Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1867-1868)
- Issue
- Heft 10-12 (Juli 1868)
- Article
- Angela
- Date
- 1868-07-01
- Page
- 389 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2932987-2932995-2951358--11244-2951459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von S... 389 neu Bewußtsein ihres Unglücks; in wilden Fieberphantasieu wähnte sie bald mit ihrem Gatten über baldige Abreise zu plaudern, bald ihr jüngstes Kind auf ihren Armen zu schaukeln. Die alte treue Köchin wich voll Angst und Sorgen die ganze Nacht nicht von ihrem Bette. In einem der dunkeln Kerker des Stadtgefängnisses wälzte sich inzwischen auch Marco schlaflos auf seinem harten Lager. Noch war er nicht zum Verhör gelangt, noch hatte man ihm nicht gesagt, um welches Verbrechens willen man ihn verhaftet, aber er zweifelte dennoch keinen Augenblick, um was es sich handelte. Seit er Gianna in Begleitung jenes Priesters, der sich der Kindesleiche bemächtigt hatte, gesehen, hatte er sich keinen Augenblick sicher gefühlt. Gianna kannte ja sein Töchterchen so genau, wie leicht konnte sie nicht entdecken, daß es ein anderes Kind war, dessen Leiche jene Bretter umschlossen. — Am liebsten wäre er unverzüglich geflohen, aber das war unmöglich. Seine Vermuthungen hatten ihn nicht getäuscht. Man konnte doch ein Christenkind nicht in diesem weißen ungehobelten Kasten lassen, ein einfacher aber anständiger Sarg wurde besorgt, und Gianna erbat es sich als Gunst, ihr schönes Kindchen darin betten zu dürfen. Man erlaubte es ihr, aber ein Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, als sie die Leich? erblickte. ״Das ist nicht mein Kind, nicht das Kind, das ich habe taufen lassen, das ist ein untergeschobenes, ein fremdes Kind!" Einer der Anwesenden bemerkte ihr, daß das Gesicht des Kindes von Blattern bedeckt sei und die Züge desselben daher wohl nicht mehr kenntlich. Einen Augenblick schien ihr dieses einzulenchten; doch noch zweifelnd, beugte sie sich nieder, es genauer zu untersuchen und entdeckte, daß das Haar der Leiche hellbraun und glatt anliegend, während ihr Kind, wie sie es nannte, ein dunkelbraunes Krausköpfchen hatte. Auf diese Angaben hin wurde der Vater eingezoge». Am folgenden Tage mußte er vor Gericht erscheinen, man führte ihn zur Leiche und forderte ihn ans, zu beschwören, daß sie die seines Kindes. Er erwiederte, daß die Blattern das Antlitz des Kindes unkenntlich gemacht, und daß er, da man gestern ihn desselben beraubt, heute nicht mehr im Stande sei zu beschwören, daß die vor ihm liegende Leiche, die seines Kindes sei.