Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 16-17 (19.4.1883)
- Article
- Die jüdische Frühlingsmahnung
- Date
- 1883-04-19
- Page
- 242 (sequence 2)
- Language
- German
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242 über enttäuschte Hoffnungen und unersüllte Wunsche, burdi Thränen und Blut, durch Seufzer und 5!lagen zur ewigen Vernichtung hin'? Waltet Gottes Allmacht mir im Kreise der Natur, offenbart sich seine Kraft und Größe nur in dem neu hervorsprießen den Halm und dem seine Hülle zerreißenden ausschwirrenden Insekt, aber in der Menschengeschichte schaltet der Staubgeborenen Einer, und des Stärkeren und Mächtigeren Wille hält den Schwächern gefesselt, und in schrankenloser Willkür schwingt der Gewaltigere Szepter, Peitsche und Schwert über den Ohnmächtigen'?'? .שסוד את הדש האביב ועשית פסח לה׳ אלקיך ״Wahre den Halmmonat und vollziehe das Peßach Gott, deinen! Gotte", also lautet die Antwort auf diese Frage der Gott vermissenden, Gott nicht erkennenden Verzweiflung. Dieselbe Gotteswaltung. welche wir in der Natur wahrnehmeu, lenkt auch die Geschicke der Menschheit; dieselbe Allgüte, welche unter dem Leichentuche des Winters das Körnlein behütet utib schützt und ihm die Kraft bewahrt, daß cs zur Lenzeszcit aufsprieße unb sich zum fruchttragenden Halm wiederum entwickele, beschirmt auch im Menschenkreise jeden Lebensfunken und wecket zum Leben und rufet;ur Auferstehung und Freiheit. Inmitten des mächtigsten Staates befand sich eine schwache ohnmächtige Familie, zwar zahlreich au Seelen, aber elend und gedrückt, geistesgebeugt, kraft׳ und muthlos, unterliegend unter der schweren Bürde des Daseins. - Sie war ohne Recht und Vertveter; aus fremdem Lande eingewandcrt, hatte man ihnen jeden Anspruch auf gleichberechtigten Genuß des Lebens versagt und sic au die Sklavenkette geschmiedet. Die Peitsche des Vogts zwang sie in das Joch übermenschlicher Lasten, und in grausamer Lust ersann Tyrannei immer neue Qualen für die Unglücklichen, man riß den Säugling von der Mutterbrust und ertränkte ihn in den Flnthen des Nil. Scchsmalhunderttausend Männer erduldeten dieses und regten sich nicht und wagtet! nicht, sich gegen ihre Peiniger zu erheben und zerbrachen nicht die Fessel der Gewalt. Kein Auge wendete sich mitleidig ihnen zu, Niemand trat für sie ein, Niemand hatte Mitleid mit ihrem Jammer, mit ihrer Noth. Alles hatte man diesen Elenden genommen: Liecht, Freiheit, Ehre, Besitz und Familie und sie als einen Auswurf der Menschen gedrückt und gequält, gehöhnt und gepeinigt. — Israel wand sich verendend unter dem Fußtritt der rohen, übermächtigen Gewalt. Da drang der Angstschrei zu Gott und Er trat ein für seine Kinder, die mißhandelte Sklavenhorde, richtend, rettend und erlösend. Er zerbrach das Joch der Geknechteten und richtete sic vom Boden auf; seine starke Hand traf den Tyrannen, sein gewaltiger Arm streckte den Gewaltthätigen nieder, seiner überwältigenden Hoheit beugte sich endlich der!nachtstolzc Herrscher. Da ward es offenbar und kundig für alle Zeiten, daß Gott die Gesetze der Natur in seiner Hand hat, wie Er in! Kreise der Menschen gegenwärtig ist, wie Er, der einzige Herr und Meister, nah ist dem Acrmsten zue Rettung, dem Gewaltigen zur Strafe — Keiner ist ihm zu niedrig, Alle sind seine Geschöpfe, seine Kinder בני בברי ישראל; Keiner zu hoch und mächtig, Er stürzt den Stolzen und erhebt den Niedrigem Nicht blinder Zufall schaltet in der Natur, Gott hat ihr die Gesetze bestiuunl; sein Wille hebt den gewöhulichcn Kreislauf auf und macht die vielgepriesene Weisheit der Weisen zu Schanden. ׳Nicht die vermeintliche Gewalt der Sterblichen regiert die Menschenwelt und gestaltet deren Geschick — der mächtigste Sterbliche ist nur ein zcrbrechlicheö Rohr in der Hand Gottes; wenn das Maß der Gewaltthat voll ist, dann schmettert Gott den Frevler nieder und führet den Sklaven zur Freiheit. Darum ״wahre den Halmmouat," die Zeit des Erwachens in der Natur, und erkenne und wisse cs, daß auch in der Menschen Kreise nach des Winters Erstarrung es Frühling wird, und Er das scheinbar erstorbene Gebein zu neuem Leben ruft. Gott war es, der zur LenzeSzeit auch Israels Frühling anbrechen ließ und dem mit dem Tode Ringenden Erlösung brachte. Mit dem Frühling draußen ward es auch bei uns Frühling, und soll stets Frühling bleiben; mit jedem jungen Lenz feiern wir unfern Lenz, das Fest unserer Freiheit, ״ זבלן הרותנוund vollziehen das Peßach". In dem Peßachopfer begreift sich Israel und jeder Einzelne in Israel als ״ ,עם מרעיתו וצא, ירוdas Volk der Gottesweide und die Heerde seiner Hand," von Gott geleitet und gelenkt, Seiner Waltnng sein Geschick auheimstelleud, Ihm vertrauend und folgend und weiht alle seine Kräfte, sein ganzes Wesen Ihm, dem Hirten seines Lebens. Diese weihende Hingebung an Gott mit Allein, was wir sind und haben, ist die Bedingung der Erlösung gewesen, nnd ist die Bedingung für die Erhaltung der schützenden Wallung, der stets erneuten Verjüngung zum freien Leben. בשני דמים ניצולו ישראל ממצרים בדם פסה ובדם מילה heißt es Scheu!oth Rabba 17. Dem Peßach mußte Milah vorangegangen sein. Nur wer in der Milah sein ganzes Wesen Gott weihend unterordnet, nur der kann sich als ein zur GotteShecrde gehöriges Glied betrachten nnd sein Geschick Gottes Führung unterstellen. Wie alle Wesen außerhalb des Menschcnkreises Gottes Willen unterthan sind und seiner Leitung folgen, also soll der Mensch in freier sittlicher Entschließung sich Gott hingeben und darf dann getrost auf Gottes Schirm und Schutz bauen. In diesem Hinopfern an Gott gelangt er zur wahren, ewigen Freiheit; leine