Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-03-22 · Heft 12 (22.3.1883) · p. 178

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 12 (22.3.1883)
Article
Judenthum und Bibel auf der Anklagebank im Hause der Abgeordneten
Date
1883-03-22
Page
178 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933009-2952294--12186-2952334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I 178 es and) dem Indent hum. Vorgefaßte Urtheile, die! dein Aufbau irgend cinco politischen, wissenschaftlichen, j theologischen oder religionsphilosophischen Systems j bequem liegen, werden festgehalten, gehen von Mund zu Di'uut) und werden von Geschlecht zn (Geschlecht weiter! überliefert, obgleich das Gcgentheil unwidersprechlich klar zn Tage liegt. Ta» ist erst wieder in der aller׳- jüngsten (Gegenwart in traurigster Weise zn Tage getreten. Ta zeigte es sich, wie selbst ein hervorragender Vertreter der Wissenschaft, und zwar derjenigen Wissenschaft, die in unserer Zeit nach Methode und Forschung fast dos ausschließliche Recht auf diesen Rainen in Anspruch nimmt, sobald das Indenthnm in das Gesichtsseld seiner Betrachtung tritt, von einer geradezu unglaublichen Verblendung beherrscht und von den trassesleu Bornrtheilen erfüllt sein kann. Tenn wie soll inan es anders bezeichnen, wenn ein mit Recht so gefeierter Berlreler der Naturwissenschaft. jener Wissenschast, die sich mir Stolz die exakte nennt, weil sie behanptet, Nichts als wissenschaftlich erwiesen auznnchmen, was nicht empirisch, durch genau sestgestellte Thatsachen nachgewiesen sei, sich in solcher Weise über die Bibel ergeht, in solcher Weise die einfältigsten Anschauungen anfgreift, sie als jüdisch etignettirt, unt sie in der parlamentarischen Feldschlacht seinem Gegner an den -iopf zn schlendern, in solcher Weise also dem Indenthum Anschauungen andiehlet, die diesent völlig fremd sind und die entgegengesetzten Anschauungen abspricht, von deren Vorhandensein ein Blick in die Bibel ihn überzeugen müßte? Um einen Schädel oder den. archäologisehen Befund eines Höhlengrabes richtig zu beslimnien, dazu wirdder ganze Ernst und die volle Gewissenhaftigkeil eines Mannes der Forschung ansgebotcn; aber wo es sich um das vermeintliche coi'pus vilc der Bibel 1111b des Indenlhums handelt, -da nimmt selbst ein Mann, der sonst wie Wenige Genialität mit kritischer Borsicht, Weite mit Schärfe des Blickes verbindet, keinen Ausland, das alte Tendenzmärchen kritiklos nachzuspreeben, welches dem Indenthnm die Ungeheuerlichkeit andichtet, es habe eine jo ״naive" — wie er sich früher euphemistisch ansdrückte — es habe eine so einfältige Natnranschannng, daß dabei von ׳Naturgesetzen und von nach natürlicher Ordnung sich vollziehenden Ratnrcrscheinnngen gar keine Rede ׳sein könne. Es sei ein Fort schritt von der biblischen, resp. jüdischen Anschauung und stehe im Gegensätze zn derselben, wenn man zu der Erkennlniß gekommen sei, daß ״nicht Alles, was in dieser Welt vor sich gehe, ein einzelner Akt göttlicher Einwirkung sein müsse"; iveun man nicht ,,Blitz und Tonner und Erdbeben und wer weiß was Alles jedesmal von spezieller göttlicher Einwirkung herlcitet," wenn man ״überhaupt in der modernen Natnranschannng ans die Feststellung gesetzmäßiger Borg äuge" komme, da man eben finde, daß das ewige Gesetz, soweit wir überhaupt nachrechnen können, zn allen Zeiten dasselbe war und immer gleich wirkte. (Verhandlungen des Hauses der Abgeordneten 35. Sitzung am 26. Februar 1883. S. 821—24). Es ist das eben so wahr und eben so harmlos, wie die appetitliche Verwendung von Ehristenblnt zu unseren ״Oslerknchen." Dieser Affront gilt der sittlichen, jener der logischen Reinheit des Indenthnms, nur daß cs den einen von der Hefe, den anderen von der geistigen Elite zu erdulden hat. Also der jüdischen Natnransehauung wäre die Erkeuntniß von Naturgesetzen etwas Fremdes, ja Gegensätzliches? Ein Blick in die Bibel lehrt das vollendete Gcgentheil. Gerade sie öffnet dem Menschen die Angen zur Erkenntniß der Gesetzmäßigkeit in der Natur. Sic führt den denkenden Menschen umher im Kreise der Schöpfung, zeigt ihm die Wesen vom Kleinsten bis zum Größten, zeigt ihm allen Wechsel und Kreislauf in den LcbenSerschcinuugcn und lehrt ihn, wie da nirgends Willlühr und blinder Zufall, überall aber (besetz und ewige Ordnung walte, wie allem Sinnlichen, dem Wechselnden und Wandelnden, das ״ewige" Gesetz, der ״nimmer wandelnde" Gottesgedanke zu Grunde liege. ״Wie groß sind Deine Werke, o Gott, tief liegen ihnen Teine Gedanken zu Grunde — nur der thiergleiche Mensch hat keine Erkenntniß davon und der Thörichtc dringt nick)t darin ein. (Ps. 92)." Tie nur höchst uneigentlich sogenannte biblische Schöpfungsgeschichte will überhaupt nicht berichten, wie etwas geschaffen, sondern daß Alles geschaffen worden, daß Allem Geschaffenen ein GottesauSspruch, somit ein Gottcsgedanke zu Grunde liege. Sic zeigt ihm wie dem ganzen organischen Leben in der Pfl ׳.uzen, und Thierwelt, in welchem jeder organische Keim, sich selbst überlassen, ausschließlich seiner Gattung gehört, (1. B. M. 1, 11. 21. 11. '24.) das Gesetz, welches der Schöpfer im Augenblicke der Schöpfung ausgesprochen, zn Grunde liegt und sie blickt nach der Lehre unserer Weisen auf dieses Gesetz zurück, wenn sic in dem 3. B. M. 19,19 für den jüdischcn Menschen dasPflichtgcbot ausspricht: ״Meine Gesetze (die ich bei der Schöpfung ausgesprochen) hütet: du darfst dein Thier nicht in Gatinngsmischuug züchten, dein Feld nicht in Gattnngsmischnng säen" — wo also einmal das Naturgesetz und zweitens die Möglichfeit einer!ii 11 ft t i ei; c 11 Störung desselben ausgesprochcn ist. Und wie im organischen Leben, so weist sie bei allen Erscheinungen der Nainr auf das Allen zu Grunde liegende, bei der Schöpfung ausgesprochene Gesetz hin. Aus der reichen Fülle von Belegstellen und herrlichen Schilderungen, die das in unzweideutigster Weise hervortreten lassen, heben wir nur aufs Gerathewohl einige wenige heraus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.