Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1883)
- Article
- Acher und seine Epigonen
- Date
- 1883-06-14
- Page
- 372 (sequence 4)
- Language
- German
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372 solche nie empfunden habe. Meine Gesinnung ist schon in dem frühesten. Knabenalter durch die Sucht nach Ehre und Ansehen, den einzigen Zielen meines LerncnS, vergiftet worden." So Elischa den Abnja, der Acher vor siebzehn Jahrhunderten. Und unsere ..Acher'?" WaS ist eS denn, das sie zu. Verächtern des (Gesetzes, zu Verführern ihres Volles gemacht'? Ist cS etwas Anderes, als die Geschichte des alten Acher, welche sich in unseren Tagen mannigfaltig wiederholt? Haben sie in reiner Gesinnung die Thora gelernt, haben sic in lauterem Geiste geforscht? Galt cs bei ihnen, durch das Studium der Bücher des Gesetzes, dcS heiligen Schatzes der Menschheit, intmcr tiefer einzndringen in die Lehre Gottes, um die Erkenntnis Gottes und Seines Gesetzes unter ihrem Volke zu verbreiten? War ihnen Gott in Wahrheit der allliebende Vater der Menschheit, welcher Seinen Kindern Seinen heiligen Willen geosfenbart hat; und war ihnen die Thora, diese Offenbarung Gottes, göttliches, unvcrbrüchlicheS Gesetz, einzige, ewige Wahrheit?? Da waren Einige, welche Acher gleich, nur um des NnhmeS m!d Ansehens willen ״lernten." Ihr Herz aber blieb kalt und leer. Und sic schauten über die Kreise ihres Volkes hinaus 1111b gewahrten, daß man auch auf andere, leichtere Weise zu Ruhm und Ansehen gelangen könnte. Aber sie hatten den größten Theil ihres bisherigen Lebens dem jüdischen Gesetzesstndium geopfert, und einen neuen Weg auf der Lebensbahn zu wandeln, schien ihnen zu lange und zu ungewiß. Darum haßten sie das Jndenthnm und beklagten die Tage ihrer Jugend. ״Wehe, wehe! Wie seid ihr mir entflohen, in nichtigem Tande, meine Kinderjahre!" also ertönt die Klage ans den Selbstbekenntnissen eines solchen Acher. Hub sic versuchten das ZerstörnngSwerk am eigenen Volke, dessen Führer und Lehrer sie geworden waren. Sie, welche die Bibel ״ein Eonvolut von so vielen verschiedenen Verfassern" und ״von Leuten geschrieben, die selbst ihre Ansichten nicht klar :m£ deutlich genug durchdacht hatten," nannten, sic wurden Rabbiner, und;war deshalb, weil ihnen jeder andere ״ErwerbSziveig" fast unzugänglich, oder nicht so einträglich erschien. Das Judenthum aber, welches ihnen verhaßt und unbequem war, sollte von ihnen ״resorntirt" werden, aus daß sic nach der Willkür ihres Herzens nnbeengt von den Fesseln des Gesetzes leben konnten und dennoch als ״jüdische Theologen und Geistliche" zu amtiren vermöchten. Ein neues Judcnthnm sollte an die Stelle des alten treten. Freilich waren nicht alle in der Lage, so offen und frei ihr Bekenntnis; abznlegcn, wie ein hervorragender ,,Theologe" der Reform, denn nicht Alle befanden sich einer so ״aufgeklärten, fortgeschrittenen Gemeinde" gegenüber, wie dieser, welcher z. B. geradezu erklärte: Die Spciscverbote, LeviticnS ״abrogircn wir," d. h. wir erklären ihre religiöse Verbindlichkeit für die gegenwärtige Jndcnhcit als erloschen. .,Fragt man: mit welchem Recht? so antworten wir, weil wir an ihre Verbindlichkeit nicht glauben. Dieses haben die Rabbiner der Gegenwart zu erkennen und öffentlich anznerkennen, und namentlich hat die Nabbinervcrsammlung, welche die Erhaltung und Fortbildung der Religion und die Erweckung eines religiösen Sinnes in Israel sich;111׳ würdigen Aufgabe gestellt, die religiöse Verbindlichkeit der Spcisegesctzc als erloschen zu erklären." Allerdings haben sich klar und ungeschminkt nicht alle amtirenden Rabbiner, welche dem Judcnthnm entsagt, anssprechen können. Aber wie viele wandten sich und wenden sich dem .,theologischen Fache" zu, lediglich um eine geachtete, auskömmliche Lebensversorgung zu erlangen! Ist denn der Unterschied so groß zwischen Jenen und Denen, welche Bibel und Talmud mit ״wissenschastlich kritischem Blicke י' zu lesen und zu intcrpretircn beginnen und hierin die Vorbereitung für ihren ״Rabbinerberuf" erblicken? Auch ihre חכמה gründet sich nicht ans יראה, auch sie sind מרןצץ כ;מי'<ות. Sie leugnen die Göttlichkeit der ־-־ תורה sei es, daß sie eS für klug halten, die Leugnung der Göttlichkeit der תורה שבכתב nicht geradezu anSzusprechen — sie zweifeln an dem Faktum der Ofsenbarnng, die Prophetie sinkt ihnen zu einer ״göttlichen Begeisterung" herab, und das Prophetenwort ist ihnen GotteSwort mit Nichten. Sic legen die Axt an die Grnndveste des JudenthnmS und vernichten den ורזייים ' I den Baum dcS Lebens, den Gott aus Erden gepflanzt wissen will durch die nnverbrüchlichc Befolgung der Gesetze, der תורת הייכ, im Kreise der Enkel, deren Ahnen am Sinai GotteS Wort vernommen. ל המוכר כתו רבי מאיר אומר כל לשכה זונה לרנריש הרנה. Rabbi Mi'nr, der Schüler Elischa bcn Abnja'S, hat cS ausgesprochen: nur wer in reiner, selbstloser Gesinnung sich dem GcsctzcSstndinm widmet, nur wer לשמה lernt, ״lernt, um zu lernen," nur der gelangt zu ״Vielem," d. h. nach der Erklärung des MaimonidcS,! להיות צרי^ והכיר, wahrhaft gerecht und tngendhast J zu werden und so sich dem Ideale immer mehr zu nähern, welches in dem GotteSgcsetze Israel und der Menschheit geosfenbart ist.