Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1883)
- Article
- Das jüdische Gotteshaus
- Date
- 1883-02-08
- Page
- 82 (sequence 2)
- Language
- German
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62 dadurch aber nährt und befestigt er nur den Wahn, inan habe durch die Sorge für Gotteshaus und Gottesdienst seinen .religiösen Pflichten bereits vollständig Genüge geleistet, und erzeugt jene* Gefühl der Sicherheit und Selbstzufriedenheit, welches jede darüber hinausgehende Anforderung mit völliger Gcmüthsrnhe als unberechtigt zurückweist.und jede Regung des Gewissens, die in der Tiefe des Gemülhes durch die Erfahrungen und Wccbselsälle des Gebens wach werden könnte, im Keime erstickt. Deshalb ist das Gotteshaus in einem Kreise, der Gott als ״seines Bildners und Gestalters vergessen hat" das vollendete Gegentheil von dem Gotteshause in einen! Kreise, .der sich von Gott ״bilden" und sein Leben in allen seinen Beziehungen ״von Gott gestalten läßt", und eS gilt somit von dieser uralten, von dem Propheten beklagten Fälschung des Gotteshauses dasselbe, was wir jüngst von der-modernen Fälschnng des Sabbath nachwiesen: Es bringt den Menschen nicht in die Gottesnähe, sondern es erhält ihn in der Gottesferne. Jedoch nur in einem Geschlcchtc, welches — wie es in jener Schilderung zuvor heißt — seine Pfasscn planmäßig und systematisch in gänzlicher Unkenntniß des GotleSwortes zu erhalten gewußt halten, konnte ein solcher beklagcnswerther Wahn Platz greisen. Denn ein Blick in unsere Sidra, ein flüchtiger Blick ans den Zeit- Punkt der Anordnung des ersten Gotteshauses und auf seine Einrichtung genügt, um einen jeden solchen Gedanken aus dem jüdischen Vorstellungslreise zu bannen. Denn während die moderne Anschauung als ersten Akt der Koustituiruug des Bolkcs sofort nach der Befreiung ans Egypten die Anordnung des Baues des Gotteshauses in erster Linie erwarten würde, kennt das Gotteswort eine ganze große Reihe von Gesetzen und Akten, die der Anordnung des Stiftzeltes, dieses ersten Gottes- Hauses, voranzugehen hatten. Auf בשלה folgt erst תרו' und משפטים, auf die Gewinnung der Freiheit erst die Kousiituirnng des Volkes nicht durch Tempel und Opfer, sondern durch das Gesetz. Ans עבדי פרעה mußten wir erst in freier Selbstbestimmung עבדי ד׳, ans Sklaven Pharao's freie Diener Gottes geworden sein, mußten zu der durch Gott gewonnenen anßcren Freiheit erst am Sinai der nur durch eigene freie Sclbstbestiminnng zu gewinnenden inneren Freiheit הרות על הלוהות, theil hastig geworden sein, mußten erst die große משפטים Gesetzgebung empfangen haben, welche dem ganzen Einzel- und Familien-, dem sozialen und dem staatlichen Leben den Weihestempel des göttlichen Gesetzes anfprägt, und diesem Gesetze mußte erst der Fahneneid einiger Treue geschworen und auf diesen Treuschwur erst der Gottesbund gegründet sein, bevor Gott in תרומת nun für die immer fortschreitende Verwirklichung dieses Gesetzes und die immer fortschreitende Befestigung dieses Bundes die Errichtung des משק anordnete. Denn nicht um eine Kirche zu gründen oder um einen Mcnschenkreis zu gewinnen, der ihn ״anbete" ״im Geiste und in der Wahrheit," hat Gott uns befreit, sondern! ולקהתי אתכם לי לעם, um ein ganzes Volksleben für die Vollbringung seines Willens zu gewinncn, einem ganzen Volksleben in allen seinen Be- Ziehungen die Richtung auf das Ideal des höchsten, reinsten, edelsten, vollendeten Menschthums zu geben, denn dies und nichts anderes ist der Inhalt der ganzen göttlichen Gesetzgebung, dazu hatte Gott uns aus dem Tode zum Leben, aus der Knechtschaft zur Freiheit geführt, dazu den jüdischen Stamm im Kreise der Menschheit zum Depositär seiner Offenbarungen als Herrn der Natur und als allniächtigen Leuker der Geschichte erwählt. Dieser Zweck mußte erst sicher gestellt und nur für die in ewigem Fortschritte anzustrcbcnde Erreichung dieses Zweckes sollte das משק gebaut werden. Das jüdische Heiligthum ist somit nicht nur Gott, cs ist seinem Gesetze gebaut. Das Erste, dessen Herstellung ungeordnet wird, ist deshalb der ]ארו, die Lade für die Tafeln des Gesetzes und dann erst ].שולר und ״ ,ממרהTisch und Leuchter." Denn nur durch das Gesetz und nur für das Gesetz gewinnt der jüdische Mensch ״Tisch und Leuchter" — das ist die Lehre des Hciligthums. Es fordert die Gestaltung unseres ״Tisches"*) also die Gestaltung unseres ganzen erwerbenden und genießenden, menschlichen und bürgerlichen Lebens, sowie die Gestaltung unseres ״Leuchters," also die Leitung und Entwickelung unseres erkennenden Geistes in goldgedicgcncr Reinheit, הב טהור!, durch das Gesetz; cs fordert die Umwandlung unseres ganzen irdischen Seins zum דיה מהוה לדי durch das Gesetz. Nur דביר, die Stätte des göttlichen Wortes ist unser קדש :[דשים, unser Allerhciligstes, nur es!nacht unseren Teinpel zum מקדש und zun! משק, zu seinem Oucll wahrhaftigen Lebens, aus dem wir den Lebenslrunk geistiger Erleuchtung und sittlicher Erstarkung schöpfen für die Vollendung unseres Lebens nach Seinem Willen (מקש), und uns dainit des höchsten Gutes: der schützenden und segnenden Gottesnähe thcilhaftig!nachen (]מיטב). Wer daher diesen Teinpel betritt, stellt sich dainit auf den Boden des Gesetzes und empfängt den Ruf: Nur durch sein Gesetz kommst du zu Gott, und nur in der Huldigung seines Gesetzes erkennt Gott Seine Huldigung. Als deshalb nach vierhundcrtundachtzig Jahren Schelomo an die Stelle des Wanderzelteö den bleibenden Prachttempel baute, hatte Gott vor Vollendung desselben ') S. das Nähere Hirssch Pentateuch II. S. 377 ff.