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Jeschurun · 1883-01-18 · Heft 3 (18.1.1883) · p. 36

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 3 (18.1.1883)
Article
Salomonische Spruchweisheit
Date
1883-01-18
Page
36 (sequence 2)
Language
German
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Selbst von seinem Freunde wird Unfreundlichkeit dem Verarmten, Den Neichen lieben Viele, (fl. 14, 20.) Viele umwerben des Freigebigen Angesicht Und alles Zugcsellcn gilt dem Mann der Spende. Alle Verwandten des Verarmten werden ihm böse, Geschweige denn, daß seine Bekanntschaft von ihm fern bleiben, Während er ihren Reden nachgcht, daß sie die Seinigen wären, (fl. 19, 6. 7.) Der Mensch sehnt sich nach der ihm verheißenen Liebe, Besser aber ein armer, als ein täuschender Mann. (K. 19, 22.) Besser ein Armer, der in seiner Unschuld fortgeht, Als den auf Doppelpsadcn in Krümme Wandelnde, wenn er auch reich ist. (K. 28, 6.) Besser ein Armer, der in seiner Unschuld fortgeht, Als den mit seinen Lippen die. Krümme suchenden, und Er ist der Thor! (K. 19, l.) Die beiden Schichten, in welchen die Gesellschaft — im Geiste unserer Sprüche dürfen!vir sagen: leider — aus einander klüstet, die Neichen und die Armen, sind beide von gleicher UrthcilS- und GesinnungSschwäche befangen, und verschulden beide in glcichein Maaßc die sittliche Verirrung der ihnen Gegenüberstehenden. Der Reiche wie der Arme, der Arme wie der Reiche, überschätzen nur allzusehr die Bcdcntnng dcS Neichthumö für den wirklichen Werth des Menschen, vergessen nur allzusehr, daß cs noch ganz andere Momente giebt, die über die Würde des Menschen entscheiden; und durch diese Ucbcrschätznng und Vergessenhcit geht das wahre Heil des Neichen und des Arinen verloren. Der Reiche sicht in seinem Reichthun׳, eine nnübertreffliche Burg von Hoheit und Macht, der Arme benrtheill - den Ncichthum ganz in glcichcr Weise, und weil er keinen Anthcil an dieser ״Burg" hat, füllt ihn das Bewußtsein dieses Mangels mit sein ganzes West:: ״brechendem" Schrecken; und sic bedenken beide nicht, daß nicht die Sunnne des Errungenen, sondern das ״Wie" dcS ErringenS, die Gesetzes und Pflichttreue oder deren Gcgcnthcil, die sich beim Schassen und Erringen des Besitzes bcthätigt, über den Werth des Besitzes für das wirkliche Heil des Besitzers entscheidet; vergessen, daß noch viel kostbarer als Neichthum und Gold und Silber der gute Name und die Liebens- und Lobcnswürdigkeit sind, die nur durch ein ״gutes" Leben und Streben zu gewinnen sind. Beide, der Reiche wie der Arme vergessen, daß gerade die Vcrblcndung, w'ichc den Neichen in seinem Vermögen eine starke Burg und eine hohe vor Allem schützende Mauer erblicken läßt, daß der immer steigernde Hochmuth, zu welchem der Reichthum den Reichen verleitet, die Dauer seines ReichthnmS erschüttert und ih 0* einer sich vergreifenden Rücksichtslosigkeit bringt, r deren Folgen seine Burg und seine Mauer zusam״- brechen. Diese Ucbcrschätznng und Vergessenheit verscheucht die sittliche Wahrheit aus dem Verkehr und der Stellung der. Menschcnkkassen miteinander und gegeneinander. Der Arme verliert das Bewußtsein seiner durch keine Arinuth zu verlierenden Menschen- und Manneswürde, er vermag nicht gerade und aufrecht zu bleiben, und seine Rede klingt wie תחנונים, wie Flehen und Bitten; und dem Neichen fommt der Gedanke nicht, wie denn doch vielleicht der ihm gegenüber stehende Unbemittelte an geistigem und sittlichen!, an Menschen- und Manneswerth ihn um Armeslänge überragt, und in jedem seiner Worte spricht sich seine dreiste Ueber- Hebung aus. Und Beide, die Reichen und die Armen, verführen sich gegenseitig. Die Selbsterniedrigung des Armen steigert intmer mehr die Selbstüberhebung des Reichen und die Selbstüberhebung des Neichen bringt den Arinen zu einer größeren ' Selbsterniedrigung. Weil החנונים ידבר רש, darum ועשיר יענה עזות und umgekehrt. Beide vergessen es, und die Gesellschaft vergißt cs nur allzusehr mit ihnen, daß gar oft der Neichthum eines- Neichen seine sittliche Schwäche bezeugt, während die Arinuth eines Armen eben die Kraft seines sittlichen Erristes beweisen kann, die ihn davon zurückgehaltcn, pflichtvergessen mit dem kühnen Grifs ans den! Glnckestopf einer sich barbictcnbcn Gelegenheit sich auch zu den! Rang der Begüterten zu erheben. Und diese Ucberschätzung des NcichthnmS und Nichtbeachtung dcs Werthcs geistiger und sittlicher Größe:-, durchdringt alte Schichten der Gesellschaft und laß: Reichthnm und nur Neichthum da den Ansschlag gelten, wo ganz andere Momente, wo Geist und. Karakter die erste Geltung haben sollten. Bor Wunsch und Verlange׳.׳, des Neichen steht wie vor dein Herrscher dev Arme zurück, zumal dann, wenn er ihm verpslichü: geworden. Alles sucht die Gunst und die Bekanntschast des Neichen, und Verarnlung bricht selbst d:e Bande der Verwandtschaft und früheren Frcundschast, bereu vielverheißende Zusicherungen ans besseren Zeiten, der Heruntergekommene ivie einen Schatten, dem mcn! vergebens nachjagt, verschwinden sieht, (oder nach dem קרי die ihn versichert hatten, daß sie die @cnu־u. seien!) Denn cs sehnt sich der Mensch nach der Lieb׳ die man ihm zugesagt, der getäuschte Arme ist ab-.׳ besser als die, die seiner Arinuth willen an ihm \ . Lügnern geworden. Und doch sollte cS anders sein, doch sollte in d . Gesellschaft die in unscheinbarstem Anzüge erscheinen. Nechtschasse1ihe.it mehr gelten, als die vom Glück b i günstigte Verschlagenheit! Der in dem Einen gerade

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