Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1883)
- Article
- Der "zählende" Semite
- Date
- 1883-05-24
- Page
- 322 (sequence 2)
- Language
- German
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Sorflc und die bange Ungewißheit drückte, ob cs ihnen vergönnt sein werde, die Sesira zn Ende zn zählen, ob sic sich nicht würden glücklich schätzen müssen, wenn es ihnen auch nur gelänge, flüchtig mit Weib und ftinb nichts als das nackte Leben ans den Verfolgungen der ihnen gegenüber zn Raublhicren gewordenen Bekenner der Religion der vicbc zu retten. Und ich hatte meine Kinder daran erinnert, auf wie viel jüdisches Elend und auf wie viel jüdische Scelengröße die Berge hinter uns schon niedergeschaut hätten, sic darauf hinweisend, wie so unendlich leicht im Vergleiche zu dcn.Prüfungcn der Vergangenheit in den freundlicher gewordenen Zeiten der Gegenwart cs sei, ganz und voll die jüdische Gesetzestreue zu bewähren, wie dankbar wir zu sein hätten, die wir in solcher Stimmung ״anmern" könnten und wie so unsäglich beschämend die Bethörlheit u:1b die Verblendung der Nachkommen jener Heldeugeschlechter sei, die in Leichtsinn und schwäche den Schatz mit Zügen treten und jene Güter freiwillig preisgeben, die ihre Ahnen unter Hinopfcrung alles irdischen Glückes, mit Preisgebung ihres Lebens und ihrer Ehre, unter Erduldung von Mißhandlungen, schwerer als tausendfältiger Tod, ihren Kindern zu erhalten die Heldeukraft und den Heldennuitl) besaßen — da ertönte ein tanger gellender Pfiff und an der Spitze des heraudounernden Zugs leuchteten die Gluthaugcn der Lokomotive durch die Nacht. In wildem Gedränge stürzte sich Allles auf die geöffneten EoupNs. Es war der letzte Zug nnd einen Platz mußte Jeder bekommen: da war es unvermeidlich, daß die Gesellschaften auseinander gerissen wurden — und so gerieth in das Coupe, das ich mit den Meinigen fast ganz füllte, eine junge Dame aus der Gruppe, die neben uns auf den Zug gewartet hatte. Tie schien mich zn kennen und sich zu freuen, wenigstens nicht zu ganz Ungekannlen versprengt zu sein. Indem Köpfchen stiegen gleichwohl unverkennbar einige stumme vorwurfsvolle Fragen an das Schicksal im Allgemeinen und an die Eiseubahnvorsehung im Besoudern auf. ״Execllcnz Maybach, was hast du da angerichtet! Warum hast du gerade heute und gerade hier nicht für ausreichendes Fahrmaterial gesorgt? Ta bin ich nun mitten in die schtvärzesle Orthodoxie hincingerathen, und;tvischen diesen braven Leuten und mir giebt cs doch partout keine Berührungspunkte!" Kurz entschlossen hatte sie sich schon in die Ecke gedrückt, den leichten Ucbcrwnrf dichter an sich gezogen und Alles gethan, womit ein vernünftiger Mensch sich zu einem hartnäckigen audcrthalbstündigen Winterschlaf rüstet, als ihr ein glücklicher Gedanke zu kommen schien. Sie wurde plötzlich!nieder wach und ließ ein Gespräch an sich heran kommen. Ihrem scharfen Ohr war nämlich unsere ״Zählung" nicht entgangen und 7ls junge Dame von guter Erziehung, die wohl weiß, daß man mit Jedem nur sprechen muß von dein, was er versteht und was ihn itttercjsirt, glaubte sic, nach dem die überfüllten Züge, das Wetter u s. w. glücklich absolvirt waren, dem ״Stockorthodoxen" gegenüber, wie Freund Grätz, der geschmackvolle Erfinder des ״Ketzer riechenden Klausners," sich ausdrücken würde, die Frage schon riskiren zu dürfen: ״Das war wohl eine rituelle Ucbuug, als Sic vorhin Ihren Kindern einen hebräischen Spruch vorsagten?" Die einfache Bejahung genügte ihrer Nenaierde jedoch nicht. Sie erkundigte sich, ob alle frommen Leute das immer so thätcn, wenn sic auf einen Zug warteten; einer der Ihrigen habe geglaubt, das geschehe nur, wenn es Extrazügc seien nnd zwar weil in der letzten Zeit so mannigfache furchtbare Unglücksfällc mit solchen vorgekommen; und ihre Tante habe sich auch schon wirklich gefreut, daß so religiöse Leute mit im Zuge säßen, dadurch wären doch auch sic vor Entgleisungen und Zusammenstößen geschützt. Sie selbst freilich könne sich nicht denken, daß ein solcher hebräischer Spruch und die Gegenwart so frommer Leute eine solche magische Wirkung auszuüben vermöchten. ״So schmeichelhaft auch dieser Glaube ihrer Frau Tante ist, so!naß ich doch das Kompliment ablchnen," entgeguete ich, ״und Sie haben ganz recht, wenn Sie nicht an die Wirkung dieser orthodoxen Patentbrcmsc glauben. Unser Spruch bezog sich auch gar nicht auf Hugstetten und Extrazüge; überhaupt gar nicht auf Eiscubahnglück und Unglück. Freilich ist er eine religiöse Uebung, aber ein Lcgensprnch, der sich auf ein — Zählen bezieht. Sie staunen? Sie werden noch mehr staunen, wenn Sie vernehmen, daß wir Gott darin danken, der uns heiligen wollte, indem er uns — zä hlen lehrte und zu zählen gebot. Ja, ja — es in lautere Wahrheit: das jüdische Kind lernt das Zählen als religiöse Uebung vollbringen. — O, warum bis! du nicht bei uns, heiliger Stöcker, warum umschwebt uns nicht dein unsterblicher Geist! Wie würdest du diese Stunde segnen, in der du dein tiefes Wissen vom Judenthum um die unschätzbare Erkenntniß bereichertest: das semitische Kind, das Talinndjudeukind wird schon früh gewöhnt, seinem Schöpfer zu danken, daß Er ihm zu zählen geboten. — Welch himmlische Perspektive! Jetzt weiß man endlich, woher cs kommt, daß der Jude so trefflich zu rechnen und die nichtjüdische Menschheit auszubeuten versteht. Es gehört ja mit zn seinen religiösen Obliegen- Heiken! -י- Denn mehr als die Thatsache des Zählens würde der Edle gar nicht hören wollen. Denn freilich nimmt dieses ״Zählen" des Semitenkiudes einen etwas anderen Charakter an, wenn Sie erfahren, was der jüdische Mensch zählt nnd woraus der jüdische Mensch zählt. Wir zählen die Tage vom Feste unserer National-