Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1867-1868)
- Issue
- Heft 7-9 (April 1868)
- Article
- Angela
- Date
- 1868-04-01
- Page
- 288 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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288 . - Angela. seits der Grenze und in Sicherheit und du bist noch hier und ich vermag dich nicht zu retten! — Aber vermag ich's denn wirklich nicht, ist's nicht doch feige Furcht, die mich zurückhält? — Unbehelltgt wandert das Zigeunerweib durch die Welt, und um meiner Schwester Kind zu retten sollte ich^s jener nicht gleich thnn können. — Hätte ich nur Marco's Dolch, ich würde keinen Augenblick mehr zögern. Aber halt — auch Alberto hat Waffen, vielleicht finde ich in seinem Zimmer eine." Das Kind, die Wirkung des Opiats noch nachempfindend, war wieder eingeschlummert, Angela bettete es wieder auf das Kanapee, dann eilte sie in ihres Vetters Zimmer und ein Frcudenrus entfuhr ihren Lippen, von dem Schreibtische her, blinkte das Gewünschte ihr entgegen — Nun war ihr Entschluß gefaßt. Sie wollte als Zigeunerin verkleidet mit dem Kinde über die Grenze fliehen, im Nachbarstaat jedoch sich wieder anständige Kleidung zu schaffen suchen und dann nach Wien zu ihren Verwandten reisen. Mit Geld hatte ihr Schwager sie reichlich versehen. Jetzt erinnerte sie sich auch, daß sie den Rest jener dunkeln Flüssigkeit, womit Gtudttta des Kindes Haut gefärbt, ohne eigentliche Absicht zu sich genommen hatte. Hastig griff sie in die Tasche, das Fläschchen war noch dort. : Noch einmal schlich sie in das Zimmer ihrer Tante. Die Kranke schlief noch immer und auch die alte Wärterin war eingeschlummert.. Angela kehrte in's Wohnzimmer zurück, verriegelte die Thür und ging rasch an's Werk. Mit zitternden Händen zerriß sie ihre Ge- Wunder, um sich in Lumpen zu hüllen, wie jenes Zigeunerwctb, aus. ihre weiße Wäsche streute sie Asche, um sie gelblich zu machen, dann wusch sie sich mit jener dunkelfärbenden Flüssigkeit, und in weniger als einer halben Stunde erkannte sie sich selbst kaum wieder. Auch das Kind entkleidete sie, wickelte es in einige dunkeln Fetzen und band es sich aus den Rücken — Hörbar pochte ihr Herz. ״Stehe, Er schläft nicht und schlummert nicht, der Hüter Israels," flüsterte sie, sich selbst ermuthtgend und öffnete geräuschlos die Thür des Hauses. Aber ein wilder Schmerz durchzuckte ihre Brust, als sie die Schwelle nun überschritt, als zum ersten Mal in ihrem Leben, ihr nackter Fuß die Erde berührte — ES war ihr, als habe sie mit diesem Schritt mit ihrer ganzen Vergangenheit gebrochen, als sei