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Jeschurun · 1883-02-15 · Heft 7 (15.2.1883) · p. 98

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 7 (15.2.1883)
Article
Das jüdische Herz und das jüdische Pflichtgebot
Date
1883-02-15
Page
98 (sequence 2)
Language
German
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ist dieser Vertreter immer wach, ist er immer zu Hause, ist er immer zugänglich? Und ist er immer in gleichem Maße wach und rege und lebendig? Wer nur aus Gefühl wohlthätig ist, bei dem hängt es immer von äußeren Umstanden, oft von reinen Zufälligkeiten ab, ob und in welcher Stärke das Gefühl erregt und demgemäß, ob und in welchem Umfange die Pflicht der Wohlthätigleit geübt wird. Wer aus Gefühl wohlthatig ist, handelt häufig int tiefsten Grunde mir aus Egoismus; mau thut sich wohl, indem man Andern wohlthut. Wer deshalb nur aus Gefühl wohlthätig ist, kann sehr wohl gleichzeitig Mitglied eines ArmenvercinS sein, der nur zu häufig geneigt ist, so lange nicht das Gegentheil erwiesen, in der Armuth ein Symptom sittlicher Verkommenheit und in dem Bettler fast nichts besseres als — einen Dieb zu erblicken. So ist das Gefühl ein überaus unsicherer Faktor, selbst für die Förderung jener Zwecke, für welche es unter Umstünden vorhanden ist. Allein es giebt einen großen Kreis von ebenso wichtigen, ebenso heiligen humanen idealen Zwecken, die außerhalb des Gebietes der gewöhnlichen WohlthätigkeU liegen und für welche eben das dem jüdischen Pslichtlebcn abgewendctc ״jüdische Herz" gerade — gar kein Herz hat. Ferner ist freilich das jüdische Herz das letzte, was von den jüdischen Eigenthümlichkciten verloren geht, es ist diejenige Errungenschaft, die am längsten in den auch dem jüdischen Leben bereits entfremdeten Kreisen noch andanert und zwar in einem Grade, der dem jüdischen Stamme zum gerechten Ruhme unter allen Menschengenossen gereicht. Allein man vergißt, daß dieses jüdische Her; und Gefühl nur ein Produkt des ganzen mehrtansendjährigcn Mizwa-Lebens ist, welches die Väter und Mütter in gottgeweihter Pflichtthat und Lebensheiligung vollendeten. Die Söhne und Töchter, die den Boden dieses Mizwa-LebcnS verlassen haben, sic zehren von dem Erbe ihrer in Gott ruhenden Väter und Mütter, aber sie vermehren cs wahrlich — nicht. Denn im jüdischen Kreise ist das Herz, das lebhafte, rege Gefühl für alles Gute, cin Erzeuguiß der Mizwa, mit nichtcn aber die Mizwa ein Erzenguiß des Gefühles. Nur die Mizwoth haben den jüdischen Menschen zu jenem freudigen Bereitscin erzogen für alles Humane, zu jener lebendigen Theilnahme an allem Wohlthnendcu, zu jener verständnißvollen Opferfreudigkeit für jedes ideale Anliegen der menschlichen Bestrebungen. ואתה ת צ ו ה את גני ישראל, und nur das Bewußtsein der Pflicht ist cs. in den! unsere Thaten wurzeln sollen. Wo aber das Pslichtgebot die Wurzel unserer Handlungen ist, da heißt es nach dem Worte der Weisen in Sifra: למדנו שהצווי מיד בשעת מעשה ולדורות, da bedarf cS nicht erst besonderer Gelegenheiten, um die hingebungsvolle Thätigkeit und Opserwilligkeit zu erzeugen. Nicht etwa nur in den seltenen Frühlings- Augenblicken, in den Momenten ckstasischer Wonne, wo auch der Alltagsmensch für einen Augenblick die Fesseln der Selbstsucht abstreift, oder in jenen bangen Nachtstunden des Lebens, wo der Mensch vom Verluste des Thenerslen bedroht ist oder den Boden seiner materiellen Existenz unter den Füßen wanken fühlt; vielmehr מיד ולדורות, derselbe צווי, derselbe Pflichternst, der den Menschen heute auf den Posten stellt, er stellt ihn auch morgen wieder auf den Posten und übermorgen und mit jedem Tage, den Gott ihm schenkt, unabhängig von Gefühl und Stimnnmg, unabhängig davon, ob das Tagesgestirn seines Glückes im Aufgang oder im Niedergang begriffen. Derselbe Pflichternst, der den Greis beseelt, erfüllte auch schon den Knaben, derselbe Pflichteifer, der den Großvater bereit sein ließ Tag für Tag zur Vollbringung alles Edlen und zur Förderung alles Guten, er weiß auch den Enkel zu begeistern und ihn einstehen zu lassen mit seiner Persönlichkeit und seinen Gütern für denselben Dienst des Edlen und Guten. מיד ולדודות, nur צווי, nur das Pflichtgebot ist es, welches die ganze Reihe der jüdischen Geschlechter zu einer Einheit aneinander schließt. Nur das Pflichtgebot bewirkt es, daß ein und derselbe Lebensstrom alle jüdischen Geschlechter die Jahrtausende herab dnrchströmt, sie für dieselben Ziele bereit, von denselben Motiven geleitet sein läßt. Nur das Pflichtgebot ist es, das sie aus jeder zeitlichen und räumlichen Umschrünkung cmporhebt und sie Alle, alle die zeitlich durch Jahrtausende Getrennten, zu der Einen, ewigen großen Jakobsfamilie macht, in der Jeder den Andern kennt, Jeder den Andern versteht, in der es keine Trennung giebt und keinen Tod, in dem das Wort sich verwirklicht: חייט כלבם היום, Ihr Alte seid mit jedem Tage in LebcnSfrische beisammen! Ja wohl למדנו, haben wir es gelernt שהצווי מיד ולמדות! Nur das Pflichtgebot bewirkte in jenen Kreisen, wo sein das Szepter und sein die Krone, das Wunder, daß, wenn cs den vor Jahrhunderten Heimgegangenen Ahnen vergönnt wäre, ans ihrer seligen Höhe herniederzusteigen und cinzutreten in das HauS, in den Familienkreis, 1 in das Berufsleben der späten Enkel und Enkelinnen, sie — sich vollständig wieder finden würden. Die Aeußerlichkcitcn ein wenig verändert, vielleicht, — aber des Lebens Inhalt in Gesinnung und Streben und That: nichts als ihres eigenen Lebens Wiederholung erblickten sie. Dieselbe מזוזה an der Thür, die dieselbe Vcrwirküchnng findet in dem כיבוד אב ואם, in der Innigkeit zwischen Eltern und Kindern,

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