Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1883)
- Article
- Das ganze Gesetz
- Date
- 1883-02-01
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933002-2951778--11817-2951814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
üü gungcn für Gott erfüllt ist, so kommt es auf das äußere praktische Leben weniger an; dies hat überhaupt mit der Religion eigentlich wenig;u thun. Da meinen die änderen, es genüge, wenn man nur wcrkthütig die מצות erfülle, die Erleuchtung des Geistes, die Veredtung des Gemüthes habe aber mit der ״Frömmigkeit" eigentlich weniger zu thun. Den Einen wie den Andern tönet mahnend, warnend, zürnend der Ruf von Ruf von Sinai entgegen: ״Gott sprach alle diese Worte!" Er sprach nicht nur: אגני und: לא יהיר, לך, Ich sei dir Gott und nichts Anderes sei dir Gott, sondern auch: לא העשה כל מלאכה, du sollst am Sabbath keinerlei Werk auSführen. Und Er sprach nicht nur: לא העשה פל מלאכה, sondern auch: לא תחמוד, lasse in deinem Herzen kein Gelüste aufkommen nach irgend einem Gute deines Nächsten. Die Anerkennung Gottes im Geiste, und seine Berchrnng i!tt Gemnthe hat keinen Werth, wenn sie sich nicht in der rechten That äußert, und umgekehrt hat das äußerlich gesetzmäßige thätige Leben vollen Werth erst dann, wenn diese Gesetzmäßigkeit ans dem reinen tiefen Grunde geistiger Erleuchtung und Emporhebung des Gemüthes zu Gott ruht. Wiederum Andere scheiden zwischen den מצות שנין אדם להנרו und den מצות שנין אדם למקום, den Pflichten gegen den Ncbcnmcnschen und den Pflichten, wie man in mißbräuchlicher Gegenüberstellung spricht, gegen Gott. Eine Scheidung, die ja gerade in unserer Zeit vielfach gemacht wird. Wenn mau nur aufrichtig und ehrlich, gerecht und menschenfreundlich ist, so hat man den Ansprüchen seines Gottes genügt — so sprechen die Einen. Wenn man Sabbath u׳nd Festtage streng hält und die Speise- und Neinheitsgesetze gewissenhaft beobachtet, so ist man fromm und darf des göttlichen Segens gewärtig sein — so denken die Andern. Und wiederum tönt den Einen wie den Andern mahnend, warnend, zürnend die Gottcsstimmc vom Sinai entgegen: ״Gott sprach alle diese Worte!" Wohl hat Gott als ״Zengniß" der Grundlegung seines Gesetzes uns zwei Tafeln übergeben, und wohl enthält die Eine dieser Tafeln Gesetze, welche Basis, Ziel und Mittel zur Gewinnung und Erhaltung der absoluten Reinheit und Heiligkeit unserer Beziehungen zu Gott als unserem ausschließlichen Herrn und Schöpfer bilden, wahrend die andere Tafel Gesetze enthält, welche Basis und Ziel der Heiligung unserer Beziehungen zu unseren sieben Menschen darstcllcn. Allein beide Tafeln sind völlig gleich, gleich göttlich, gleich bedeutungsvoll für die Erreichung unserer Bestimmuug und von gleicher Wichtigkeit für die Gewinnung unseres Heiles. Wie dies das Wort des Midrasch lehrt: חפרלחתנתיב, beide Tafeln erscheinen als eine Mehrheit, in tiefem Grunde aber bilden sie in Wahrheit die vollendetste Einheit. Die sittliche Kraft, den Inhalt der zweiten Tafel zur Wahrheit zu machen, gewinnen wir nur durch die treue und volle Bcrwirklichung der ersten Tafel. Nie und nimmer werden wir dem Ideal der Weihe unserer Beziehungen zu unseren Menschenbrüdern nahekommen, nie und nimmer die Pflichten der Menschlichkeit, wie Gott sie versteht, der Menschenliebe, wie Gott sie versteht, jene Hingebung an das Wohl des Nächsten, jenes Mitgefühl, jene Mitfreude, jene Selbstlosigkcit, jene Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung aller Pflichten als Hüter seines Eigcnthums, als Beschützer seines Lebens, als Wächter seiner Gesundheit, als Bertrcter seiner Ehre, jene Gewissenhaftigkeit, die sich vor Gott verantwortlich fühlt für jede Schädigung seiner Lebensfreude und seiner Gcmüthsreinheit, die sie hätte abwenden können, sich verantwortlich fühlt für jede Erhöhung seiner Lebensfreude und seiner GcmüthSreinheit, deren sie ihn hätte theilhaftig machen können — nie und nimmer werden wir auch nur dazu gelangen, auch nur die Möglichkeit zu begreifen, solche Anforderungcn ernsthaft an uns zu stellen: wenn wir nicht aus der steten treuen und rückhaltlosen Hingebung an die Verwirklichung der מצוה שנין אדם למקום die Schwingen gewinnen, die uns in den Kreis der Engel um Gottes Thron, in den Kreis jener gottdiencnder Wesen heben, die ״stark sind in Kraft und vollbringen sein Wort, nur um zu gehorchen der Stimme seines Wortes!" Und umgekehrt haben wir nie und nimmer auch nur angefangen, den Inhalt der ersten Tafel, die מצות שנין אדם למקום in unserem Leben in Wahrheit zu verwirklichen, ist viclinehr unsere vermeintliche Frömmigkeit nur Schein und unsere Gewisfenhaftigkeir nur Trug, so wir dieselben nicht sofort in der Heiligung und Weihe unserer gesammten Nebenmenschen bethütigen. Wer רע לנריוה ist, ist nie und nimmer מוב לשמים — das ist die Lehre unserer großen ״Pharisäer!" — Ebenso hat man innerhalb der speziell das Menschenleben betreffenden Gesetze geglaubt, einen Unterschied machen zu dürfen zwischen den Gesetzen, deren Erfüllung oder Nichterfüllung unmittelbar den Neben- Menschen berühren, also bcu Gesetzen über den Handel . und Wandel mit Menschen, und jenen Gesetzen, deren Erfüllung oder Nichterfüllung, wie man glaubt, nur für das eigene Wohl von Bedeutung sei. Jenen freilich glaubt man die größte Wichtigkeit beilegen zu müssen, da ja von ihrer Beachtung das Wohl der ganzen Menschengcsellschaft abhänge, diese aber, die unsere Sittlichkeit, die Beherrschung unserer Sinnlichkeit zum Gegenstände und Ziele haben, gingen nur den einzelnen Menschen an — und vergißt, daß ja die Gesammthcit nur aus Einzelnen besteht, und baß nur הזק ואמיץ לאת׳, nur sittlich gesunde, in Selbst-