Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-02-22 · Heft 8 (22.2.1883) · p. 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 8 (22.2.1883)
Article
Das jüdische Herz und das jüdische Pflichtgebot
Date
1883-02-22
Page
115 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933005-2951997--11974-2952048
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

115 Beispiel des PflichternsteS der Eltern. Die Blume, die das vierjährige Kind am שבת nicht bricht, der Grashalm den cs nicht auSrcißt, weil es שבת ist, die int wahrhaft jüdischen Hanse von selbst sich hinaus׳ lebende Sorgfalt, mit der das vierjährige Kind eS vermeidet, die Milchtassc unter Flcischgeschirr zu setzen und die Freude, die cS cinpsiudet. wenn cs alles au den richtigen Platz gestellt, was sind dies alles Anderes als freie spielende Ücbungen in Seldstbeschräukung der Willkür, in Unterordnung dcö eigenen Willens, des eigenen Wunsches und der eigenen Bequemlichkeit unter das Pflichtgebot, dem cs auch seine Eltern freudig sich untcrordneu sieht? Und wenn eS, in der Entwickelung fortschreitend, nun erst wahruimmt, wie der sonst im Geschäft rastlos thätigc Vater das Opfer des Verdienstes am שבת gar nicht als Opfer empfindet, — ״und der Vater ist doch schon groß und kann also doch thnn was er will," kein Mensch hindert ihn am Verdienen, keiner am Nanchen, keiner am Tragen und er thnt dieses alles nicht, weil ״Gott cs so haben will" — wer ermißt den tiefen, tiefen Eindruck, den allein dieses Beispiel auf das Kindcrgemüth auSübt? Und nun nach solchen spielenden Vorübungen das Leben des zur vollen Pflichtübung heranreifcndcn Knaben und Iünglings und späteren Mannes! Wie wird er fortwährend unbewußt in freier Selbstbeherrschung geübt! Er hat Hunger, — er hat noch nicht gebetet; er hätte gern noch geschlafen, — cs wäre ihm zu spät geworden mit dem Beten. Jetzt könnte er essen, — er hat sich noch nicht gewaschen. Der innere Mahner, daß er nicht dem Impulse der eigenen Willkür folgen dürfe, verläßt ihn nicht und schweigt nicht beit ganzen Tag. — Und nun erst die Beobachtung der Spcisegcsctze außerhalb des HauscS und aus Reisen — da sind überall die Tische gedeckt, er könnte tafeln wie ein Fürst und er muß sich begnügen wie der ärulste Bettler — wir heben hier absichtlich nur sich׳ auch dem oberflächlichstcu Blicke darbielendc Momente des PflichtlcbcuS hervor — überall wird er gewöhnt und geübt, Opfer an Geld, Zeit, Krast, Genuß zu bringen und die an sich berechtigtsten Triebe nicht zu unterdrücken, aber sie zu beherrschen.- Und da steht kein äußerer Treiber und Dränger hinter ihm! Wahrlich, nicht der Menschen Mißfallen hätte er zu fürchten bei der Ucbcrtretung, ihr Beifall vielmehr wäre ihm sicher, sie belächeln ihn ja wegen der Opfer, die er bringt. Also nur die Gewöhnung, ans die Stimme der Pflicht zu hören, sich stets und stets unter dem Auge seines Gottes zu wissen, sie allein läßt ihn diese Opfer bringen, bis er sie gar nicht mehr als Opfer sühlt. So erhält ihn das Mizwa-Leben in stetem זירוז, stets mobil, in steter Unterordnung unter das Pflichtgebot, stets bereit, seine ganze Persönlichkeit eiuzusctzcn für die Vollbringung der Pflichtthat. Da sinken die Fesseln der Selbstsucht und es sinken die Bande der Genußsucht, und es weitet sich der Blick, der sonst nur den Kreis der eigene» Interessen schaute, und eS weitet sich die Brust, in der sonst nur das eigene Ich thronte, und׳ zu innerer Freiheit erstehet er und richtet sich auf, der Mensch, der sonst vor dem Götzen des eigenen Ich im Staube gelegen. Und mit den Banden der Selbstsacht von seinem Herzen sinkt auch die Binde von seinen Augen und er erblickt iu der Wesen Fülle, die ihn umgicbt, GottcSgcschöpfe gleich ihin, und in allen Menschen neben ih!n Kinder seines Vaters, und in dem Morgenrot!) seines inneren Himmels leuchtet eine Ahnung auf von dem LeligkeitSgcsühl seiner AbrahamS. Bestimmung ,היה ברבר, Segen zu werden in dieser Gotteswelt und für diese GottcSwelt. Und wenn jetzt sein Gott zu ihm spricht: Gieb dich der Förderung deines Menscheubrudcrs in Liebe hin, stehe nicht ntüssig bei seinem dahinströincuden LebenSblnte, sei barmherzig, folge den Regungen deines Herzens und öffne, öffne stets deine Hand deinem armen Bruder, sei stark für den Schwachen, reich für den Armen, sehend für den Blinden, sei ein Annehmer aller Elenden, Verlassenen und Verwaisten auf Erden —: so ist cS nicht mehr ein äußeres Pflichtgcbot, das er getreulich, aber kalten Sinnes erfüllt. Einen mächtigen Wiederhall wecken diese Worte seines Gottes in den! Hciligthum seines Innern, denn sic wecken alles Edle und Herrliche, alles Göttliche in ihm. Der Engel im Menschen regt seine Schwingen, Harmom'cn durchziehen seine Brust, — zu seiner eigentlichen ewigen göttlichen Natur hat er sich emporgernngcn — und vollbringt nunmehr in seliger freier Hingebung, als Ausströmung dieses seines ureigenen Wesens, daS Gebot seines Gottes, das ja in Wahrheit nichts Anderes ist als der Ausspruch des seinem eigentlichen Wesen in tiefster Wahrheit Entsprechenden. — DaS ״steinerne Herz," wie der Prophet cS nennt, ist geschwunden, das ״menschlich" fühlende, das ächte ״jüdische Herz" ist an seine Stelle getreten. — — Und dieses Wunder der Reugeburt des Menschen zun! Menschen, diese Schöpfung des jüdischen Herzens — offenbar nicht dieses Herz: das jüdische Pflichtgebot, daS jüdische Mizwa-Lcbcn hat cs vollbracht. _ _ _M. H. SktrchtMM über die WmfrM in DknWlind. viir. Und die gleiche Bewaudtniß hat cs mit dem angeblichen ״nervösen Andraugcn nach äußeren Ehrenstetten,"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.