Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1883)
- Article
- Das jüdische Herz und das jüdische Pflichtgebot
- Date
- 1883-02-22
- Page
- 114 (sequence 2)
- Language
- German
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i 14 schenkt, so lange steht er im .,Dienste," mit dem Erwachen ans der Kindheit Dämmern trat er ein in diesen ״Dienst" und erst mit dem letzten Athemzng beschließt er diesen ״Dienst." אץ צווי אלא זרוז. Dies kommt auch der als Mizwa geübten Wohlthätigkeit zu Gute. Nur sie vcrmag auch eine Gcfammtheit zu ihrem Dienste zu haben, und nur sic vermag den Einzelnen stets bereit zu halten, unabhängig non Laune unb Stimmung, unabhängig auch von der mehr oder weniger sympathischen Erscheinung des Hülfsbedürftigcn. Darum ist es eine Wahrheit, daß auch die Wunder der jüdischen Wohlthätigkeit in erster Linie das Pflichtgefühl geschaffen hat. )kur so erklärt sich die gar nicht selten beobachtete Thatsache. daß selbst Menschen, zu deren Herzen die Stimme des Unglücklichen nicht leicht dringen würde, auf dem Boden des Gottes gesetzcS gleichwohl stets eine offene Hand und ein offenes Ohr für alle Anliegen der Wohlthätigkeit gehabt haben. Dieses Pflichtbewusstsein macht nach der Lehre N. Jchuda'S den jüdischen Menschen stark und fest in der Hebung des Guten; denn cS heiße bei der Bestimmung Josna'S zum Führer des Volkes: /צו או יהושע וחזקהו ואמצהו. Dadurch, daß Josua diese Bestimmung als ,מצוד ausgesprochen worden, sei sofort seine ganze Geistes- und Willenskraft in den Dienst dieser seiner Lebensaufgabe gestellt worden. Ganz ebenso wohne allen göttlichen Gesetzen, die uns als Mizwa dastehen, die Kraft innc, uns stark und fest zu machen zu ihrer Erfüllung. Stark: alle Schwierigkeiten zu überwinden, stark: alle Opfer freudig zu bringen, die die Pflichtthat von uns fordert. Und fest: allen Verlocknngcn zu widerstehen, fest: gegen die tausendfältigen Vorspiegelungen, mit denen Habsucht, Geiz und Genußsucht uns von der Erfüllung abzuhaltcn, und gegen die Beschönigungen, mit denen sie das Gewissen einzuschläfern suchen. Jedoch fügt daS Wort der Weisen bedeutungsvoll hinzu: לפי דרכינו למדנו שאין מהזקין אלא המוהזקץ ואין מזרז ין אלא המזורזץ. Nicht voran ssetznngslos und nicht Jedem bringt צווי auch זירוז und bringt זירוז auch sofort חיזוק, 'Nicht einen Jeden macht das Pflichtgcbot ״mobil", und nicht einem Jeden verleiht diese ״Mobilmachung" sofort Thatkrast und Festigkeit. Nur wer מוחזק und מזורז ist, nur wo in der Anlage die Kraft und die Empfänglichkeit gegeben und durch Erziehung und Uebnng die Lebendigkeit und Nüstigkeit im Gehorchen hcrangebildet ist, nur da vermag das Pflichtgebot jene Wunder zn vollbringen. Gott hat sehr wohl gewußt, welches Volk er sich für die Lösung seiner Aufgabe erwählen sollte, Gewiß ist daS jüdische Herz mit seiner ewigen Bereitschaft für treue Pflichterfüllung erst das edelste Erzeugnis des Mizwa׳ Lebens. Allein, wäre dieses jüdische Herz nicht in der Anlage vorhanden gewesen cmd hätte die zum Volke heranrcifcnde Jakobsfamilie diese Anlage nicht durch die Festigkeit und Stärke in dem Beharren bei dem Guten und in dem Ueberwinden alles Entgegenstehendcn bewiesen und bewährt —: ein Volk ohne jüdisches Her; hätte Gott nie und nimmer für seine Menschheit erziehenden Zwecke erwählt, )kur weil wir מווזזקין waren, konnte Gott erwarten, daß die מצות uns חיזוק bringen würden und nur so lange wir מזורזין bleiben, werden sie uns stets זירוז bringen. Denn was ist das Wesen und der Sporn dessen, was man jüdisches Herz nennt? DaS stete freudige Bercitscin, alles DaS für das Wohl des Andern zu thlin, was der unveredelte Mensch nur für sein eigenes Wohl thnt. Der unveredelte Mensch hat ein offenes Auge für die Erkenntnis des für ihn Nützlichen, einen scharfen Blick für die Wahrnehmung alles seinen: Interesse Schädlichen, er hat eine rasche und glückliche Hand in der Benutzung der Umstände, er entwickelt rastlosen Eifer und Thatkrast und AuSdaner, um auch unter widerstrebenden Verhältnissen zum Ziele zu gelangen. Dieses Ziel aber ist sein eigenes Wohl. Alle diese Geistes- und Willenskräfte nun, die der unveredelte Mensch nur für sich entfaltet, denselben Scharfblick, dieselbe Thatkrast, dieselbe AuSdaner, stellt derjenige Mensch, in dessen Brust ein jüdisches Herz schlägt, auch in den Dienst derFörderng des Wohles seiner Mitmenschen. Dort war die Selbstsucht die mächtige Triebfeder, hier ist eö daS lebendige Pflichtgefühl. Die Selbstsucht ist aber in ihrer Anlage ein berechtigter, angeborener und nothwendiger Naturtrieb. Wodurch gewinnt nun daS Pflichtgefühl die Kraft, diesen Trieb zu meistern? Denn cS gilt ja nicht nur eine Triebfeder zu ersetzen, sondern ihre 'Macht mllß ja bis zu einem gewissen Grade gebrochen, ein anderes als das eigene Selbst zum Mittel- und Zielpunkte deS StrebenS, ein anderer als der eigene Wille zum maßgebenden und bestimmenden gemacht werden. Da giebt es nur Eines, welches die Kraft hat, daS Pflichtgefühl bis zu jener Stärke anSzubildcn, die nicht nur die Selbstsucht zn meistern, sondern den Menschen bis zn jener Virtuosität im Vollbringen des Guten zu führen weiß, die keinen Kampf mehr zu bestehen und keine Unsicherheit zu überwinden hat, uub dieses Eine ist das jüdische Mizwa-Leben. Dieses ganze MizwaLebcn ist — abgesehen von dem Selbstzwecke der Mizw oth — Eine große Schule der Selbstbeherrschung. Jeder Tag des jüdischen Menschen besteht in einer Reihe von Ucbnngcn in der Ktlnst der freien Unterordnung uuter das Gebot der Pflicht. Diese Uebungcn beginnt er mit der frühesten Kindheit und setzt sie fort so lange er lebt. Und diese Erziehung 1 beginnt ohne direkte Einwirkung, durch das bloße