelernt und gelehrt hast; du hast dich ihr jetzt entfremdet, hast ihrer nicht mehr gedacht, das Alter wird auch bei dir die Leidenschaft bezwungen haben, du wirst deines Jrrthums iune geworden sein. Nähere dich der Lehre wieder, welche dich in deiner frühen reinen Jugendzeit erfreut und begeistert hat, so wird sie am Ende deines Lebens die bcseeligende Kraft ihrer Wahrheit an dir bewähren, die sie in deinem Mannesalter nicht auszuübcn vermochte." Acher aber, kannte sich besser. ״Du irrst dich. Ich bin nie rein und gut gewesen, seitdem ich zur Thora geführt worden. Die Gesinnung meines Vaters war nicht die rechte. Er wollte mich gelehrt und weise sehen, um mit meiner Gelehrsamkeit und Weisheit zu glänzen und zu prunken. Und in dieser unhciligen Gesinnung wuchs ich im Lehrhause auf als Schüler; in dieser unlautern Gesinnung forschte ich als Meister. Aber, ״nur das ist gut, was von seinem Ursprünge an gut gewesen," mein Streben war niemals gut, mein Studium war immer unheilig. Zu der Reinheit der Jugendzeit, zu der Begeisterung eines reinen jugendliehen Gcmüths vermag ich nicht zurückzukehren, weil ich